Aus der britischen Publikumspresse erfuhr man lange wenig über die britische Jazzszene. Wer sich informieren oder die neusten Veröffentlichungen hören wollte, musste auf Fachzeitschriften oder spezialisierte Radiosendungen ausweichen. In den vergangenen anderthalb Jahren ist es nun einigen Musikern gelungen, aus diesem Medienghetto auszubrechen und in die Sonntagszeitungen und Hauptsendezeiten vorzudringen. Der britische Jazz ist plötzlich ein Thema.

Europäische und amerikanische Veranstalter sehen das auch so. Von Sardinien bis Skandinavien buchen Festivals britische Improvisatoren. Letzten Januar präsentierte das Winter Jazzfest in New York einige viel beachtete junge Künstler aus dem Vereinigten Königreich: die Saxofonistin Nubya Garcia, die Trompeterin Yazz Ahmed und die Gruppe The Comet Is Coming des Saxofonisten Shabaka Hutchings.

Hutchings steht im Mittelpunkt der aktuellen Aufregung, weil er so aktiv ist. Da gibt es Shabaka & The Ancestors mit südafrikanischen Musikern und Sons of Kemet, ein hochenergetisches, rein britisch besetztes Quartett, das seit fast einem Jahrzehnt zusammenspielt; es ist sein erfolgreichstes Projekt.

Der Titel des jüngsten Albums der Band, Your Queen Is a Reptile, mag Hutchings Lust an der politischen Provokation widerspiegeln, doch ist es zuallererst die Musik, die mit ihrer scharfsinnigen Neufassung zentraler Elemente der Jazzgeschichte und des karibischen Folks die Fantasie beflügelt. Mit einer Tuba und zwei Schlagzeugen neben Hutchings Tenorsaxofon haben die Sons of Kemet einen rauen, nervösen, polyrhythmisch aufgeladenen Klang, der auf der Bühne explodiert. Ihr bassbetontes Grollen trifft den Nerv eines jüngeren Publikums, das mit Hip-Hop, Dub und Tanzmusik groß geworden ist, aber auch den älterer Hörer, die den abstrakten Avantgarde-Charakter schätzen. Was der 35-jährige Londoner zudem vermittelt, ist ein ausgemachter Stolz auf seine barbadischen Wurzeln – ein Stolz, den er bei vielen seiner afrokaribischen Kollegen beobachtet. "Wir sagen: Das ist unsere Vision der Musik."

Schwarze wie weiße Musiker experimentieren mit einem breiten Spektrum an Material. Der Schlagzeuger Moses Boyd erforscht in seinem Exodus-Projekt die kubanische Tradition der Batá-Trommel, während die Pianistin Sarah Tandy Swing und Reggae packend verbindet. Die Saxofonistin Camilla George, auf nigerianische und grenadische Wurzeln zurückblickend, verschmilzt Calypso, Highlife und Soul in ihrer Musik. Darüber hinaus ist sie von den Yoruba-Parabeln inspiriert, die sie in ihrer Kindheit zu hören bekam.

"Die Aufmerksamkeit, die meiner Musik im vergangenen Jahr entgegengebracht wurde, ist gewaltig", sagt die 29-jährige George. Wie Hutchings und zahllose andere hat sie von den "Tomorrow’s Warriors"-Workshops profitiert, die der Bassveteran Gary Crosby seit Mitte der Neunzigerjahre veranstaltet.

London ist nicht der einzige Ort, an dem im britischen Jazz interessante Dinge geschehen. Hutchings verbrachte die ersten Jahre seiner Karriere in Birmingham, wo er mit dem Saxofonisten und Rapper Soweto Kinch zusammenarbeitete. Bezeichnend ist es, dass mit Xhosa Cole ein weiterer Saxofonist aus Birmingham jüngster Gewinner des prestigeträchtigen BBC Young Jazz Musician of the Year Award ist.

Bristol, Cardiff, Glasgow, Leeds und Manchester haben über die Jahre viele große Talente hervorgebracht; auch Newcastle ist ein pulsierender Standort kreativer Musiker. Die Saxofonistin Faye MacCalman zählt dazu. Sie hat ihre eigenen Bands, bildet zudem mit dem Bassisten John Pope und dem Schlagzeuger Christian Alderson das gemeinschaftliche Trio Archipelago. Dessen metamorphotischer Sound bewegt sich stimmig zwischen knackigen, kraftvollen Riffs und introspektiven Ambientpassagen, die durch geisterhafte Elektronik und abrupte, schroffe Verzerrungen erweitert werden.

MacCalman führt diesen Eklektizismus auf ihre Umgebung zurück. "Die Verbundenheit zwischen den Musik- und Kunstszenen in Newcastle führt zu jeder Menge Cross-over zwischen Genres wie Folk, Rock, Jazz und freier Improvisation, was auch in die Jazzszene einfließt und sie sehr fortschrittlich macht. Vor ein paar Jahren entstand das Newcastle Festival of Jazz and Improvised Music, das jeden Oktober unglaubliche Musik in die Stadt bringt. Sie reicht von halbimprovisierter Stummfilm-Musik, die Geschichten erzählt, bis hin zu einer Free-Jazz-Legende wie Joe McPhee."