Frau von B. und ich hatten uns schon eine ganze Weile unterhalten, es ging um eine Konzertkritik oder ein neues Buch oder so, da bin ich mir sicher, denn Frau von B. liest immer alle Feuilletons in allen großen Zeitungen. Dann räumte der Kellner ab, wir hatten irgendetwas Warmes bestellt, da bin ich mir auch sicher, denn Frau von B. isst grundsätzlich keine kalten Speisen, nie, jedenfalls strahlte sie dann ihr großes, schönes Wohltätigkeitsdamen-Lächeln, bezahlte mit Scheinen aus ihrem Louis-Vuitton-Portemonnaie, strich sich den taillierten Tweed-Blazer glatt und griff nach ihrer Tasche.

Ich zuckte zusammen. Frau von B. hätte beim Aufstehen genauso gut eine beulige Jogginghose an ihrer Körperunterhälfte zutage fördern können. Zutage kam: eine Ikea-Tasche.

Eleganzmäßig läuft das so ziemlich aufs Gleiche hinaus. Sie wissen schon: Ikea-Taschen, diese sirenenblauen Plastikplanen an vier gelb-blauen Henkeln, zwei langen, zwei kurzen. Mit einer Ikea-Tasche sieht man immer aus, als führte man einen Müllsack mit sich durch die Gegend oder ein zusammengefaltetes Igluzelt. Durch und durch hässlich. Trotzdem mochte ich Frau von B. in diesem Moment noch ein bisschen lieber als vorher.

Ich sehe das nämlich so: Ein Haushalt ohne Ikea-Tasche ist kein richtiger Haushalt. Es ist wie mit Haushalten ohne Nutella oder ohne Mikrowelle: Da stimmt irgendwas nicht. Man braucht diese Dinge, nicht aus ästhetischen oder gesundheitlichen Gründen, sondern weil das Leben ohne sie nicht so gut funktioniert.

Ich selbst besitze zwei Ikea-Taschen. Es waren mal drei, aber eine ist beim letzten Umzug gerissen. Wir hatten sie zu voll gepackt. Bis dahin war mir nicht klar, dass das überhaupt geht. Eigentlich passt da nämlich alles rein. Schmutzige Wäsche, tonnenweise. Saubere Wäsche. Ein Wochenend-Großeinkauf. Eine Rennradausrüstung. Und, natürlich, wenn man in den Urlaub fährt: alles, was noch so übrig war. Neoprenanzüge, Skat-Karten, einzelne Sandalen, Korkenzieher. Die Ikea-Tasche ist die Resterampe des Reisegepäcks und in ihrem Chaos ein Versprechen auf freie, unordentliche Zeit. Wohin mit dem aufblasbaren Flamingo? Ach komm, in der Ikea-Tasche ist noch Platz. Bisschen stopfen, dann passt das schon.

Das versuche ich auch oft mit meinem Terminkalender oder mit meinem Wäschetrockner – aber da führt Vollstopfen selten zum Erfolg. Meine Ikea-Taschen sind in dieser Hinsicht belastbarer.

Dafür zahle ich einen Preis. Eine Ikea-Tasche, die ein paarmal im Einsatz war, ist matt und schrumpelig wie eine alte Birne. Außerdem gibt sie beim Tragen ein nervtötendes Rascheln von sich. Mit einer Ikea-Tasche über dem Arm fühlt man sich wie in einer Regenjacke: Man möchte vor den Geräuschen davonlaufen, die man selbst erzeugt.

Das alles finde ich vertretbar. Es gibt eben keine praktischen Transportbehältnisse, die gut aussehen. Man denke nur an den Jutebeutel. Oder an den Rucksack. Ein Mensch mit Rucksack hat immer etwas Schildkrötenhaftes an sich. Bestenfalls sieht er aus wie ein Fallschirmspringer, wenn der Hersteller irgendwie lässig sein wollte.

Die Ikea-Tasche dagegen versucht gar nicht erst, ihre Hässlichkeit als Lässigkeit zu camouflieren. Sie weist denjenigen, der sie mit sich führt, einfach nur als das aus, was wir im Grunde alle sind: Menschen, die im Leben schwer zu tragen haben. Ich finde, mit einer Ikea-Tasche zeigt man wenigstens, dass man daraus kein großes Gewese macht.

Frau von B. bemerkte meinen verblüfften Blick. "Ich habe so viel zu schleppen, für die Stiftung", sagte sie, "ich kriege das sonst nicht mit." Und verließ lächelnd das Restaurant, ihre Absätze klackerten. Ihr Tweed-Blazer krumpelte stilvoll unter den Henkeln ihrer Ikea-Tasche.