Für einige politische Probleme, die mit Worten schwer zu fassen sind, kann die Kunst einen konzentrierten Ausdruck finden. So wie derzeit in der Ausstellung Ostalgie in der Galerie KOW in Berlin-Mitte, wo die junge, 1984 in Zwickau geborene Künstlerin Henrike Naumann eine kleine Retrospektive ihres bisherigen Werks zeigt. Auf drei Stockwerken liefert sie eine ästhetisch so luzide wie atmosphärisch dichte Analyse der deutsch-deutschen Malaise. Ihr künstlerisches Medium ist dabei vor allem eines: die Schrankwand.

Es sind nicht irgendwelche Schrankwände, sondern jene Baumarkt-Möbel aus den 1990er-Jahren, mit denen die Bürger aus der DDR in ihren Wohnzimmern die Ankunft im Kapitalismus unverrückbar machen wollten. Sie richteten sich im Westen ein und ihr Leben auf neue Weise aus. Die Möbel zeugten von einem Stil, den heute kaum noch jemand mag und den der Soziologe Pierre Bourdieu mit seinem Gespür für die feinen Unterschiede im unteren sozialen Raum eingeordnet hätte.

Die Hersteller der Schrankwände, oftmals aus der westdeutschen Provinz stammend, hatten in ihren Entwürfen ihre Vorstellung der Postmoderne ausgelebt, aus den Schränken ragten Säulen, Bögen, Kranzgesimse. Nicht ganz so verspielt und bunt, wie es die Mailänder Memphis-Gruppe in den 1980er-Jahren vorgemacht hatte, aber doch gern mintgrün, in heller Holzoptik oder dunkel-verspiegelt. Hocker wurden mit Flokatis befellt, Garderoben aus beschichtetem Stahlrohr zu Comicfiguren geformt.

Heute verströmen diese Einrichtungsgegenstände eine erstaunliche Tristesse. Es sind Monumente enttäuschter Hoffnungen. Henrike Naumann hat sie auf eBay geschenkt bekommen.

Ein halbes Dutzend dieser Einrichtungsdinge zeigt sie nun in der Galerie KOW, teilweise auch an den mit Teppich bezogenen Wänden statt auf dem tapezierten Boden, als seien die Verhältnisse im Osten auch physisch gekippt. Es geht Naumann um die Widersprüche, die sie in ihrer Jugend in Ostdeutschland erlebte, sagt sie beim gemeinsamen Besuch ihrer Ausstellung: "Die Darstellung der ästhetischen Brüche löst selbst bei solchen Besuchern etwas aus, die sonst nicht in Ausstellungen gehen. Sie stellen mir Fragen, wollen über ihre Erfahrungen und Verletzungen reden. Sie finden einen Zugang zur Kunst, ohne ein Kunstgeschichtsstudium absolviert zu haben."

Henrike Neumann selbst hatte zunächst Bühnenbild in Dresden studiert, dann Szenografie an der Filmhochschule Babelsberg. Sie führte Regie, begann dann mit Installationen zu arbeiten. Ein Schlüsselmoment für ihre Kunst, sagt sie, war die Enttarnung des NSU im November 2011 – die rechtsextremen Terroristen hatten in der Nachbarschaft von Naumanns Großmutter gewohnt. "Ich wollte diese Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählen."