Was angesichts des Wiederaufstiegs autoritärer Politik in vielen Ländern derzeit häufig als eine Krise der Demokratie beschrieben wird, hält Michael Hampe eher für eine Krise aufgeklärter Kultur. Eine aufgeklärte Kultur aber, so der Professor für Philosophie der ETH Zürich, sei noch wichtiger für das gute Zusammenleben der Menschen als die konkrete Regierungsform. Deshalb brauche es eine Erneuerung, eine "Dritte Aufklärung", so der Titel seines Plädoyers in Essayform.

Warum genau Aufklärung? Wirkt sie mit ihrer europäischen Identität nicht längst hilflos in der postkolonialen Welt? Wurde sie von der Postmoderne nicht gründlich begraben? Hat uns ihre Dialektik, wie sie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nachzeichneten, nicht schon genug Schaden gebracht? Ambivalenz, so Hampe zum letzten Punkt, muss man aushalten, bekannten Gefahren kann man vorbeugen. Die Postmoderne sei ein "innerphilosophischer Scheinkampf" gewesen und Aufklärung keine europäische Epoche, sondern eine über die Welt verstreute Bewegung in Wellen. Hampe verbindet zwar den Griechen Sokrates mit der ersten großen Welle und den Deutschen Immanuel Kant mit der zweiten, aber den Buddhismus zählt er ebenso dazu. Interessant ist, dass er die Kernbedeutung in der sokratischen Variante sieht: Gewalt, genauer Grausamkeit, wird durch die argumentative Auseinandersetzung in Konfliktfällen ersetzt. Interessant ist es deshalb, weil Aufklärung den Menschen nicht in erster Linie als ein Vernunftwesen sieht, wie in der kantischen Mündigkeitsidee, sondern als ein Wesen mit Bedürfnissen: Das Bedürfnis nach widerständiger Wirklichkeit treibe zur Grausamkeit. So sei es eine erste Aufgabe jeder aufklärerischen Bewegung, die Möglichkeit anderer intensiver Erfahrungen zu betonen – und eben eine davon sei der Streit in Worten.

Gegenwärtig stünden der Aufklärung vor allem zwei Hindernisse im Weg: ein "mangelndes Bewusstsein für die normativen Auswirkungen des technischen Wandels" einerseits, namentlich des Internets, mit dem etwa Lügen in Windeseile an Millionen Menschen verbreitet würden und das zudem unter anderem dazu verleite, Informationssammlung für Bildung zu halten; ein irrationaler Fatalismus andererseits, sei er fortschritts- oder untergangsgläubig. Wenn der Abschied von Gewalt die erste Aufklärung war und Emanzipation von ungerechtfertigter Herrschaft die zweite, so bestehe sie heute in der Befreiung von einem mythischen Geschichtsverständnis. Man müsse sich noch einmal vor Augen halten, dass sich Geschichte weder notwendig noch rein zufällig, noch allein durch menschliche Absichten ereigne, sondern aus einer Mischung der drei Aspekte. Wer die Welt dank Marktökonomie notwendig auf dem Fortschrittsweg sehe oder im Wiederaufkommen des Faschismus versinken, begehe in diesem Sinn den gleichen Fehler wie jene, die aus Zufallsgläubigkeit das Schicksal der Menschheit den Maschinen übergeben wollen. Beteiligt euch!, ruft Hampe stattdessen. Ihr seid Subjekte der Geschichte – wenn ihr euch nur zusammentut!

Damit kommt Hampe der kantischen Idee des Weltbürgertums, die er zunächst als Illusion kritisiert hat, wieder nah: Es brauche ein globales, kollektives Bewusstsein. Anstatt über den Globus zu torkeln, sollten wir "als selbstbewusstes Kollektiv" wie eine "eingespielte Fußball- oder Eishockeymannschaft" uns über weite Distanzen präzise Pässe zuspielen können. Ob die eingestreuten Bilder zwischen den vielfachen Anleihen aus der Philosophie- und Kulturgeschichte immer treffen, sei dahingestellt, gewohnt eingängig ist Hampes Sprache allemal. Als Autor, der philosophische Fragen anschaulich erörtern kann, kennt man ihn zum Beispiel aus Büchern wie Tunguska oder Das Ende der Natur (2011). Ähnlich wie in Senecas an eine breite Leserschaft gerichteten Epistulae morales werden diesmal keine Wiederholungen gescheut, um die Botschaft zu vertiefen.

Für das globale Bewusstsein brauche es wie immer Bildung, heute genauer interkulturelle Bildung einerseits und Bildung im Umgang mit der Technik andererseits. Vor allem aber gelte es, die Wahrheitspraktiken wie Lesen, Recherchieren, Argumentieren und Forschen zu kultivieren.

Allein die Absetzung von der Praxis des Erzählens verwundert im Falle Hampes etwas. Man versteht, dass er sich von der big picture history eines Yuval Noah Harari distanziert, der damit eine düstere Zukunftsspekulation verbindet. Doch zum einen hat Hampe selbst 2014 in seinem letzten großen Buch Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik genau jene Arten der Philosophie kritisiert, die mit Behauptungen Menschen erziehen wollten, anstatt sich mit Erzählungen verständlich zu machen. Und im Buch Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück hat er 2009 auf wunderbare Weise vorgeführt, wie Letzteres geht. Zum anderen macht er jetzt im vorliegenden Plädoyer, in dem er sich in der Tradition des amerikanischen Philosophen John Dewey vom Diagnostiker zum Pragmatiker wandelt, unter anderem genau das: eine Erzählung über die Menschheit anbieten.

Narrationen sind Verbindungen von Ereignissen in der Zeit zu Sinnzusammenhängen. Solche Sinnzusammenhänge brauchen Menschen, wie Hampe selbst sagt, und einen solchen bietet er hier: Es gibt eine historische Bewegung weg von zwischenmenschlicher Grausamkeit.

Diese Geschichte kann man erzählen, ohne einen versteckten Motor oder ein festes Ziel der Historie vorauszusetzen, wie Hampe es dem unaufgeklärten Geschichtsdenken vorwirft. Und so eine Geschichte muss man vielleicht erzählen, wenn man Menschen zu Protagonisten eines kollektiven Projekts machen will.

So sieht es zumindest etwa auch der Politiker Emmanuel Macron (ob nun unter dem Einfluss des Philosophen Paul Ricœur oder nicht): Wir müssen den Leuten eine alternative Erzählung statt der gewalttätigen des Terrorismus oder des Nationalismus geben. Er bietet Europa an (was etwas pragmatischer ist als Hampes Globus).

Jedenfalls scheint es irreführend, Narration und Wahrheit gegeneinander auszuspielen, wie es hier angedeutet wird. Narration ist weder notwendig Fiktion noch deterministisch. Und Kollektive brauchen Narrationen. Aber das würde Hampe in einem größeren Buch, das nicht wie dieses zusammen mit sechs anderen schmalen Bänden unterschiedlicher Autoren in eine handliche Box passen müsste, wahrscheinlich auch ähnlich ausführen.

Michael Hampe: Die Dritte Aufklärung
Nicolai, Berlin 2019; 96 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €