Mit dem Motorroller abends auf den Boulevards im 20. Arrondissement legt Fidel Fourneyron ordentlich los, links, rechts, beschleunigen, bremsen. Paris, der subkulturelle Osten, irgendwo zwischen Père Lachaise, wo sein Label ein Loft belegt, La Villette, wo er am Konservatorium studierte, und Aubervilliers, wo er wohnt – Fourneyron kennt seine Wege. Viele führen zur Musik, wie jetzt in das Atelier du Plateau, ein Hinterhoftheater unweit des Parc des Buttes-Chaumont, wo ein paar Freunde im Trio überdrehten Avantgarde-Folk präsentieren. Nach dem Konzert gibt es viel zu bereden, Küsschen hier, bisou dort.

Fidel Fourneyron, Ende 30, mittelgroß, nach oben rutschender, dunkel gewellter Haaransatz, hat nichts Grelles. Auffällig ist er als Posaunist, gehört zur Gruppe experimentierfreudiger Musiker in Paris, die keine Mauern mögen. Ein musikalischer Diskursmischer, technisch souverän, mit einem warmen, unaufdringlichen Klang. Gerade hat er das spektakuläre Album ¿Que Vola? veröffentlicht, mit seiner gleichnamigen Band, in der sieben Musiker aus Paris, vier Bläser, E-Piano, Bass und Schlagzeug, auf drei Perkussionisten aus Havanna treffen.

¿Que Vola?, zu Deutsch: Was geht? Wenn er in der vollgestopften WG-Küche seines Labels No Format über die Entstehung des Albums spricht, beginnt er mit seinem Vornamen: Fidel hatte ihn seine Mutter genannt, eine begeisterte Kommunistin, die nie in Kuba war. Er wollte hin. Im September 2012, gerade 30 geworden, reiste er zum ersten Mal nach Havanna – rein touristisch, wie er eigentlich dachte.

Geboren 1982 in Albi in der südwestfranzösischen Provinz, wo sich ihm nur die Wahl zwischen Rugby und Musik stellt, entscheidet er sich für die Blaskapelle. Mit acht nimmt er die Posaune zur Hand. Er lernt schnell, ist bald begeistert von der Gemeinschaft in den großen Ensembles, von den Feiern und den Auftritten am Wochenende. Zum Jazz kommt er spät, als er schon studiert, zunächst in Bordeaux, aber dort ist ihm der Jazz nicht viel mehr als ein Korsett aus Spielregeln und Studentenarroganz. Schon ganz interessant, aber abweisend.

Als er schließlich nach Paris kommt, ändert sich das. Hier gibt es viele Stile, und alle pulsieren so stark, dass sie sich nicht voneinander abkapseln lassen. Als Student der Klasse für Jazz und improvisierte Musik am Conservatoire Supérieure de Musique et de Danse findet er schnell Anschluss. Am einen Tag improvisiert er frei; am nächsten spielt er notierte Musik; am dritten ringt er dem orchestralen Swing neue Facetten ab; am vierten gibt er ein Solo-Recital. Die Pole im Klangspektrum der Posaune, den samtweichen Gesangston und den Reichtum an feuchten Brumm-, Bratz- und Schmatzlauten, versteht er so gut unter Spannung zu halten, dass er viel nachgefragt wird – der Gitarrist Marc Ducret engagiert ihn für seine Band Tower Bridge, die Pianistin Eve Risser für ihr White Desert Orchestra, er spielt im Orchestre National de Jazz.

Und dann ¿Que Vola?, das Havanna-Projekt. Der Bassist Thibaud Soulas, der eine Zeit lang in Havanna gelebt und geliebt und gespielt hat, weist ihm den Weg in die kubanische Musikwelt und wird sein enger Partner. "Du hörst in Havanna viel Musik, viele Straßenmusiker, viele Konzerte, wo man Eintritt bezahlt – aber es ist wie Disneyland", erfährt er. "Das ist wirklich für die Touristen gemacht." Er wohnt bei Soulas’ früherer Schwiegermutter abseits der kommerziellen Viertel und verbringt viel Zeit mit den Perkussionisten Adonis Panter Calderón, Ramón Tamayo Martínez und Barbaro Crespo Richard, die tief mit der Santería verbunden sind. "Die spielen alle Tage solche Santería-Zeremonien, und ich bin immer mit ihnen herumgezogen."

Die Santería ist ein religiöser Kult, in dem Plantagensklaven die Heiligenverehrung ihrer katholischen Gutsherren mit Bildern und Legenden ihrer westafrikanischen Vorfahren verknüpft hatten. "Für mich war das alles neu: die Batá-Trommeln, diese Zeremonien. Das beginnt am frühen Nachmittag in einem Altarraum, da spielt der Perkussionist ganz allein, eine halbe Stunde lang, ein Konzert nur für einen Gott. Alles ist religiös und kodifiziert, die Leute tröpfeln sich eine Flüssigkeit auf die Haut, aus Alkohol und Kräutern, dann kommt der Santero in den Raum, küsst die Trommeln und führt viele kleine Gesten aus. Magisch."

Besonders fasziniert ist er vom Klang der drei Perkussionisten, die mit atemberaubender Präzision auf den sanduhrförmigen Batá-Trommeln spielen. Die Rhythmen sind je einem Orisha gewidmet, einem der 23 Hauptgötter der Santería, und jeden Tag anders.

"Die Musik ist sehr festgelegt", sagt er, "aber zugleich lässt sie viel Platz für Improvisation. So etwas mag ich. Wenn man völlig frei ist, hat man zu viele Möglichkeiten; wenn man aber mit diesem Rahmen spielen und aus ihm heraustreten kann, dann bekommt die Musik eine besondere Kraft."

Mit ¿Que Vola? hat er nun selbst einen solchen Rahmen geschaffen, in dem die unterschiedlichen Improvisationsweisen Pariser Jazzmusiker und der Santería-Perkussionisten aus Havanna aneinander Funken schlagen können – Fidel Fourneyrons frankokubanischer Jazz.

¿Que Vola?: ¿Que Vola? (No Format/Indigo); Fidel Fourneyron: Animal (ONJ Records); Fidel Fourneyron (solo): High Fidelity (Umlaut)