Die ältere Frau, die Albrecht Selge auf eine unendliche Bahnfahrt schickt, lamentiert nicht. Ihr geht es nicht um den Luxus der Selbstbespiegelung (wie man das aus den Bahnfahrer-Romanen von Sten Nadolny kennt), sondern um die Existenz. Früher hatte die ICE-Nomadin anständige Jobs, einen Ehemann, eine Wohnung, das Gerüst eines bürgerlichen Lebens. Nach und nach ist ihr das alles weggebrochen. Jetzt ist sie schon im zweiten Jahr mit ihrer Bahncard 100 unterwegs, jede Woche dieselbe Route, immer im Kreis. Eine Obdachlose auf Rädern, die im Zug Flaschen einsammelt und sie an den Bahnhöfen abgibt, um ihre Mickerrente aufzustocken.

Die größte Herausforderung dieser Lebensweise ist der unkontrollierte Fluss der Erinnerungen, die sich während des Fahrens einstellen. Erinnerungen, die mal heiter, mal düster sind, an eine Kindheit, in der sie gern aus der Welt verschwunden wäre. Im Dämmerzustand im Zug kommt die Lyrik der Romantiker ins Spiel. Selges Hauptfigur reist nämlich nicht nur quer durch Deutschland, sie liest dabei auch sehr viel deutsche Literatur, von Hölderlin bis Hera Lind. Manchmal kaut sie nächtelang auf einem dunklen Vers herum. Ein anderes Mal vertieft sie sich in Novalis’ Hymnen an die Nacht, in Träume, Abendnebel und "vergebliche Hoffnungen" – "auweia", kommentiert das der Erzähler.

Mit wohlwollender Ironie begleitet Selges Erzähler die Heldin durch den Roman. Ihre Rettungsanker sind Humor und eine scharfe Beobachtungsgabe, mit der sie ihre Mitreisenden durchschaut, wenn die mit verkniffenem Gesicht auf ihr Smartphone einhauen, als wäre der "Finger ein Krähenschnabel, der eine Schädeldecke aufhacken will". Komik und Schwermut liegen eng beieinander, und diese beiden Ebenen gekonnt zu verflechten ist das eigentliche Verdienst des Buches. Selge mischt Alltagssprache mit bewusst gestelzten und gelegentlich auch allzu gestelzten Manierismen.

Schon in Albrecht Selges Vorgängerromanen gab es viel Fortbewegung, zu Fuß und im Auto. Dieses Mal fliegt eine Frau im rasenden Stillstand durch die Welt. Sie ist eine Getriebene – so wie alle im Zug, die permanent durch die Welt rotieren, womöglich um nicht verrückt zu werden, wie die Heldin mutmaßt. Dass Selge angesichts so viel zeitgemäßer Rastlosigkeit auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet, macht aus seinem Roman ein scharfsichtig-verschrobenes Ereignis.

Albrecht Selge: Fliegen
Roman; Rowohlt Berlin, Berlin 2019; 176 S., 20,– €, als E-Book 14,99 €