"Es gibt nichts zu bereden", sagt der Imam mit jener typischen Rötung auf der Stirn, wie sie bei regelmäßiger Verrichtung des muslimischen Gebets entsteht. Ein älterer Moscheegänger mit dichtem Bart sagt: "Alles, was wir wollen, ist Frieden." Weizhou, eine Kleinstadt in der Provinz Ningxia, gut tausend Kilometer westlich von Peking. Vor 1500 Jahren ließen sich hier entlang der alten Seidenstraße arabische und persische Händler nieder. Ihre Nachfahren sind die Angehörigen der Hui, der zweiten großen muslimischen Minderheit in China neben den Uiguren. Anders als diese sprechen die Hui keine eigene Sprache, sondern Mandarin. Zehn Millionen Hui leben heute im ganzen Land, weitgehend friedlich in die Mehrheitsgesellschaft integriert. Doch inzwischen sind auch sie betroffen von den Spannungen zwischen den Uiguren und der chinesischen Regierung. Seit Anfang 2017 hält der Staat schätzungsweise eine Million Uiguren in Umerziehungslagern fest, weil er sie als Islamisten verdächtigt. In vielen Regionen Chinas werden Moscheen abgerissen und Minarette entfernt. Metzgereien dürfen ihre Ware nicht mehr mit den arabischen Schriftzeichen für "halal" etikettieren, Läden den Koran nicht mehr verkaufen.

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In Weizhou entlud sich dagegen im vergangenen Sommer ein seltener Protest. Mit Spendengeld hatten die Bewohner sich ein neues Prachtgebäude errichtet, 2017 wurde es eingeweiht: mehrere Stockwerke hoch, weiß schimmernde Kuppeln und Türme mit Mondsichel, Platz für mehrere Tausend Gläubige. Im August 2018 dann erteilte der Parteisekretär der Stadt den Abrissbefehl. Die Gemeinde habe dubiose Spenden von Islamisten aus Saudi-Arabien angenommen, so die Begründung. Die Gläubigen wiesen den Vorwurf von sich. Und sie wehrten sich gegen den geplanten Abriss. Tausende Menschen strömten auf die Straße, Alte und Kinder kampierten friedlich vor der Moschee, Großmütter schleppten Kohlen und Töpfe an und bekochten Demonstranten, einige kamen Hunderte Kilometer angereist. Der Abriss wurde vorerst gestoppt.

Darüber will in Weizhou aber heute kaum jemand mehr so recht sprechen. "Stellen Sie bitte keine weiteren Fragen", mahnt der Imam leise und macht eine Handbewegung, die bedeutet, dass sein Büro abgehört wird. In einem Nachbardorf, erzählen Befragte im Ort, sei diese Woche ein Imam von der Polizei abgeführt worden. Sein Vergehen: Er habe zwei Jungen Koranunterricht gegeben. Die Angst greift hier wie in anderen muslimisch geprägten Regionen Chinas um sich.

Das Machtkalkül der kommunistischen Führung hat sich verändert. Es reicht nicht mehr, dass die Hui einen friedlichen Islam praktizieren und sich unauffällig verhalten. Alle Muslime des Landes sollen nun binnen fünf Jahren "sinisiert" werden, schreibt seit Januar ein Gesetz vor. Das heißt, sie sollen sich an die Mehrheit der Han-Chinesen, der größten Volksgruppe in China, assimilieren. Sie sollen kein Arabisch mehr lernen, keine religiösen Symbole mehr zeigen. In Weizhou schickten Behörden zum Frühlingsfest Anfang Februar sogar Drachentänzer vor die Moschee – passt euch an, so die unverblümte Botschaft.

Die Kampagne lässt Fragen offen, denn bis vor Kurzem suchte man hier ganz offiziell den Schulterschluss mit der arabischen Welt: Die Hui-Provinz Ningxia sollte ein wirtschaftlicher Dreh- und Angelpunkt entlang der neuen Seidenstraße werden, die Provinzhauptstadt Yinchuan zur globalen "World Muslim City" aufsteigen. Direktflüge nach Dubai, Amman und Kuala Lumpur waren geplant, entlang des Highways vom Flughafen ins Zentrum wehten die Flaggen der Arabischen Liga. Alle zwei Jahre lud die Provinzregierung zur sino-arabischen Handelsmesse ein, im Süden der Stadt eröffnete sie einen opulenten Freizeitpark für 30 Millionen Dollar mit Palästen und Tanzabenden wie aus Tausendundeiner Nacht. Hunderttausende Touristen aus dem Nahen und Mittleren Osten versprach man sich im Jahr. Die einheimischen Hui sollten qua Sprache und Religion als Kulturbotschafter fungieren, als Aushängeschild einer "harmonischen" Beziehung zwischen China und dem Islam sozusagen. Insgesamt vier Milliarden Dollar investierte die Provinzregierung in ihre Pläne.

Doch dann riss im 2000 Kilometer entfernten Xinjiang die Serie von separatistischen Terroranschlägen nicht ab. 2016 installierte Xi Jinping einen KP-Aufsteiger als neuen Provinzchef, der sich bereits in Tibet durch Unerbittlichkeit ausgezeichnet hatte. Nun sollte er unter den Uiguren für Ordnung sorgen. Seither wächst der Druck auf die Hui. "Um nach innen die Menschenrechtsverletzungen an Millionen von Uiguren zu legitimieren, verbreitet Peking seither das neue Narrativ, dass nicht nur wenige radikale Islamisten das Problem sind, sondern der Islam an sich", sagt Ma Haiyun, Professor für chinesische Religionswissenschaften an der Georgetown University in den USA. Als "Pan-Islam" bezeichnen offizielle Staatsmedien die angebliche Gefahr. Die Hui-Region Ningxia, in der es nie islamistischen Terror gab, soll nun Anti-Terror-Maßnahmen ergreifen. Das Vorzeigeprojekt, Ningxias Provinzhauptstadt zum Brückenkopf in die islamische Welt auszubauen, ist auf Eis gelegt.