Die Lektüre dieses Buches ist wie ein sommerlicher Großstadttrip: Man flaniert und staunt, man keucht, man verliert die Orientierung und mit ihr die Lust, um dann wieder zurückzufinden, und, vamos, schon stolpert man durch die Nacht, ein paar klebrige Drinks hier, ein schwüler Flirt da, einmal durchatmen, und bald bricht auch schon der nächste Morgen an.

Die literarische Verarbeitung seiner ersten Kuba-Reise (von Havanna nach Trinidad, nach Santiago und wieder zurück, jedenfalls hin und weg) hat der Autor und Vagabund Marko Martin Das Haus in Habana. Ein Rapport genannt. Ein reizüberfluteter Tag reiht sich in tagebuchartiger Erinnerung an den anderen, der Geruch jedes Morgens: "Illusion stets möglichen Neubeginns". Man fragt sich, was Martins Mission ist: seine sozialistische Inselsehnsucht (der Autor ist Kind der DDR) mit der Realität abgleichen? Erotische Aha-Erlebnisse anhäufen in einem Staat, in dem zumindest der Sextourismus floriert? Oder eine politische Existenzangst erkunden, genau 60 Jahre nach der Kubanischen Revolution?

Eine Vermutung: Hauptsache, sich in Kontakt bringen mit der tropischen Umwelt. Dabei macht der 48-jährige Martin, der kurz vor dem Mauerfall als Kriegsdienstverweigerer die DDR verließ, vor nichts halt: nicht vor geschichtspolitischer Konfrontation im Museum des kubanischen Geheimdienstes, nicht vor Dissidenten-Talk mit Schriftstellern (immer als Querverweis präsent: der Roman Drei traurige Tiger der Persona non grata Guillermo Cabrera Infante) und nicht vor falschen, weil regimekritischen Fragen in Schwulenclubs um fünf Uhr morgens. Martin ist Aktivurlauber im Wortsinn.

Von all den Reizen und Reizenden schreibt der Autor in der zweiten Person Singular, ist damit ständig im Dialog mit sich selbst – als Tourist seiner eigenen Befindlichkeit. Die durchlässigen Beobachtungen seiner Selbst- und Fremderfahrungstrips sind radikal, subjektiv und intensiv – Langeweile findet man in diesem Text nicht. Das Haus in Habana ist deshalb freilich kein "Rapport", wie es der Untertitel des Buches vorgibt, gleichzeitig aber auch nicht als Fiktion zu lesen, wie der Autor in einem Interview betont. Es ähnelt einem autobiografischen Stream of Consciousness, in dem alles erlaubt ist, was fließt. Vielleicht ist die Genre-Frage hier ohnehin hinfällig, weil Martin als Schriftsteller unterwegs ist und sich deshalb völlig angstfrei über jede Objektivität seiner Beobachtung erheben kann.

Explizit und lustvoll erzählt Martin von seinen homoerotischen Begegnungen, die sich als Segen und Fluch dieser Reise zugleich entpuppen. Wer sind die kontaktfreudigen Männer, die aus seinem Du ein Ihr machen? Wem darf man trauen, wer trickst bloß, um an Touristengeld ranzukommen? Was darf man aussprechen, was sollte man verschweigen in einem politischen System, das noch viel repressiver ist, als es den meisten Kuba-Touristen je dämmern wird? Allgemeingültige Erkenntnisse lassen sich zwischen spanischen Parenthesen und Du-Dialogen kaum finden. Im Angesicht adjektivschwerer Halbseiter-Sätze (Kacheln sind "weiß", Antworten "zögerlich", Gefühle "flau", und alles Kubanische ist "tropisch") wäre wünschenswert gewesen, jemand hätte Martins Schreiblust manchmal etwas eingedämmt. Was der Leser im Haus in Habana aber findet, ist ein skeptisches Resümee, irgendwo zwischen Liebeserklärung und Abrechnung mit einer Insel, deren Ambivalenzen gar nicht genug bestaunt werden können.

Marko Martin: Das Haus in Habana. Ein Rapport; Wehrhahn, Hannover 2018; 256 S., 20,–