Als sich der Philosoph Karl Löwith 1941 im japanischen Exil mit Friedrich Nietzsches Wirkung auf das 20. Jahrhundert beschäftigte, verteidigte er ihn gegen die Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus. Große Wegbereiter hätten sich eben schon immer dadurch ausgezeichnet, dass sie "andern Wege bereiteten, die sie selber nicht gingen". Löwith wusste, wovon er sprach. Schon die spannungsvolle Beziehung zu seinem Lehrer Martin Heidegger hatte ihn mit den abgründigen Seiten großer Philosophie vertraut gemacht. Auch der Aura des Hammerphilosophen konnte er sich ein Leben lang nicht entziehen. Den Hauch von Nietzsches Gegenwärtigkeit hatte er noch Ende der 1920er-Jahre im Briefwechsel mit dessen berüchtigter Schwester Elisabeth erfahren, die den aufstrebenden jungen Gelehrten hofierte und ihn mit Publikationen aus dem von ihr gegründeten Nietzsche-Archiv versorgte. Dass die Witwe eines Erzantisemiten, die Mussolini vergötterte und in Hitler später den "angebeteten Führer" sah, einen jüdischen Privatdozenten umgarnte, zeigt die Vielschichtigkeit ihrer Marketing-Strategien: Zarathustra für den Landser-Tornister, Netzwerken mit den Kultureliten, aber auch die akademischen Debatten im Blick.

Elisabeth Förster-Nietzsche gilt als dunkle Manipulatorin von Nietzsches Spätwerk. Sie besaß den "Willen zur Macht" im buchstäblichen Sinne. Unermüdlich publizierte sie über ihren Bruder: Sie stellte die erste Gesamtausgabe zusammen und legte mit einer erstmals 1895 erschienenen, mehrfach erweiterten zweibändigen Biografie den Grundstein des Nietzsche-Kults; zahlreiche weitere Erinnerungsschriften folgten. Schwester Elisabeth leistete mit ihren Zuspitzungen und Ausblendungen zweifellos einen nachhaltigen Beitrag zur radikalnationalistischen Verschärfung. Die späteren editorischen Bemühungen von Karl Schlechta bis Mazzino Montinari standen daher unter dem Motto der "Entschwesterung" Nietzsches. Wer diese Frau war und unter welchen Umständen sie sich als Erbwalterin des großen Bruders profilieren konnte, fragt der Ideenhistoriker Ulrich Sieg nun mit kulturgeschichtlicher Finesse. Mit gutem Grund hält er es für wenig zielführend, sie als Hexe der Philosophiegeschichte noch einmal zu verbrennen, sondern möchte stattdessen ergründen, wie sich eine Frau ohne akademische Bildung in einer männerdominierten Welt überhaupt in Nietzsches Lebens- und Wirkungsgeschichte einschreiben, ja diese derart prägen konnte.

Der Erfolg der Schwester verrät dabei weniger über ihre eigenen Überzeugungen als über die Irrationalität eines ideologisch unter Starkstrom agierenden deutschen Bürgertums. Siegs aus den Quellen gearbeitete Studie versucht Elisabeth Förster-Nietzsches Handeln und Verhalten entlang eines langen Lebens – es währte immerhin von 1846 bis 1935 – zu verstehen. Er porträtiert sie als Getriebene des Zeitgeistes, die das mitteldeutsche Pfarrhaus hinter sich lässt, ihrem lebensuntüchtigen Bruder den Professorenhaushalt in Basel führt und sich schließlich mit ihrem Mann Bernhard Förster auf ein desaströses Kolonialabenteuer in Paraguay einlässt. In Nueva Germania lebten die Försters zwar ihre rassistischen Suprematievorstellungen aus, aber ökonomisch und politisch scheitert die Unternehmung auf ganzer Linie – bis hin zum Freitod Försters im Juni 1889, nur wenige Wochen nachdem sie die Nachricht vom Zusammenbruch ihres Bruders erhielt. In dieser existenziellen Ausnahmesituation mobilisierte die Witwe alle Kräfte. Sie kämpfte für das Ansehen ihres Mannes, der ein antisemitischer Hasardeur war, verkaufte den Försterhof in Paraguay und kehrte im August 1893 endgültig nach Deutschland zurück, um ihr Leben fortan ganz dem großen Bruder zu widmen. Instinktiv erkennt sie die Chance, den Untoten in Weimar als Marke zu etablieren und gleichzeitig aus dessen Präsenz im Wahnsinn bis zu seinem Tod 1900 angesichts einer wachsenden Verehrerschar maximalen Profit zu schlagen. Ihre Duzfreundin Cosima Wagner wird zum Vorbild einer rastlosen Öffentlichkeitsarbeit, und es gehört zu den schönen Pointen der Darstellung Siegs, dass Elisabeth sogar die Frauenrechtlerin Meta von Salis als Sponsorin für den Erwerb der Villa Silberblick in Weimar gewinnen konnte, wo das Nietzsche-Archiv bis heute residiert. Jeden "Triumph über all die Männer und Männlein" kostete sie aus, ohne Respekt für Honoratioren und Professoren, deren Eitelkeiten sie durchschaute. Sie bewies auch nach Nietzsches Tod als erfolgreiche Unternehmerin seines Werks erstaunliche "Geländegängigkeit" (Sieg).

Sieg lässt von Harry Graf Kessler über Alfred Bäumler und Oswald Spengler bis zu Hitler allerlei A- und B-Promi-Personal durchs Nietzsche-Archiv defilieren. Manches ist nicht neu, wird aber durch die vielen Dokumente noch einmal anders beleuchtet. Am Beispiel der ideologisch flexiblen und rastlos publizierenden Schwester lässt sich zeigen, dass sich eine informierte Philosophiegeschichte nie allein auf die akademische Rezeption verlassen sollte, sondern kulturhistorisch die Ebene der Vermarktungsstrategien und Öffentlichkeitswirkungen mitbedenken muss. Nietzsche-Förster zu verteufeln und als Täterin zu sehen greift viel zu kurz. Sie gab einer stärker werdenden deutschtümelnden Rechten den Nietzsche, nach dem diese verlangte. Ohne den entsprechenden Resonanzraum wären ihre Initiativen so durchschaubar und lächerlich geblieben, wie sie heute erscheinen.

Wie notwendig es ist, Nietzsches Denken vor einer einseitigen Sonderwegsdeutung in Schutz zu nehmen, ist gleichsam der Basso continuo von Siegs origineller Spurenlese, die überdies ein Lektürevergnügen ist. Wer sich allerdings zum 175. Geburtstag noch einmal von Nietzsches musikalischer Philosophie inspirieren lassen möchte, dem steht die Neuauflage von Rüdiger Safranskis im Jahr 2000 erstmals erschienener Denkbiografie zur Verfügung (Hanser, München 2019; 413 S., 26,– €). Bei ihm spielt Elisabeth nur eine Nebenrolle: Sie war "Wagnerianerin genug, um dem Schicksal ihres Bruders erhaben-schauderhafte Effekte abgewinnen zu können. In der Villa Silberblick wurde vor Europas Edelfäule ein Endspiel gegeben." Aber auch Safranski gesteht ihr bereits zu, dass sie nicht nur als Nationalistin, Chauvinistin und Rassistin reüssierte, sondern zugleich den "raffinierteren Bedürfnissen des Zeitgeistes" entgegenzukommen wusste. Safranski rettet Nietzsches Denklaboratorium vor den Zumutungen einer einseitig politisierten Lesart und präsentiert den Verwandlungskünstler, Sprengmeister und Aporetiker der Moderne erstaunlich zeitgemäß. Nietzsches donnernder Versuch, einen vermeintlichen europäischen Nihilismus zu überwinden, erreicht uns nur noch in schwachen Schallwellen. Aber dass Philosophieren manchmal den Mut zum Neubeginn und Selbstdenken erfordert, um aus dem philologischen Klein-Klein im Mittelfeld auszubrechen, das führt der Meisterbiograf Safranski ebenso elegant wie eindringlich vor Augen.

Ulrich Sieg: Die Macht des Willens. Elisabeth Förster-Nietzsche und ihre Welt; Hanser, München 2019; 430 S., 26,– €