Cristina Vadell hat ihren Vater zuletzt am 12. November 2017 gesehen, kurz vor dem Thanksgiving-Feiertag. Der langjährige Produktionschef einer Raffinerie im US-Bundesstaat Louisiana wurde zu einer dringenden Budgetbesprechung gebeten. Er sollte ins Hauptquartier des Mutterkonzerns kommen.

Die Reise, von der Tomeu Vadell und fünf weitere Kollegen nicht mehr zurückkehren sollten, führte in die venezolanische Hauptstadt Caracas. Die Männer arbeiteten für Citgo, ein Unternehmen mit Hauptsitz im texanischen Houston, dem Raffinerien, Pipelines und über 5.000 Tankstellen in den USA gehören. Citgos Besitzer aber ist das venezolanische Staatsunternehmen Petróleos de Venezuela (PDVSA), es wird also indirekt von der Regierung des Präsidenten Nicolás Maduro kontrolliert.

In Caracas wollte damals keiner mit den Angereisten das Budget besprechen. Sie wurden verhaftet und sitzen seither im Keller eines Gebäudes des militärischen Abschirmdienstes fest. Ihnen wird Korruption vorgeworfen, Maduro persönlich bezeichnete sie im Fernsehen als "Verräter". Die Beschuldigten – alles Venezolaner, die Jahrzehnte in den USA gelebt hatten – weisen die Vorwürfe zurück, ihr Fall ist noch von keinem Richter angehört worden.

"Mein Vater war für die technische Seite zuständig, er hatte mit Finanzen nichts zu tun", sagt Cristina Vadell. Die Citgo-Manager waren damals nicht die Einzigen, die ins Visier der Justiz gerieten. Dutzende Führungskräfte aus Venezuelas Ölbranche wurden in den vergangenen Jahren verhaftet. Auch der ehemalige Ölminister Nelson Martínez war darunter, er starb vor einigen Monaten in der Haft. Kurz nach den Verhaftungen wurden die Stellen der Citgo-Manager neu besetzt: Der neue Chef wurde nun Asdrúbal Chávez, ein Vetter von Hugo Chávez, dem 2013 verstorbenen Vorgänger und politischen Ziehvater Maduros.

Wer den Citgo-Konzern mit seinen milliardenschweren Dollargeschäften im Ausland kontrolliert, ist entscheidend für den Machterhalt in Caracas. Entsprechend hart griff Nicolás Maduro dort stets durch, und er besetzte Schlüsselposten mit seinen Vertrauten.

Jetzt ist der Kampf allerdings in eine neue Runde gegangen. Im Januar ließ sich der venezolanische Parlamentspräsident Juan Guaidó zum neuen Präsidenten des Landes ausrufen ( ZEIT Nr. 6/19), und er versucht seither, Maduro zu stürzen. Dabei genießt er die Unterstützung der USA und etlicher ihrer Verbündeten, auch die deutsche Regierung hat sich hinter Guaidó gestellt. Maduro will seinen Posten allerdings nicht räumen. Ein Weg, um auf ihn Druck auszuüben, geht über die wertvolle PDVSA-Tochter Citgo.

Also wird der Machtkampf um Venezuela wieder mal auch in Houston, Texas, ausgetragen. Ende Februar erklärte Citgo den bisherigen Aufsichtsrat für aufgelöst. Autorisiert hatte das das Team um den Umsturzführer und Parallelpräsidenten Juan Guaidó. Der bisherige, Maduro-treue Chef Asdrúbal Chávez erfuhr von seiner Absetzung, kurz nachdem er mit einem Firmenjet aus Caracas zu seinem Arbeitsplatz auf die Bahamas zurückgekehrt war. Warum auf die Bahamas? Chávez konnte das Unternehmen schon seit dem Sommer 2018 nicht mehr von Houston aus leiten, weil ihm die US-Regierung das Visum entzogen hatte. Er machte weiter, aber von der Karibik aus.

Rick Esser, ein US-Amerikaner, der bisher Citgos Manager für Compliance und Strategie war, wurde von dem neuen, Guaidó-treuen Aufsichtsrat damit beauftragt, einen neuen Vorstandschef zu finden. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Schon jetzt ist man bei Citgo in Houston um Distanz zu Maduros Leuten bei PDVSA bemüht. "Bei Anrufen aus Caracas sollen wir einfach auflegen", sagt ein langjähriger Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. Ein Ölbild von Simón Bolívar, dem südamerikanischen Freiheitskämpfer und venezolanischen Volkshelden, wurde aus der Chefetage entfernt.