1. Der Schotte

Ian Blackford ist Fraktionschef der Schottischen Nationalpartei im britischen Parlament. Er gehört damit zu jenen, die die EU auf keinen Fall widerstandslos verlassen wollen.

Die Schotten stimmten beim Brexit-Referendum 2016 mit 62 Prozent für einen Verbleib in der EU. Deshalb hat das schottische Parlament die Regionalregierung in Edinburgh ermächtigt, ein Unabhängigkeitsreferendum anzuberaumen, sollte London den Brexit vollziehen. "Wir sind nicht bereit, unsere Rechte als EU-Bürger zu verlieren", sagt Blackford. Lieber würde er aus dem Vereinigten Königreich austreten als aus der Europäischen Union.

Bald unabhängig? Ian Blackford hofft. © Andrea Artz für DIE ZEIT

Im September 2014 stimmten die Schotten schon einmal über ihre Unabhängigkeit ab, damals entschieden sich rund 55 Prozent gegen die Loslösung von London. Wird der Brexit Wirklichkeit, könnten sich die Mehrheiten verschieben, glauben die schottischen Nationalisten. Denn nur als unabhängiges Land hätte Schottland die Chance, in der EU zu bleiben. Allerdings müsste das Londoner Unterhaus einem erneuten Unabhängigkeitsreferendum zustimmen.

Gefragt, warum die Schotten überhaupt so viel EU-freundlicher sind als die Engländer, lacht Blackford auf. "Als Schottland noch ein unabhängiges Land war, also bis 1707, pflegte es enge Beziehungen zu vielen europäischen Ländern. Schon als Schottland für seine Unabhängigkeit kämpfte, im 13. Jahrhundert, schrieb William Wallace (ein Rebellenführer, d. Red.) nach Deutschland, mit der Bitte um Solidarität." Die Schotten seien einfach viel mehr mit Europa im Reinen als andere Teile Großbritanniens, so Blackford.

Heißt das alles, dass Großbritannien in zwei bis drei Jahren aufhören könnte zu existieren? "Das könnte so sein, absolut, ja."

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2. Die Städterin

Gewonnen? Lucy Harris diskutiert weiter. © Andrea Artz für DIE ZEIT

Dick, verblödet, rassistisch – so hätten Kollegen im Verlagshaus von Leuten wie ihr geredet, sagt Lucy Harris. Sie hätten einfach nicht geahnt, dass Harris zu den 17,4 Millionen Briten gehört, die 2016 für den Brexit stimmten. "Sie dachten, weil ich eine gute Bildung habe und Fremdsprachen beherrsche, könne ich keine Ausstiegsbefürworterin sein." Lucy Harris stammt aus einem Dorf in Suffolk, studierte Gesang und lebte mehrere Jahre in Italien, bevor sie nach London zog. Sie stimmte für den Brexit, weil die Gesetzgebung in Brüssel ihr zu wenig demokratisch erschien, sagt sie.

Die "snobistische Vorstellung" ihrer Kollegen in London, dass niemand "wie wir" für den Brexit sein könne, habe sie animiert, eine Gruppe von Gleichgesinnten zusammenzubringen. Sie gründete die Gruppe Leavers of Britain, die sich übers Internet verabredet und in Pubs im ganzen Land zusammenkommt. Es gehe bei den Treffen darum, über den Brexit sprechen zu können, "ohne sofort angegriffen und zurückgewiesen zu werden". Laut Harris versammeln sich bei den Treffen "Brexiteers und Lexiteers, also Leute aus dem linken Spektrum, Angehörige ethnischer Minderheiten, Geschäftsleute. Manchmal ist es fast surreal: Da sitzt dann ein City-Banker neben einem Kommunisten, und sie tauschen sich aus."

Statistisch mögen die "Leavers" eine Mehrheit sein, psychologisch aber, sagt Harris, hätte sie sich in ihrem Milieu wie ein Minderheit gefühlt. In vielen, vor allem liberalen Zeitungen sei die Haltung der Brexiteers als "illegitim" und "unmoralisch" dargestellt worden. Hätten Medien und Gesellschaft früher mehr Meinungen Raum gegeben, sagt Harris, hätte das Land besser für oder gegen den Brexit argumentieren können. "Und vielleicht wäre es gar nicht so weit gekommen."

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3. Der Prepper

Leere Regale? Melvin Burton hat schon mal eingekauft. © Andrea Artz für DIE ZEIT

Seinen aktuellen Lagerbestand hat Melvin Burton im Computer gespeichert. Er liest vor: 225 Kilo Getreide inklusive Pasta und Reis, 78 Kilo haltbar gemachtes Obst und Gemüse wie Mais, Tomaten, Aprikosen und Grapefruits, 51 Kilo Hülsenfrüchte wie Bohnen, Linsen und Graupen, 45 Kilo Milch und Milchpulver, 40 Kilo Fleisch, Corned Beef, Fleischklöße und Thunfisch. "Und drei Kilo Honig."

Seit anderthalb Jahren, sagt der Software-Tester aus der Nähe von Cambridge, gebe er beim Supermarktbesuch jede Woche zehn Pfund mehr aus, um für den Fall des Brexits vorbereitet zu sein. Denn ein EU-Ausstieg Großbritanniens, ob geregelt oder ungeregelt, würde in jedem Fall zu leeren Supermarktregalen führen. "Ich habe früher mal für Tesco (eine Supermarktkette, Anm. d. Red.) gejobbt", erzählt Burton. Er ist überzeugt, ein Brexit würde die Lieferketten erheblich stören, an denen Märkte hängen.

Großbritannien bezieht fast ein Drittel seiner Lebensmittel aus dem Ausland. Gerade im Frühjahr, so warnten die Chefs der größten britischen Lebensmittelmärkte, kämen 90 Prozent des Salats, 80 Prozent aller Tomaten und 70 Prozent aller weichen Früchte aus der EU. "Sobald es den ersten Hinweis auf Engpässe gibt, könnte Panik ausbrechen", fürchtet Burton. "Fehlen erst frische Früchte, werden die Leute Früchte in Dosen kaufen, so viel sie können." Die Bestände könnten innerhalb kürzester Zeit erschöpft sein.

Deswegen findet es der 46-Jährige höchst rational, in seiner Gartenhütte ein wachsendes Dosen- und Gläserlager anzulegen. Was er zum Beispiel empfehlen könne, sagt Burton, sei, Früchten das Wasser zu entziehen und sie luftdicht einzuschweißen. Die Vitamine blieben erhalten.

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4. Der Farmer

Weniger Subventionen? Paul Boulden käme auch so aus. © Andrea Artz für DIE ZEIT

Wie man sich als Farmer auf den Brexit vorbereiten kann? "Kein Geld ausgeben!", entfährt es Paul Boulden. Der 40-Jährige bewirtschaftet einen 1300-Hektar-Bauernhof in Kent, Südostengland. Auf dem Land grasen 1200 Schafe, außerdem handelt der Familienbetrieb mit Rindern und Getreide. Einen Teil davon exportiert Boulder auf den Kontinent. Doch er hat keine Ahnung, wie lange das in welchem Umfang noch möglich sein wird. Werden Zölle fällig? Gibt es neue Einfuhrbestimmungen? "Wir wissen einfach nicht, was passieren wird." Deswegen plane er derzeit keinerlei Investitionen, sagt Boulder.

Eine Folge des Brexits, fürchten englische Schäfer, könnte sein, viele Tiere vorzeitig schlachten zu müssen. Fast die Hälfte der 20 Millionen Schafe, die jedes Jahr in Großbritannien geboren werden, wird in die EU verkauft, so der britische Landwirtschaftsverband. Nach dem Brexit könnten neue Hygieneregeln und ein Zolltarif von bis zu 45 Prozent dafür sorgen, dass die Hälfte der Tiere nicht exportiert werden kann. Aus wirtschaftlichen Gründen könnten sich die Halter dann gezwungen sehen, Millionen Schafe zu töten.

Trotz der Verluste, die ihm drohen, hat Boulden im Juni 2016 für den Brexit gestimmt. "Ich weiß, es mag sich bizarr anhören. Aber ich finde, dass die gemeinsame Agrarpolitik der EU den vielen unterschiedlichen Landwirtschaftsformen nicht gerecht wird, die es in Europa gibt." Sein Betrieb könne ohne Zuschüsse aus Brüssel auskommen, glaubt Boulden. Er habe überhaupt keine Angst vor einem Wandel hin zu einem freieren Markt, sagt er, im Gegenteil. "Mein Vater ist 63, er hat für den Verbleib in der EU gestimmt. Ich bin 40. Ich habe noch Zeit, mich umzustellen.

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5. Die Unternehmerin

Neue Kunden? Emma Pullen wartet. © Andrea Artz für DIE ZEIT

"Wissen Sie, wir leben in einer großen, weiten Welt", sagt Emma Pullen. "Und wenn die Menschen einander Sachen abkaufen wollen, können Politiker es ihnen schwer oder weniger schwer machen." Die EU, so die Unternehmerin, habe es ihr in der Vergangenheit leider nicht leicht gemacht. Deshalb sieht sie einem Brexit nicht nur gelassen, sondern mit Vorfreude entgegen. Der Familienbetrieb mit Sitz nördlich von Dover exportiere schon länger vor allem nach China und Amerika, sagt Pullen. Dort hätten die Kunden ein Faible für die britischen Hovercrafts, die Luftkissenboote aus ihrer Fabrikation. Ihre 15 Mitarbeiter stellen pro Jahr etwa hundert dieser Gleiter her.

Beim Absatz in der EU gebe es leider rechtliche Hindernisse, sagt Pullen. Die EU hat eine technische Richtlinie über Sportboote und Wassermotorräder erlassen. Darunter fallen auch Wasserfahrzeuge, aber keine Luftkissenboote. Das habe zur Folge, so Pullen, dass man in der EU zwar britische Hovercrafts kaufen könne, sie bekämen aber kein technisches Prüfsiegel und könnten nicht versichert werden.

Der Brexit selbst mache ihr weniger Sorgen als die lange Unsicherheit darüber, wann Großbritannien die EU verlassen werde. "Dieser schreckliche Limbo, in dem wir uns befinden, sorgt dafür, dass die Kunden sich zurückhalten. Es warten gerade viele darauf, dass das Pfund am Tag nach dem Brexit um 10 oder 20 Prozent fällt. In dem Moment würden sie die Hovercrafts bestellen." Emma Pullen und ihre Leute versuchen sich darauf einzustellen, indem sie auf Vorrat produzieren. "Manchmal denke ich, ich sollte meine zehnjährige Tochter nach Westminister schicken, um das Problem zu lösen", kommentiert die 39-Jährige die Querelen im Parlament.

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