Die Geschichte der Weltordnungen kennt lange Kontinuitätsbögen und abrupte Brüche. Dies beides schließt sich nicht aus, sondern wirkt im Kampf um die Weltordnung im Wechselspiel miteinander. In seiner Auseinandersetzung mit der Weltordnungsgeschichte der letzten Jahrzehnte versteht der Bonner Völkerrechtler Matthias Herdegen das Völkerrecht als eine strategische Intervention, mit der das Ringen um Macht und Einfluss reguliert und begrenzt werden soll. Völkerrechtlich heißt für ihn nicht, wie in Deutschland häufig zu hören, ein System von Regeln und Verboten, an dem sich die Staaten zu orientieren haben. Herdegen hält das für ein großes Missverständnis, weil es die rechtliche Struktur der internationalen Verhältnisse analog zur innerstaatlichen Rechtsordnung begreift und demgemäß den Vereinten Nationen die Rolle eines obersten Entscheiders zuweist. Zwangsläufig stößt man dann ständig auf Rechtsbrecher, nimmt mehr Unordnung als Ordnung wahr und bezweifelt bald, dass man es mit einem erfolgreichen Projekt zu tun hat. Überambitionierte Erwartungen schlagen schnell in missmutige Abwendung um. Das Buch ist auch eine Warnung vor diesem Missverständnis.

Herdegen begreift das Völkerrecht als Versuch, die Kontinuitätsbögen im Kampf um die Weltordnung zu stärken. So wird die Regelbindung der politischen Akteure erhöht, ihr Verhalten bekommt größere Vorhersehbarkeit. Das wiederum trägt zur Stabilität der Weltordnung bei. Stabilität ist dabei ein Wert an sich, denn sie ist der verlässlichste Faktor bei der Verhinderung oder jedenfalls der räumlichen und zeitlichen Begrenzung von Kriegen. Herdegen erliegt nicht der Illusion, dass damit das Ringen der großen Mächte um Macht und Einfluss beendet werden könne. Es geht beständig weiter, und es bekommt eine besondere Intensität, sobald eine Großmacht im Abstieg begriffen ist, eine andere im Aufstieg und eine dritte zusammenbricht. Erschöpfung und Selbstüberforderung im Kampf um Einfluss spielen ebenso eine Rolle wie aufkeimende Machtansprüche oder neue Ressourcen. Herdegen analysiert das mit Blick auf die USA und China sowie die Geschichte Russlands und der späten UdSSR.

Er bleibt nicht bei einer abwägenden Auslegung der jüngeren Völkerrechtsentwicklung stehen, sondern setzt sich auch mit den verschiedenen Theorien der internationalen Politik auseinander, vom herkömmlichen Realismus über den liberalen Idealismus bis zum konstitutionellen Institutionalismus. So bekommt Herdegen eine Folie, auf der er den tatsächlichen Einfluss völkerrechtlicher Bindungen eintragen, allzu skeptische Vorstellungen aufhellen und übertriebene Erwartungen korrigieren kann. Der "realistischen" Grundannahme, wonach wir uns nach wie vor in einer anarchischen Staatenwelt bewegen, hält er die Fülle von Verträgen und Vereinbarungen entgegen, die den Staaten Grenzen setzen und Zuwiderhandelnde in Rechtfertigungszwang bringen. Er stimmt dem liberalen Credo weitgehend zu, wonach wirtschaftliche Verflechtungen das Kriegsrisiko vermindern, will darin aber keine Garantie für eine befriedete Welt sehen. Sein Blick bleibt skeptisch und abwägend. Mit der Idee einer Konstitutionalisierung des Völkerrechts kann er also wenig anfangen. Er hält sie für einen deutschen "Sonderdenkweg".

Welchen Einfluss die völkerrechtliche Intervention hat, hängt letztlich von den großen Mächten ab. Als US-Präsident Bush senior zu Beginn der Neunzigerjahre das Projekt einer neuen Weltordnung ausrief, bei der die Verflechtung der Märkte und die Verpflichtung auf Werte eine Ordnungsidee gegenüber der Idee des Kampfes stärken sollten, scheiterte dieses Vorhaben, weil Russland und China an der herkömmlichen Idee von Souveränität festhielten. Souveränität ist mit einer globalen Werte- und Regelordnung unvereinbar. So blieb das Normierungsprojekt auf "den Westen" beschränkt; seit Trump ist es nur noch für die EU verbindlich, und auch in ihr gilt es nicht für alle. Es gibt im Kampf um die Weltordnung offenbar einen normative overstretch, der mehr an Bindung propagiert, als verbindlich zu machen möglich ist. Momentan sind wir Zeitgenossen der damit verbundenen Enttäuschungen. Man kann Herdegens Buch als Enttäuschungstherapie lesen, deren Maxime lautet: Hüte dich vor allzu großen Erwartungen; setz auf eine Strategie der kleinen Schritte, hab einen langen Atem, und verlier nie die Hoffnung.

Matthias Herdegen: Der Kampf um die Weltordnung. Eine strategische Betrachtung
C. H. Beck, München 2019; 291 S., 21,90 €