Ein Mann um die fünfzig kommt forschen Schrittes aus dem Haus gelaufen. Direkt auf den Dorfplatz zu. Er lacht und lotst unser Auto auf das Grundstück vor dem Haus. Winterlich karg ist es hier, halb Gutshof, halb Baustelle mit dem Flair eines Abenteuerspielplatzes. Der Mann um die fünfzig ist bei näherer Betrachtung eine Frau Ende dreißig: eine rasante Person mit wildem Haarschopf und herausforderndem, urvergnügtem Blick.

In der Stadt geht man bei Leuten immer bloß vorbei. Auf dem Land wird man erwartet. Die Filmemacherin Lola Randl hat uns schon länger erwartet und dabei unruhig aus dem Fenster gesehen. Hier draußen in der Uckermark ist sie die Königin eines lustigen Stadtbienenvolkes, das allerlei idealistischen Projekten nachgeht. Mit ihrem Mann züchtet sie unter anderem Sattelschweine – eine aussterbende Rasse, die bei Städtern ähnlich wie alte Kartoffelsorten nichts als zärtliches Interesse weckt.

In ihrer gerade im Matthes & Seitz Verlag erschienenen Enzyklopädie Der große Garten steht: "Schon mit siebzehn war ich ein Mann um die fünfzig, und viele Jahre bin ich dann auch ein Mann um die fünfzig geblieben. Erst als ich schwanger wurde, war es nicht mehr so einfach, und so wurde ich nach und nach eine Frau um die dreißig." Trotzdem streift man so eine Identität nicht von einem Tag auf den anderen ab. Nur Raupen oder Schlangen können so etwas. Menschen haben eine Geschichte. Die von Lola Randl geht so: Lola wuchs als Tochter einer Landschaftsgärtnerin in einem Ökodorf in Bayern auf. Dort lernte sie absolut nichts über die Natur, denn als Kind schert man sich nicht um die Interessen seiner Eltern. Bald schon hatte sie das deutliche Gefühl, ein Mann in seinen besten Jahren zu sein, und da wollte sie keine Zeit vergeuden. Sie wollte weg, in die Stadt, zum Film. Jetzt sitzt sie in Gerswalde fest – zwischen Pastinaken und Permakulturböden.

Das Haus, in dem sie seit zehn Jahren mit dem Kameramann Philipp Pfeiffer und den gemeinsamen Söhnen wohnt, ist praktisch das Erste, worauf man neben dem Landmarkt von der Dorfkirche aus stößt. Es ist das Zentrum einer ländlichen Lebensform mit schnellem Internetanschluss, die es inzwischen unter dem Titel Der große Garten zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Vor ein paar Jahren hat Randls Familie noch die ehemalige Schlossgärtnerei derer von Arnim übernommen. Ein terrassenförmiges Gelände, das in eine hohle Gasse voller knorziger Bäume des anliegenden Schlossparks mündet. Im alten Gewächshaus backen seitdem ein paar Japanerinnen Matcha-Cheesecake für Wochenendler. Sie sind so fremd in diesem Land, dass sie die Fremdheit in dem ostdeutschen Dorf als Subfremdheitsgefühl gar nicht erst wahrnehmen, was sie davor bewahrt, unglückliche Städter auf dem Land zu werden.

"Ich weiß ja eigentlich auch gar nichts über all das hier", unterbricht Lola Randl ihre Erzählung. Zuvor hatte sie uns über das Gut mit seinen diversen Ställen, unfertigen Nebenhäusern, dem alten Theater, dem Garten und dem Schlosspark geführt. Jetzt wirkt sie regelrecht empört. Ist es nicht seltsam, unser Leben hier draußen in dieser kargen Landschaft? Das Land bereitet einem so viele Probleme, stellt so viele Fragen, und nach und nach muss man die Antworten finden. Man muss sich Sachen abschauen von denen, die ihr Leben auf dem Land verbracht haben. Schlachten zum Beispiel wollen die ländlichen Städter meistens nicht. Da müssen die alteingesessenen Dorfbewohner ran.

"Mein Gott, der Mensch macht sich so viele Gedanken über die Natur!" Die Grübelei ist aber nicht reziprok. Allein dieser schwer verdauliche Gedanke hat eine ganze lyrische Tradition hervorgebracht. Und viele romantische Geschichten von vermenschlichter Natur. Auch Der große Garten vermenschlicht die Natur. Allerdings ganz unromantisch. Denn der Mensch wird nie wirklich die Sprache der Tiere und Pflanzen sprechen. Seitdem er das Paradies erfunden hat, muss er sich notorisch als etwas von ihm Getrenntes wahrnehmen. Sein Streben, in der Natur zu leben, kommt dem sinnlosen Versuch gleich, die Schuld aus der Welt zu schaffen. Aber nicht zufällig sind es wieder Schuldgefühle, ob er nun gottesfürchtig ist oder nicht, die den modernen Menschen raus aufs Land ziehen. Dort widmet er sich Bienenvölkern, Sattelschweinen und Terra preta. Er will aussteigen aus einem Strudel von frei drehendem Konsumismus und aufgeheiztem Weltklima. Dann kommen seine menschentypischen Probleme hinzu. Unter M wie "Midlife-Crisis" verzeichnet Der große Garten: "Es ist mehr ein Gefühl als eine Krankheit. Ein Gefühl, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor und ab jetzt alles den Bach runtergeht. Die Midlife-Crisis wurde in den 70er-Jahren in Amerika erfunden, aber mittlerweile hat sie fast jeder, der es sich leisten kann, auch Frauen."

Mutter Randl hat ihre Familie inzwischen wie jeden Mittag zu Tisch gerufen. Sie ist in einer riesigen Küche für sechs Personen im Dauereinsatz. Jeder auf diesem Hof hat mindestens ein Talent und eine Funktion. Man muss viel geben können, aber ohne sich aufzuopfern, sagt sie. Nur so kann Großfamilie im Zeitalter des Individualismus funktionieren. Unter S wie "Selbstverwirklichung" steht im Großen Garten geschrieben: "Bei der Selbstverwirklichung geht es darum, das eigene Wesen zur Entfaltung zu bringen. Wenn der Schmetterling aus dem Kokon geschlüpft ist, sind seine Flügel noch feucht und zerknittert. Dann setzt er sich erst mal hin und wartet, bis seine Flügel sich mit Blut gefüllt haben und glatt und trocken sind, und dann fliegt er los."