Der Mann kommt aus dem KZ zurück, die Frau nimmt ihn zu Hause auf und liebt ihn schon bald nicht mehr. Sie wartet, bis er etwas kräftiger ist, um ihm dann zu sagen, dass es einen anderen gibt; bald trennt man sich. Erschütternder kann eine Paargeschichte kaum sein, und als die französische Schriftstellerin Marguerite Duras (1914–1996) sie 1985 unter dem Titel Der Schmerz veröffentlichte, sorgte die Erzählung für großes Aufsehen. Nun war die Diva Duras eine schillernde Gestalt der französischen Literatur, ihr radikal selbstentblößendes Schreiben hatte die Pariser Szene öfter aufgewirbelt. Im Jahr zuvor war ihr ein überraschender Weltbestseller gelungen: Der Liebhaber, die autobiografisch geprägte Geschichte einer 15-jährigen Französin, die sich im französischen Indochina einen zwölf Jahre älteren Chinesen für ihr erstes Mal wählt, ist bis heute ihr berühmtestes Werk. Also überraschte die Resonanz auf Duras’ neues Werk kaum.

Doch sie lag nicht nur am Stoff. Die Schriftstellerin hatte vielmehr bewusst und offenherzig eine Episode aus ihrem eigenen Leben präsentiert – ihr war 1945 genau diese Geschichte passiert. Und sie selber erklärte im Vorwort, dass sie Aufzeichnungen darüber aus jener Zeit vergessen hatte, bis sie nach vier Jahrzehnten "dieses Tagebuch in zwei Heften" wiedergefunden habe. Zutiefst getroffen von der Veröffentlichung war ihr Ex-Mann, der 1985 im Krankenhaus lag: Robert Antelme, einst Résistance-Aktivist, dann Häftling im KZ Dachau, das er überlebte, später viele Jahrzehnte Lektor im renommierten Verlag Gallimard. 1947 hatte er Das Menschengeschlecht veröffentlicht, seine Reflexionen über das Lager und das erlebte Grauen.

Jetzt musste Antelme bei seiner Ex lesen, wie er damals, nach seiner Rückkehr nach Paris halbtot nur noch 35 Kilo wiegend, auf sie gewirkt hatte: "Er machte also seine Scheiße. Es war eine sehr klebrige, dunkelgrüne, schäumende Scheiße. Siebzehn Tage lang sah diese Scheiße gleich aus." Schonungsloser, brutaler als je ein Knausgård hatte Marguerite Duras hingeschaut und es aufgeschrieben. Hat die weltberühmte Autorin Robert L., so heißt Antelme in der Erzählung nach seinem Nom de Guerre Leroy, entwürdigt und ausgeliefert, um ihrer Wahrheit willen?

Die kurze, vielleicht 70 Seiten umfassende Titel-Erzählung hat Doris Wolters jetzt als Hörbuch eingelesen, ergänzt um weitere Texte des Buches: ruhig und zurückgenommen, fast verinnerlicht, oft leicht bebend – so als ob sich die Erzählerin selbst das größte Rätsel ist. Es ist ein großes Dokument menschlicher Empfindungen in finsterer Zeit, geformt mit der für die Autorin typischen Rücksichts- und Schamlosigkeit. Duras stößt hier in die Grenzbereiche des Erzählbaren vor, so wenn sie in einem anderen Text die eigene Lust an der Folterung eines Kollaborateurs schildert – und sie balanciert auf jener Grenze zwischen Realität und Fiktion, die heute en vogue ist. Aber um wie viel radikaler wirkt Duras in ihrer Selbstentäußerung! "Ich stand vor einer phänomenalen Unordnung des Denkens und Fühlens", schreibt sie, jene Monate 1945 seien "das wichtigste Ereignis" ihres Lebens.

Einer der Résistance-Genossen von Duras und Antelme, der Letzteren noch gerade so lebend in Dachau aufspürte, kommt mit seinem Decknamen Morland vor. Vierzig Jahre später befeuerte auch das die Aufmerksamkeit in Frankreich. Denn mittlerweile war aus Morland Frankreichs Präsident geworden: François Mitterrand.

Marguerite Duras: Der Schmerz. Gelesen v. Doris Wolters; Der Audio Verlag, Berlin 2019; 5 CDs, 355 Min., 22,– €