Am vergangenen Freitag wählt La Croix, eine der wichtigsten katholischen Tageszeitungen Frankreichs, eine dramatische Schlagzeile: "Der Schock". Es ist der Tag nach dem Urteil gegen den prominentesten Kirchenmann Frankreichs: Philippe Kardinal Barbarin, 68 Jahre alt, Primas von Gallien, Erzbischof von Lyon. Er erhält sechs Monate Bewährungsstrafe für die Nichtanzeige sexueller Übergriffe. Zwei Wochen nach dem ersten Missbrauchsgipfel im Vatikan hat der Missbrauchsskandal einen weiteren Höhepunkt erreicht, vergleichbar bloß mit der Verurteilung eines engen Vertrauten von Papst Franziskus, des australischen Kurienkardinals George Pell.

Diesmal trifft es die katholische Kirche in einem Land, in dem sie zwar tief verwurzelt ist, in dem Religion jedoch seit Jahrzehnten strikt vom Staat getrennt ist. Es gibt keine Kirchensteuer, keinen Religionsunterricht und keine Eröffnungsgottesdienste für politische Veranstaltungen, wie es in Deutschland üblich ist. Die Diskussion, inwieweit Religion ins öffentliche Leben hereinragen darf, ist seit Jahren präsent. Immer neue Meldungen über sexuelle Übergriffe von Priestern auf Kinder und Ordensschwestern, meist in den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren, haben der Kirche in diesem Klima nicht geholfen. Noch weniger ihr Umgang damit.

Auch andere mediale Ereignisse verstärken derzeit das negative Bild der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit. Gegen den Nuntius in Paris wird eine Untersuchung wegen sexueller Übergriffe eröffnet; der Fernsehsender Arte zeigt eine Dokumentation über den Missbrauch an Ordensschwestern und im Kino startet das Drama Gelobt sei Gott von François Ozon, das den Missbrauchsskandal rund um Barbarin abbildet.

Etwa zehn Prozent der französischen Bevölkerung gelten als praktizierende Katholiken. Zwischen zwei und sechs Prozent der Bevölkerung besuchen am Sonntag regelmäßig den Gottesdienst. Der Direktor des Meinungsforschungsinstituts Ifop in Frankreich, Jérôme Fourquet, attestiert den Franzosen, sich immer mehr vom Christentum zu entfremden. "Wir stehen vor einer großen Wende aufgrund der Generationenerneuerung", sagte er La Croix einen Tag bevor die Richter in Lyon ihr Urteil im Prozess gegen Barbarin verkündeten. Die Katholiken blieben zwar noch aktiv und präsent, sagte Fourquet. Dennoch seien sie keine "strukturierende Macht" der Gesellschaft mehr. Fourquet zufolge ist der Katholizismus nur noch eine Kultur von vielen. "Der Katholizismus in Frankreich wechselt von der Bühne der dominanten Kultur zu einer unter anderen, sogar zu einer Gegenkultur."

Barbarin wird nicht vorgeworfen, selbst sexuell übergriffig gewesen zu sein, sondern den 72-jährigen Priester Bernard Preynat in seinem Amt belassen zu haben, obwohl er von dessen Taten in der Vergangenheit wusste. Damit machte Barbarin sich strafbar. Denn in Frankreich sind alle Bürger verpflichtet, den Verdacht sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen der Justiz zu melden.

Zwischen 1970 und 1991 soll Preynat La Croix zufolge etwa 70 Pfadfinder missbraucht haben. Sein ehemaliger Chef, Kardinal Barbarin, schickte ihn 2015 auf Rat des Vatikans stillschweigend in den Ruhestand. Im Januar 2019 findet der zivile Prozess gegen Barbarin und sechs weitere Geistliche wegen Nichtanzeige sexuellen Missbrauchs statt.

Barbarin sagt vor Gericht aus. Drei Stunden lang gibt er den Richtern und dem Publikum Einsichten in seine Wahrnehmung des Falls. Seine Überzeugung, dass er die einzig richtige Sicht auf die Ereignisse hat, ist offenbar durch nichts zu erschüttern. "Ich habe niemals den sexuellen Missbrauch gedeckt, der von einem Priester begangen wurde", sagt der 68-Jährige.

In seinen Aussagen präsentiert sich der Kirchenmann als jemand, der keine Schuld bei sich sieht und nicht versteht, warum er angeklagt ist. Warum hat er den Priester zu diesem Zeitpunkt nicht von seinen Ämtern suspendiert? Preynat habe ihm geschworen, seit 1990 kein Kind missbraucht zu haben. "In diesem Moment habe ich nicht gedacht, dass ich das tun muss, da die Fälle verjährt waren und das Opfer selbst bestätigt hat, dass es nichts mehr ändern könne", so Barbarin.