Die forcierte Altertümelei von Mittelaltermärkten

Das kommt daher wie ein Natur-, ganz bestimmt aber als ein historisches Ereignis: "Es spricht die Frau. Es beginnt." So hebt der Werbe-Auftritt von Zaimoglus neuem Buch Die Geschichte der Frau an, um sogleich fortzufahren: "Ein literarisches Abenteuer, ein großer Gesang, ein feministisches Manifest: Feridun Zaimoglus neuer Roman ist ein unverfrorenes Bekenntnis zur Notwendigkeit einer neuen Menschheitserzählung – aus der Sicht der Frau." "Unerhört" sei das, "kraftvoll, poetisch und subversiv", "ein regelrechtes Wunder" (sind Wunder nicht eigentlich etwas Regelwidriges?) und Zaimoglu selbst ein "Meister der Vielstimmigkeit". Wo dermaßen auf den Putz gehauen wird, sind Hellhörigkeit und Argwohn am Platze.

Sosehr der Verlag hier auch das Originalgenie herauskehrt: Zaimoglus Buch (es ist als "Roman" etikettiert, obwohl seine zehn Episoden inhaltlich völlig unverbunden bleiben) steht durchaus in einer literarischen Tradition. Es sind die Heroidenbriefe des Ovid, in denen dieser lateinische Klassiker den sonst stummen Frauen das Wort erteilt, hauptsächlich, um Klage über ihre Männer zu führen. Klagen ließ auch Christine Brückner die Frauen im Schatten der Helden und Genies; das liegt erst rund drei Jahrzehnte zurück. Wenn du geredet hättest, Desdemona hießen ihre Ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen, zu denen unter anderen Katharina von Bora, Gattin Luthers, und die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin in ihrer Zelle zählten. Zaimoglu hält sich so eng an das von Brückner vorgegebene Konzept, dass man fast von einem Plagiat sprechen möchte.

Wie überzeugend, wie vertrauenswürdig kann ein Mann sein, der im Namen des weiblichen Geschlechts und stellvertretend für dieses seine Stimme erhebt? Hört man noch genauer hin, stellt man fest, dass hier auch nicht etwa die Frauen reden, sondern "die Frau" im generischen Singular. Es findet vorab und schon im Titel eine sehr grobschlächtige Kategorisierung statt, die den Einzelnen gerade nicht ihr Recht lässt. "Der Asiat schmutzt nicht", hat Gerhard Polt konstatiert. Hier also: Die Frau spricht.

Die Männer, sie haben ihre Hymnen. Wir haben unsere Gesänge.
Feridun Zaimoglu

Das sind erhebliche Einwände, bevor die Lektüre überhaupt startet. Danach wird es nicht besser. Von der beschworenen "Vielstimmigkeit" des Autors kann keine Rede sein: Alle werden sie über den Kamm desselben Stils und Duktus geschoren, egal ob es sich um Zippora handelt, die dunkelhäutige Ehefrau des Moses, oder um die angebliche Hexe Prista Frühbottin. Dabei sind sie durch Sprache, Kultur, soziale Stellung und drei Jahrtausende voneinander getrennt. "Zum Schwanzstummel ist dir der Steiß gewachsen" (das soll eine Beleidigung sein) oder "Die Früchte, sie waren von Tau benässt. Sie glänzten wie geölte glänzende Glatzen": So redet bei Zaimoglu das wandernde Volk Israel, das offenbar eine Vorliebe für den deutschen Stabreim hat. Brunhild, zur Ehe mit dem Burgunderkönig Gunther überlistet, kleidet ihre Verachtung in die Worte: "Dir hat das Haupt die Fledermaus im Flug gewässert", was offenbar heißen soll: auf den Kopf gepisst – aber so genau weiß man es öfter nicht, was Zaimoglu eigentlich meint. In der Welt der Dienstmagd Lore Lay, die sich der Werbung eines karikaturhaften Dichters mit Zügen Brentanos zu erwehren hat, flucht man so: "Er soll der finnigen fetten Sau aufhocken und in wildem Ritt das Schweifchen als Zügel gebrauchen." Selbst die Trümmerfrau Hildrun Tillmans, immerhin schon in der Nachkriegszeit zugange, erklärt: "Der Traum ist das Gespei meiner geschlossenen Augen."

Das alles klingt wie die forcierte Altertümelei, der man auf Mittelaltermärkten begegnet, wo die Preise statt in Euro in Talern angegeben werden und der Krämer den Käufer fragt: Was ist Euer Begehr, o Herr? Nur dass Zaimoglu gern noch einen Schritt weiter geht, bis zum verdreht Drastischen, das er an den Rand des Unverständlichen treibt.

Warum macht Zaimoglu so etwas?

Eine wirkliche Notwendigkeit, Ausgegrenzten und Verstummten nachträglich ihre Sprache zu erstatten (mal abgesehen davon, dass dabei sowieso bloß ein standardisiertes Zaimoglesisch herauskommt), besteht eigentlich nicht. Die Liste der zehn Frauen scheint auch eher zufällig entstanden, man sieht den roten Faden nicht. Die Figuren, die er auftreten lässt, sind teils wohl völlig fiktiv, wie Judith, die Frau des Verräters Judas, oder die Dienstmagd Lore Lay, teils denkt sich Zaimoglu was für sie aus – etwa wie es Brunhild nach der Ermordung Siegfrieds am Hof der Nibelungen ergangen sein mag. Zippora wird in der Bibel zwar nur kurz erwähnt; aber das gilt auch für den Großteil des anderen Personals, männlich wie weiblich, denn die Bibel ist eben ein Buch des knappen Ausdrucks, das keinen Raum hat für ein introspektives Ich. Zaimoglu schenkt ihr eins, ohne Rücksicht auf historische und sonstige Wahrscheinlichkeit. Dass Antigone bisher nicht zu Wort gekommen wäre, kann man wirklich nicht behaupten, denn als Bühnengestalt handelt sie ausschließlich dadurch, dass sie spricht – warum muss Zaimoglu hier eine Dublette liefern, die in ihrem unklaren Hin und Her deutlich hinter dem zurückbleibt, was das Theater zur Genüge liefert?

Man hat zuweilen den Eindruck, dass Zaimoglus Frauen gar nicht wissen, was sie eigentlich sagen sollen, jetzt, wo sie endlich die Gelegenheit erhalten. Den ausgewählten Situationen fehlt es an Prägnanz, es passiert zu viel Verschiedenes auf einmal, manchmal auch gar nichts. Alles läuft auf eine sprachliche Haltung hinaus – und die trägt nicht.

Warum macht Zaimoglu so etwas? Wahrscheinlich muss man die Gründe in seinem Werdegang suchen. Er begann als Autor der "Kanak Sprak", des stark von Einflüssen der alten Heimat bestimmten Idioms der jungen Türken in Deutschland. Daraus erwuchs sein früher Ruhm; und der Ruhm half ihm heraus aus seiner Nischenexistenz, er suchte und fand Anerkennung im literarischen Mainstream. Dabei aber musste er seinen alten Bezirk verlassen, um andere Stoffe und eine andere Sprache aufzutun – eine Sprache, die keinen Rückhalt mehr in einem bestimmten Soziolekt hat, sondern die er ganz aus eigenen Mitteln zu bestreiten gedachte. Sie soll dabei aber weiterhin dieselbe Qualität des Markanten aufweisen. Das kann nicht funktionieren; Resultat ist ein Kauderwelsch. Zu besichtigen war das bereits in Zaimoglus ambitioniertem Luther-Roman Evangelio. Mit seinem neuen Buch, das die Sorge um die authentische Wortmeldung von Frauen aus der Vergangenheit erkennbar nur zum Vorwand nimmt, hat er Absicht und Verfahren auf eine wohl unüberbietbare Spitze getrieben. Und spätestens hier wird klar, dass dieser Weg eine Sackgasse ist.

Das muss nicht das letzte Wort bleiben. Schon 2006 hat Zaimoglu den Roman Leyla veröffentlicht, worin es um eine Gastarbeiterin ging, die in den Sechzigerjahren nach WestBerlin kommt. Sie taucht jetzt wieder auf, als die neunte der zehn Frauen im neuen Buch. In ihrem sprachlichen Habitus stellt Zaimoglu die Verbindung her zu dem, was er kennt, ohne ins Migrantendeutsch oder in eine bloß persönliche Manier zu verfallen. Das mag nach "Schuster bleib bei deinem Leisten" klingen. Aber es heißt vor allem, dass es zuletzt keine Literatur ohne persönliche Erfahrung geben kann.

Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau. Roman;
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 400 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €