Im türkischen Original erschien Das Haus aus Stein im Jahr 2009. Ein Text, der um eine Sprache für die ichzersetzende Erfahrung von Gefangenschaft und Folter ringt. Sieben Jahre später wurde Aslı Erdoğan verhaftet, weil sie Kolumnen für eine prokurdische Tageszeitung geschrieben hatte. "Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation" lautete einer der grotesken Vorwürfe. 132 Tage saß sie in Haft, ohne zu wissen, ob sie je wieder freikommen würde. Im Dezember 2016 konnte sie das Gefängnis verlassen, neun Monate später erhielt sie ihren Pass zurück und reiste aus. Heute lebt sie in Frankfurt im Exil, der Prozess dauert an.

Literatur kann nicht hellsehen. Aber klarsehen. Wenn ihr Sensorium für die Verwerfungen ihrer Zeit und für die innere Fragilität des Ichs fein genug ist. Das Haus aus Stein wird als Roman bezeichnet, ist über weite Teile aber eher ein Prosagedicht. Das titelgebende Gebäude steht für die Istanbuler Anstalt Sansaryan Han, die in der Türkei zum Symbol für die Folter politischer Gegner wurde. Hier ist es Teil einer imaginierten Stadtlandschaft: "Stellen wir uns in der Straße, die zum Haus aus Stein führt, ein Café vor und vor diesem Café, sommers wie winters, einen Mann."

Ausgehend von dieser Szenerie, umkreist die Autorin in intensiven poetischen Bildern die seelischen und körperlichen Verheerungen, die in jenem steinernen Bau Gestalt annehmen. Auf den Mann aus dem Café, A genannt, kommt sie immer wieder zurück. Er ist der Schmerzensmann im Gewand eines verrückten Clochards. Gegenüber dem Café, dessen Gäste unspektakulär resigniert den Alltag verleben, sollen wir uns außerdem eine Bar vorstellen, die nur von Stammgästen besucht wird: "Jene Stammgäste sehen im Leben der Menschen gegenüber nichts weiter als eine Reihe von Geschichten, die sie eines Tages gerne erzählen würden."

Die Skizze der Straße mit Bar und Café dient als Allegorie für die Abgründe des Erzählens: Wenn es auf extreme Erfahrungen trifft, die jedes Grundvertrauen zerstören, wirkt die "gute Story" zynisch, denn sie behauptet einen sinnhaften Zusammenhang der Ereignisse. Man gruselt sich vor ihr wie vor einem zu perfekten Roboter, der dem rohen Schmerz keine Stimme verleiht. Dennoch wurden über die Jahrhunderte immer wieder Formen gefunden, um die Unmöglichkeit einer menschlichen Erzählung unaussprechlichen Leids zumindest virtuos zu thematisieren und damit im besten Fall für Momente zu überwinden. Auch Aslı Erdoğan versucht solche Formen aufzuspüren.

Sie macht das, indem sie einen regelrechten Sturm der Metaphern entfacht, der in manchen Passagen an Rimbauds Ausflüge in die Hölle erinnert. Ein geschundener Engel tritt auf, assoziiert mit besagtem A, Sterne entstehen und vergehen. Die Wörter können nicht groß genug sein. Sie sollen das Niemandsland zwischen Tod und Leben kartografieren. Die Sprache ist expressionistisch, steht unter extremer Anspannung. Es gibt Ausnahmen, wenn es über A im klassischen Erzählduktus heißt: "Abends kehrte er in dieselben Straßen zurück, setzte sich vor ein leuchtendes Schaufenster und ließ seine vor Freiheit leeren Blicke auf die Gesichter der Menschen los." Schon wenige Zeilen danach ist wieder von der "kristallklaren Dunkelheit seiner im Mondschein wüstengleich glänzenden Augen" und der aufgerissenen "Haut des Lebens" die Rede.

Dass es ein letztlich unauflösbarer Widerspruch ist, dem buchstäblich vergewaltigten Menschen mit solchem Sprachpathos gerecht werden zu wollen, ist der Autorin bewusst: "Als habe das Leben plötzlich eingefordert, erzählt, definiert und gezeigt zu werden, habe ich über der Vergangenheit blutleere Metaphern ausgeschüttet, zum Zerreißen angespannte Verben, ihre wahre Form erst noch suchende Bilder." Man muss Aslı Erdoğan hoch anrechnen, dass sie dieses Scheitern ausstellt.

Aslı Erdoğans Vorwort zur deutschen Ausgabe liest sich wie ein Prolog zu ihrem zukünftigen Schreiben, dem Auftrag, vom Gefängnis literarisch Zeugnis abzulegen. Unausweichlich erscheine ihr das, auch wenn es sie körperlich krank mache und deshalb nur langsam vorangehe. Sie zitiert Jorge Semprun, an den sie bei einem Besuch im KZ Buchenwald denken musste: "Ihr habt aber noch nichts gesehen. Ihr habt nämlich die Rampe noch nicht gesehen." Den Ort, an dem die Viehwaggons voller toter und halb toter Kinder ankamen. Aslı Erdoğan sieht die Szene in ihrer Grausamkeit vor ihrem inneren Auge und lässt uns ihre Vision, die sie überwältigt, nachvollziehen.

Aslı Erdoğan: Das Haus aus Stein
Roman; a. d. Türkischen v. Gerhard Meier; Penguin, München 2019; 128 S., 15,– €, als E-Book 14,99 €