Die Geschichte der Menschheit ist eine der Bewegung. Rousseau verstand und schätzte das. Solange wir mobil waren, glaubte er, jagten und sammelten wir und paarten uns je nach Bedarf, ohne fest an einen Ort oder aneinander gebunden zu sein. Wir waren eins mit der Natur. Erst als wir sesshaft wurden, taten sich Abgründe auf zwischen Mensch und Natur, zwischen Herrschern und Beherrschten sowie zwischen innerem und äußerem Selbst. Für diese dreifache Entfremdung gibt es keine Heilung, meinte Rousseau. Es gibt nur die endlose Aufgabe, unseren Ketten an einem bestimmten Ort in einem bestimmten Volk "Rechtmäßigkeit" zu verleihen. Und das ist nur in einer Republik möglich.

Hat sich an dieser Aufgabe etwas geändert? Ich schreibe diese Zeilen in einem Hotel in Dubai, der globalen Heimat der Heimatlosigkeit. 1950 noch ein Emirat von 70.000 Einwohnern, erreicht seine Bevölkerungszahl heute knapp drei Millionen, von denen kaum ein Zehntel Staatsbürger sind. Die Stadtlandschaft wirkt, als sei sie vom Himmel gefallen oder aus der Hölle heraufgestiegen, ohne den geringsten Bezug zur natürlichen Umgebung. Damit die Stadt lebensfähig ist, sind ihre Einkaufszentren und Wolkenkratzer das ganze Jahr über klimatisiert; das Meerwasser muss aufwendig aufbereitet werden, damit man es trinken kann, wodurch der Persische Golf immer salzhaltiger wird.

Dieses ganze außergewöhnliche Konglomerat könnte in einem Augenblick verschwunden sein. Sollte ein technologischer Wandel eintreten, sollten sich Marktkräfte verschieben, sollte ein Krieg oder eine Umweltkatastrophe ausbrechen, dann würde Dubai verlassen, und die Wüste nähme Rache. Wie sie es in der Vergangenheit mit Petra und unzähligen anderen "Städten der Zukunft" getan hat. Das ist keine neue Geschichte. Litten die alten Nabatäer an "Solastalgie", als sich die Handelswege verlagerten und keine Karawanen mehr in ihrem Winkel der Levante vorbeikamen? Wir wissen es nicht. Vielleicht packten sie einfach ihre Taschen und zogen weiter. Und vielleicht werden die künftigen Flüchtlinge aus Dubai dasselbe tun.

Gibt es den geringsten Grund für die Annahme, die heutige Welle der Globalisierung sei in irgendeiner Weise destabilisierender oder beunruhigender als frühere? Oder für die Annahme, dass wir uns nicht letztlich daran anpassen würden, wieder in einer stärker nomadisch geprägten Welt zu leben? Ja, gibt es, und Bruno Latour erinnert uns an einen entscheidenden: die durch menschliche Aktivitäten verursachte Umweltzerstörung in globalem Maßstab. Der Klimawandel wird jedes Gelobte Land heimsuchen, das wir uns je vorstellen können.

Ein weiterer Grund ist die Geschwindigkeit, mit der Kapital und Arbeit heute verlagert werden. Der Niedergang antiker Städte vollzog sich über Jahrhunderte, der meiner Heimatstadt Detroit über zwanzig Jahre. So schnell passt sich unser Orts- und Heimatgefühl nicht an. Der wichtigste Grund aber, warum wir unglückliche Nomaden sind, besteht in unserem Wissen, dass wir nirgendwo mehr hingehen und von vorne anfangen können, befreit von den globalen Dynamiken, die unsere Gegenwart bestimmen. Wir verlieren unser "Hinterland", l’arrière pays, wie es der französische Dichter Yves Bonnefoy genannt hat – das ungesehene, aber angenommene Jenseits, das Menschen immer über sich hinausgetrieben hat, voller Hoffnung und Schrecken.

Angesichts der heutigen Wirtschaft und Kommunikation ist jedes "Da" zu einem "Überall" geworden. Nur politisch nicht. Die Politik ist immer noch lokal und national, weshalb es uns so schwerfällt, mit globalen Wirtschafts- und Umweltproblemen zurande zu kommen. Darum geht es Latour. Wenn eine Heimat, wie er behauptet, dadurch definiert ist, dass sich Subsistenzmittel und kollektives Vorstellungsvermögen entsprechen, und wenn diese Mittel heute unweigerlich globale Dimensionen haben, könnte man zu dem Schluss gelangen, dass unsere kollektive Vorstellungskraft an unsere materielle Realität anschließen und global werden muss. Latour aber lehnt den Globalismus ab. Ebenso lehnt er den "Neonationalismus" ab, wie er ihn verächtlich nennt, leider ohne uns zu verraten, was an ihm "neo" ist. Was aber ist die Alternative? Nur ein (grüner) Gott kann uns noch retten?

Bruno Latour findet alle bestehenden Formen sozialer Zugehörigkeit ungenügend für die globale Herausforderung, vor allem die Nationalstaaten. Er hat recht: Sie sind ungenügend angesichts der transnationalen Kräfte, die nun an ihnen rütteln. In seiner republikanischen Form aber bleibt der Nationalstaat das einzige vernünftige Mittel zur Herstellung menschlicher Solidarität, das uns zur Verfügung steht, um es mit den Folgen der Globalisierung aufzunehmen, so gut wir eben können.

Er ist die notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für jedes wirksame kollektive Handeln heute – genauso wie dafür, Menschen davon zu überzeugen, dass sie für das Gemeinwohl Opfer bringen müssen. Der Republikanismus gibt uns auch das einzige Mittel, um Rousseaus Forderung zu erfüllen, dass wir unsere Ketten rechtmäßig machen, das heißt nach Gerechtigkeit streben müssen. Die Geringschätzung der Republiken war einmal ein Luxus der Aristokraten mit ihren transnationalen wirtschaftlichen Interessen und familiären Verbindungen. Die Verzweiflung über das "Neue Klimaregime" ist nur der jüngste Ausdruck dieser alten Geringschätzung.

Was wir brauchen, ist eine Stärkung der staatsbürgerlichen Bindungen zwischen Menschen, die an bestimmten Orten wohnen – und die Anerkennung des Umstands, dass sich solche Bindungen nur friedlich unter Menschen herausbilden können, die von anderen durch Grenzen getrennt sind. Keine Grenzen, kein Zugehörigkeitsgefühl; keine Zugehörigkeit, keine Nationalstaaten; keine Nationalstaaten, keine Demokratie; keine Demokratie, keine wirtschaftliche Gerechtigkeit in einem Zeitalter der Globalisierung. Es ist Zeit, dass wir unsere Nachbarn kennenlernen.

Aus dem Englischen von Michael Adrian