Ein Vaterbuch. Noch eins, nicht nur, weil das Genre gerade en vogue ist. Barbara Honigmann hat ihrem Vater schon einmal hinterhergeschrieben, zartfühlend trotz innerer Restdistanz. Sie ist vor Kurzem 70 geworden, eine Deutsche aus Ost-Berlin, Jüdin, die seit ihrer Ausreise aus der DDR 1984 in Straßburg ein traditionelles Judentum lebt. Sie schreibt. Sie malt auch. Was Elternbücher betrifft, ist die vielfach ausgezeichnete Honigmann eine Instanz. Ein Genie der Genealogie, in die sie immer wieder eintaucht, um sich ihrer Herkunft zu versichern. Sie habe, sagt sie, einen "jüdischen Tick".

Ihrer Mutter Alice Kohlmann, als Litzi Friedmann eine zeithistorische Figur, Kommunistin und in erster Ehe mit dem englisch-russischen Doppelagenten Kim Philby verheiratet, hat sie auch ein Buch gewidmet. Es ist von einer eingeübten Verschwiegenheit überschattet. Ein Kapitel aus meinem Leben kam 2004 heraus. Das viel gelobte erste Vaterbuch Eine Liebe aus dem Nichts ist 1991 erschienen. Darin reist die Erzählerin zu seiner Beerdigung, von Paris über Frankfurt nach Weimar. Im neuen Buch, Georg, einem Prosawerk (eine Gattungsbezeichnung gibt es nicht), liegt ihr Vater auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee begraben. Was diesmal stimmt. Auf dem Grabstein stehen die Lebensdaten 1903 bis 1984, mehr nicht. Die biografischen Leerstellen füllt Barbara Honigmann, wenn man so will, mit neuen Autofiktionen über ein abenteuerliches Leben.

Georg Honigmann verbringt die Nazi-Zeit als Journalist in London. Als deutscher Kriegsgefangener wird der jüdische Emigrant in einem kanadischen Lager interniert und bekehrt sich dort zum Kommunismus. Nach dem Krieg kehrt er nach Deutschland zurück. In die sowjetische Besatzungszone. Georg Honigmann, von der Stasi kritisch beschattet, gehört bald zur DDR-Kulturelite. Er und seine dritte Frau, die DDR-Diva und legendäre Brecht-Interpretin Gisela May, im Buch nur "die Schauspielerin" genannt, sind das Glamourpaar des Arbeiter-und-Bauern-Staats. Aber die Ehe endet im Desaster. Mehrmals kommt Barbara Honigmann, das ewige Scheidungskind in seinem Schatten, bestürzt darauf zurück, wie der Vater danach als gebrochener Mann in seiner möblierten Einraumwohnung sitzt – und das als Sechzigjähriger.

Er wurde älter, aber seine Frauen blieben um die dreißig.
Barbara Honigmann

Der Refrain ist ein beliebtes Stilmittel von Barbara Honigmann. Sie erzählt mäandernd, folgt lieber ihren Einfällen als der Chronologie, Mantra-artige Redundanzen inklusive. Die kindliche Aufforderung "Pappi, erzähl weiter ..." hält alles in Gang. Sie rekapituliert, was er sagt. Dann setzt die eigene Sicht wieder ein. Sie schreibt herznah, unverblümt, lakonisch, der sprechend schnoddrige Ton wird angetrieben von dringlichen Gefühlen. Der erwachsene Kinderblick ist voller leiser Melancholie, die Naivität von höherer Ordnung, weil sie das Private politisch werden lässt. So lässt sich das Tochter-Memoir auch als deutsche Geschichte lesen, als Emigrantenschicksal, als Biografie eines mehr als halbherzigen Kommunisten, als Phänomenologie von Liebe und Verrat, als Folie ihres eigenen, trotzig-traditionellen jüdischen Lebens in Straßburg.

Barbara Honigmann, die sich – nach dem Vorbild von Freuds berühmter Patientin Anna O. – im Buch Anna nennt, hat ihren Vater spürbar sehr geliebt. Und hat diesen Bohemien mit Depressionen, diesen liebenswürdigen Misanthropen, der insgesamt vier Mal verheiratet war und jedes Mal mit nichts als einem Koffer in der Hand weiterzog, dennoch oft nicht verstanden. Sein Kind, Anna/Barbara, schleppt er "wie einen Arm oder ein Bein" mit durchs Leben, eifersüchtig auf Gegenliebe bedacht.

Nach außen bleibt er stets staatstreu, selbst dann, wenn er wieder einmal von einer seiner Positionen als Chefredakteur oder Kabarett-Direktor abgesetzt wird. Sein Schicksal ist die Unzugehörigkeit, die er betrauert, das Sitzen zwischen den Stühlen. Die Schuld daran schreibt er der "miesen Erbschaft" seines Großvaters zu. Eines Reformjuden, mit dem die allmähliche Abwendung der Honigmanns vom Judentum begann, die er als scheinheiliger Kommunist vollendet. Seine Tochter sieht das im Übrigen genauso. Ihr typischer Move ist die Heimholung von weit her. Voller Zuneigung beschreibt sie, wie ihr Vater sich am Ende seines Lebens dann doch noch seiner jüdischen Wurzeln erinnert, das Grab von Rabbi Löw aufsucht und die Schriften seines Großvaters handschriftlich kopiert. Ein Zurück zum Glauben, ein Neuanfang.

"Richte, liebes Kind", schreibt er ihr einmal, "dein Leben so ein, dass du nicht später sagen wirst, oh, hätte ich doch damals – wie es dein Vater immer wieder sagt." Sie hat es sich zu Herzen genommen. Sein Vermächtnis ist ihr jüdisches Gegenleben. Ein Buch, das berührt.

Barbara Honigmann: Georg
Hanser Verlag, München 2019; 160 S., 18,– €, als E-Book 13,99 €