Was ist eigentlich die Kirche? Der Bibel zufolge soll sie die Stadt auf dem Berge sein, zu der die Menschen aufschauen, weil von ihr die Botschaft, die Hoffnung, das Licht ausgehen. "Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein", heißt es in der Bergpredigt, aber das Problem der Kirche jetzt ist das Verborgene. Dass sie verdächtigt wird, das Verbergen könnte ihr Wesen sein. Dass sie nicht mehr in der Höhe leuchtet, sondern selber dunkel erscheint, ein Abgrund, von dem auch Gläubige sich abwenden.

Seit mit Zahlen belegt ist, wie vielfach in der katholischen Kirche nicht nur sexuelle Gewalt geschah, sondern wie gründlich sie verleugnet und vertuscht wurde, verbietet sich für Bischöfe die Rechtfertigung, dass Missbrauch ein Allerweltsverbrechen sei. Ja, das ist er, er kommt in Familien, in Schulen, in anderen Glaubensgemeinschaften vor. Ja, er galt lange Zeit als ein Stigma, dessen nicht etwa der Täter, sondern das Opfer sich zu schämen hatte und deshalb schwieg. Und ja, diese Art des Schweigens gab es nicht nur in der Kirche. Aber nur in der Kirche wurden so hehre Gründe gefunden, die Verschwiegenheit zu wahren, auch dann noch, wenn Opfer sich hilfesuchend einem Priester offenbarten. Auch dann noch, als die Fälle sich häuften. Und auch dann noch, als das systematische Vertuschen ruchbar wurde.

Beleuchtete Kirchturmspitze in Lingen © Friso Gentsch/picture-alliance/dpa

Deshalb ist es so schwer, jetzt das Richtige zu sagen. Zu Beginn dieser Woche im Städtchen Lingen im Emsland konnte man das dem Chef der deutschen katholischen Bischöfe anhören und ansehen. Reinhard Marx trat geradezu im Rückwärtsgang vor die Presse, um das Thema der Vollversammlung der 65 Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz zu verkünden: die weitere Aufarbeitung und künftige Prävention von Missbrauch. Nicht ängstlich wirkte der Kardinal, aber auch nicht forsch oder gar auftrumpfend. Vorsichtig, alles Predigthafte vermeidend, trug er seine kleine freie Rede wie etwas Behelfsmäßiges vor. Das war klug, insofern ja die Bischöfe erst noch miteinander debattieren würden. Aber das war auch unzulänglich, weil das Publikum draußen vor der Tür der Debatten überdrüssig ist. Es hat gelernt, den bischöflichen Zusammenkünften zu diesem Thema als Beschwichtigung, Beschönigung, Hinhaltetaktik zu misstrauen. Es will endlich klare Worte, obwohl es den Worten schon nicht mehr glaubt. Es will Taten, obwohl es kaum noch hofft, dass die Kirche dazu imstande ist.

Wie kommt man da raus? Gar nicht. Und vielleicht sind deshalb jetzt die hilflosen Sätze die ehrlichsten. Zum Beispiel dieser: "Es geht um die Frage: Müssen wir mehr nachdenken auch über das Konzept der Aufarbeitung?" Um Himmels willen, sagt man sich, worüber denn jetzt immer noch "nachdenken", und was heißt hier "auch" Aufarbeitung und dann noch "Konzept"? Wer will, kann in dem Satz jedoch eine neue Kirchenführung erkennen, die ihre Hilflosigkeit eingesteht. Die sich vor aller Augen schwertut, Verantwortung zu übernehmen, nicht mehr aus Böswilligkeit oder Unwillen, sondern weil sie spürt, dass sie die Kontrolle über die Krise verloren hat.

"Nicht der persönliche Glaube an den barmherzigen Gott Jesu Christi ist in die Krise gekommen. Nein: Die Menschen glauben uns nicht mehr", hat der Limburger Bischof Georg Bätzing in seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit geschrieben. "Das ist für mich der Wendepunkt. Wenn Bischöfe so etwas sagen können, dann gibt es Hoffnung", erklärte der kritische Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz auf die Frage der ZEIT, ob das Glaubwürdigkeitsproblem der Kirche zu überwinden sei. "Das ist der Unterschied, der den Unterschied macht." Und wie könne eine unglaubwürdig gewordene Kirche glaubwürdig sprechen? "Indem wir aufhören, jene Gläubigen als ungläubig zu denunzieren, die ihren Kirchenoberen mit Gründen das Vertrauen entziehen."

Abendlicher Protest der Kirchenbasis © Harald Oppitz/KNA

Ganz sicher gehört zum Glaubwürdigwerden auch, die kircheninternen Kritiker nicht länger als Abweichler und Feinde zu fürchten, sondern als Getreue zu sehen – die sich immer noch die Mühe machen, die Kirche verändern zu wollen. In Lingen standen sie wieder vor der Kirchentür mit ihren Plakaten und ihren Gay-Pride-Regenschirmen, während drin die Bischöfe Gottesdienst feierten. Wenn die das Richtige sagen wollen, also etwas, das ankommt, dann müssen sie den Unterschied zwischen drinnen und draußen verstehen. Das war schon in Rom beim Anti-Missbrauchs-Gipfel so. Da fielen im Vatikan unerhörte Sätze wie: "Wir müssen eingestehen, dass unsere eigene Mittelmäßigkeit, unsere Verlogenheit und unsere Selbstgefälligkeit uns in die beschämende und skandalöse Lage gebracht haben, in der wir als Kirche uns jetzt befinden." Und: "Wir haben jetzt die Chance, einzusehen, wo wir falsch, ignorant, heimlichtuerisch und selbstgerecht gehandelt haben." Und: "Wir müssen jetzt unser ganzes Handeln ändern – durch das Anzeigen von Verbrechen, durch die Unterstützung der Opfer, durch den Schutz der Verletzlichen vor jeder Art Missbrauch." Schade war nur: dass diese Sätze, obwohl sie nach draußen übertragen wurden, draußen nicht richtig ankamen.

Man kann sagen, dass das an den wie stets zu kirchenkritischen Medien lag. Man kann aber auch sehen, dass das, was kirchenintern als ein Fortschritt, ja als radikal gilt, für die Kirchenbasis mittlerweile das Minimum ist. Ein Hoffnungsschimmer. Mehr nicht. Da muss noch viel Aufklärung her, wenn die Kirche wieder die Stadt auf dem Berg werden will, die leuchtet.