Die Antwort auf die Frage, was wirtschaftsfreundliche Politik sei, hat die SPD schon vor fast 60 Jahren in ihrem Godesberger Programm gegeben: "Wettbewerb soweit wie möglich – Planung soweit wie nötig", steht dort. Und diese Maßgabe ist als Richtschnur für kluge Wirtschaftspolitik immer noch unübertroffen.

Jedoch sind die Bedingungen dafür heute andere als in der Nachkriegszeit. Die politische Aufgabe jedoch bleibt gleich: Es geht darum, den Wohlstand zu sichern.

Clemens Fuest hatte recht, als er vor zwei Wochen an dieser Stelle schrieb, "die lange diskutierte Idee eines grundlegenden Konfliktes zwischen wirtschaftsfreundlicher und arbeitnehmerfreundlicher Politik ist veraltet". Damit ist zwar der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit nicht aufgelöst, aber wenn wir "wirtschaftsfreundlich und arbeitnehmerfreundlich" wörtlich nehmen, lässt sich darüber reden.

Die SPD ist immer dann erfolgreich, wenn die Wähler ihr auch wirtschaftliche Kompetenz zutrauen. Nicht zufällig stand ihr letzter großer Wahlsieg 1998 unter dem Motto "Innovation und Gerechtigkeit". Gerhard Schröder und vor ihm Willy Brandt und Helmut Schmidt brachten ökonomische Kompetenz und soziale Gerechtigkeit auf einen Nenner.

Sie wussten auch, dass eine Politik, die sich nicht an der Mitte orientiert, keine Mehrheit bringt. Deshalb ist es ein Fehler, dass einige in der SPD sich gegenwärtig von der Agenda 2010 abgrenzen, die weit mehr ist als Hartz IV. Sie hat Kräfte in Wirtschaft und Gesellschaft freigesetzt und so Deutschland vom vermeintlich "kranken Mann in Europa" zum Exportweltmeister gemacht.

Die SPD ist eine im Kern wirtschaftsfreundliche Partei. Leider ist sie sich dessen nicht immer bewusst – und sie spricht auch nicht offensiv genug darüber. Dass wir in den vergangenen Jahren stabiles Wachstum hatten und nun beinahe Vollbeschäftigung haben, ist auch ein Erfolg der Agenda 2010 und der Wirtschaftspolitik von Sigmar Gabriel und Brigitte Zypries in den vergangenen Jahren.

Strategisch braucht die SPD eine Debatte über wirtschaftliche Grundthemen – nicht nur über Umverteilung, sondern über Leistungsgerechtigkeit. Das bedeutet nicht, die Sozialpolitik zu vernachlässigen. Tätigkeitsfelder gibt es genug, so drängt beispielsweise eine Reform des Rentensystems.

Was aber heißt es, der Leistungsgerechtigkeit Vorrang zu geben? Es ist kein Plädoyer für eine reine Marktwirtschaft oder einen radikalen Liberalismus. Im Gegenteil. Es ist ein Plädoyer für neues wirtschaftspolitisches Denken. Es überwindet ideologische Gräben und ist pragmatisch. Wirtschaft muss sich an Werten orientieren. Sie braucht Recht und Ordnung.

Markt oder Staat, Wachstum oder Konsolidierung, Flexibilität oder Sicherheit, Angebots- oder Nachfragepolitik, Gewinn contra Gemeinwohl, Gerechtigkeit contra unternehmerische Freiheit – das ist das Denken von gestern: Es ist starr und teils ideologisch geprägt. Das hilft nicht weiter, und Mehrheiten lassen sich damit auch nicht gewinnen.

Der Markt muss arbeiten, dem Wohlstand und dem sozialen Frieden dienen. Im Gegensatz zu Konservativen und Liberalen halten Sozialdemokraten die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität für gleichrangig. Sie bedingen einander. Freiheit ist nicht allein die Freiheit des Marktes und viel mehr als Gewerbefreiheit – ebenso bedeuten Gerechtigkeit und Solidarität mehr, als nur das Existenzminimum zu sichern.