Für deutsche Leser und Leserinnen war 1962 ein eher unauffälliges Jahr, Kuba-Krise vorbei, Spiegel-Affäre, bis zur sexuellen Revolution dauert es noch etwas. Für jemand, der 1962 von Algerien nach Frankreich kam, ist das Datum vermintes Gelände. In diesem Jahr wurde das Algerien, von dem die Kolonialherrscher immer behauptet hatten, es sei ein Teil von Frankreich, zu einem unabhängigen Land. Wer 1962 fliehen musste, wird auf der falschen Seite gestanden haben.

Normalerweise antwortet Naïma deshalb auf die Frage nach der Ankunft ihrer Familie nie mit dem Jahr, "sondern begnügt sich mit dem Jahrzehnt": Die junge Frau steht in Alice Zeniters Roman Die Kunst zu verlieren für die heutige Generation algerischstämmiger Nachfahren. Naïma wurde lange nach 1962 in der Normandie geboren, macht irgendwas mit Kunst, sieht sich als Französin und wird als Araberin betrachtet, besonders seit den Attentaten von 2015. Zur Klärung und Selbstfindung sind Recherche und Fiktion notwendig. Und eine Reise nach Algerien.

Und so kommt es zur Geschichte des Großvaters Ali und seiner Olivenhaine auf einem Bergkamm in der Kabylei. Im Zweiten Weltkrieg musste Ali für die Alliierten kämpfen, er war ja Franzose. Dann entschied er sich als Veteran und Dorfältester gegen den Terror und wurde zum Harki, zu einem Algerier in Diensten der Kolonialmacht. Es war, so scheinen Geschichte und Literatur zu lehren, die falsche Seite.

Die Franzosen entlassen das Land 1962 in die Unabhängigkeit, Ali entkommt der Rache der Aufständischen mit knapper Not übers Meer und landet in einem Auffanglager im unbekannten französischen Mutterland. Der Patriarch wird Fließbandarbeiter. Sein ältester Sohn Hamid spricht bald besser Französisch als die Eltern und begräbt die Vergangenheit und die demütigende und nach Erklärung schreiende Jahreszahl 1962 unter Schweigen.

Klingt nach Selbsterkundungsprosa, ist aber eine Kampfansage. Der Algerier Kamel Daoud hat vor ein paar Jahren in einem Roman dem namenlosen erschossenen Araber aus Albert Camus’ Roman Der Fremde einen Namen und eine Geschichte verpasst. Alice Zeniter, Anfang 30 und wie ihre Protagonistin Enkelin algerischer Einwanderer, geht den Perspektivwechsel im großen Stil an. Sie verwandelt algerische Komparsen in Hauptfiguren und macht aus Franzosen Statisten. Von Alexis Jenni bis Joseph Andras erzählten zu viele Autoren vom Algerienkrieg der Franzosen, sagt sie, und ließen die Algerier nur vorkommen wie Palmen oder Wüstensand. Bei ihr beleben nun die Franzosen den Hintergrund.

Das ist ein fälliger Paradigmenwechsel von aktueller Relevanz, durch den eine noch unerzählte Geschichte erzählbar wird. Nicht umsonst rückt der Algerien-Krieg in den Fokus einer jungen Generation, beschreiben französische Autorinnen wie Kaouther Adimi oder Brigitte Giraud, wie die viel beschwiegene koloniale Vergangenheit das Frankreich von heute unter Spannung setzt.

Alice Zeniters Roman war ein heißer Kandidat für den Prix Goncourt 2017 – den dann Éric Vuillard bekam –, wurde aber mit dem Prix Goncourt des lycéens entschädigt. Was macht es da, wenn ihre drei bis vier Perspektiven durchaus schwanken und zwischen Recherche und Fiktion auch ein paar ethnokitschige Ausrutscher passieren ("An diesem Tag beginnt er [...] ein Leben in Schweigsamkeit, ein Leben ohne Tränen, sein Leben als Mann"). Die Kunst zu verlieren, der Titel zitiert ein Gedicht von Elizabeth Bishop, gesellt dem Verlieren das Verstehen hinzu. 1962, eine Jahreszahl, die man sich leicht merken kann.

Alice Zeniter: Die Kunst zu verlieren. Aus dem Französischen von Hainer Kober; Berlin Verlag, Berlin 2019; 560 S., 25,– €, als E-Book 19,99 €