Schon Jürgen Elsässers erste Worte klingen bedrohlich, als er die Initiative "Ein Prozent für unser Land" im Februar 2016 öffentlich vorstellt: "Wir haben die Pressekonferenz kurzfristig angesetzt, weil die Lage jetzt sehr dramatisch ist." Weil die Situation mit den Flüchtlingen in Deutschland so düster sei, brauche es nun endlich eine starke Gegenwehr. Deshalb hat er an diesem Tag nach Berlin eingeladen, gemeinsam mit dem emeritierten Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider und Götz Kubitschek. Der einstmals linke Aktivist Elsässer und Kubitschek sind alte Bekannte aus der rechten radikalen Szene, sie versuchen seit Jahren, als Verleger und Publizisten den öffentlichen Diskurs in ihre Richtung zu verschieben. Sie sehen sich als der nationale Widerstand. Vor den anwesenden Journalisten und Kamerateams kündigen sie eine Verfassungsbeschwerde gegen die Politik der Masseneinwanderung an.

Im November 2015, ein paar Monate zuvor, haben sie dafür "Ein Prozent" gestartet, als Vernetzungsplattform für den überall im Land aufkeimenden Widerstand, sagt Kubitschek. Ihre Idee: Nur ein Prozent der deutschen Bevölkerung reiche aus, um die Stimmung im Land nachhaltig zu verändern. Sie wollen wirksame Widerstandsstrukturen auf die Straße, in die Gerichte und in die Parlamente bringen. Kubitscheks Vision ist es, zarte Pflänzchen des Widerstands in den Regionen zu pflegen – mit Hilfe bei der Organisation von Aktionen, mit Geld, Flyern oder Anmeldungen bei Ämtern. Der Verein soll ein Greenpeace für Deutsche werden, sagt Kubitschek.

Und tatsächlich ist "Ein Prozent" eine Neuheit. Der Verein ist gleichzeitig PR-Agentur rechter Kampagnen, Plattform zur Vernetzung fremdenfeindlicher Proteste sowie Crowdfunding-Portal für Aktionen der Identitären, eine vom Verfassungsschutz beobachtete Gruppe. Heute haben sich die "Ein Prozent"-Gründer Elsässer, Schachtschneider und Kubitschek aus der täglichen Arbeit zurückgezogen. Philip Stein hat den Vorsitz übernommen.

Stein ist ein Multifunktionär des Milieus: Er ist Sprecher des ultrarechten Dachverbands Deutsche Burschenschaft, er verlegt Theoretiker der Neuen Rechten in seinem Jungeuropa Verlag, er publiziert in Szene-Medien und spricht bei Pegida zu den Massen. Der erst 28-Jährige ist Denker und Aktivist zugleich.

Und er hat das Konzept der Neuen Rechten, zuerst die kulturelle Hegemonie zu erobern und dann im zweiten Schritt das System zu stürzen, vollkommen verinnerlicht. Er scheint der perfekte Mann für das Projekt zu sein. "Wir wollen die Gesellschaft mit unseren Werten prägen, wie die 68er", sagt Stein in einer Rede in Dresden im Sommer 2018. Weil Texte dafür nicht reichen, gibt es "Ein Prozent". Das Kampagnen-Netzwerk soll der Brandbeschleuniger sein, mit dem Graswurzel-Initiativen groß gemacht werden, um mit ihnen den vorpolitischen und den kulturellen Raum zu erobern. Im März 2018 schreibt Stein im Rundbrief des Vereins: "Wie immer sind wir hinter den Kulissen schon zwei Schritte weiter und bereiten den nächsten Angriff auf die Macht des Establishments vor. Stück für Stück werden wir uns unser Land zurückholen – in den Parlamenten, auf der Straße, in den Betrieben und Schulen, an jedem Ort." Die Neuen Rechten können nur mit einem Mosaik des Widerstandes erfolgreich sein, glaubt Philip Stein. Ein Puzzlestein soll "Ein Prozent" sein.

Stein vertritt den Verein nach außen gemeinsam mit Simon Kaupert. Kaupert war der Kopf des vom Verfassungsschutz beobachteten Würzburger Pegida-Ablegers Wügida und nahm an einem Pfingstlager der NPD-Jugend teil. Heute engagieren sich elf Personen bei der Initiative, sagt Stein der ZEIT. Die Aktivisten waren früher bei der NPD-Jugend oder sind heute bei den Identitären aktiv. Obwohl die Truppe überschaubar ist, zeigte bereits der Auftakt in Berlin, was die Kampagnenmacher der Neuen Rechten am besten können: Marketing. Zehn Prozent der Einnahmen steckt die Initiative allein in Facebook-Anzeigen, berichtet der Deutschlandfunk. Zum Vergleich: Greenpeace gibt gerade einmal fünf Prozent seines gesamten Etats für Werbung aus. Die schnelle Aufmerksamkeit scheint den Machern das Wichtigste zu sein. Die bei der Vorstellung von "Ein Prozent" verkündete Verfassungsbeschwerde erregte zwar in der Presse Aufsehen, wenige Tage später wurde sie allerdings bereits von den Richtern in Karlsruhe abgelehnt.

Im Herbst 2017 kündigte "Ein Prozent" die Gründung einer "patriotischen" Gewerkschaft an. Rechte Arbeitnehmer sollten ausgebildet werden und bei den Betriebsratswahlen antreten, um so ein Gegengewicht zu den linken Arbeitervertretungen zu bilden. Auf seiner Website warnte der Verein in einem dramatischen Video mit nachgestellten Szenen vor angeblichen Gesinnungswächtern am Fließband, in der Werkstatt und im Büro, die Patrioten aufgrund ihrer politischen Einstellung das Leben schwer machten. Es folgten viele Medienberichte; die Rechten hätten in den Betrieben ein Potenzial von 20 Prozent Zustimmung, wurde spekuliert. Die großen Gewerkschaften fürchteten um ihre Vormachtstellung, brachten Infobroschüren heraus, die Nervosität war groß. Am Ende der Betriebsratswahlen im Mai 2018 hatten die neurechten Kandidaten bundesweit gerade einmal etwa 20 Mandate gewonnen – von 180.000.