Andreas Brohm fährt ein Stadtauto. Einen Citröen, vollgepackt mit Kindersitzen, Plakaten und Klebeband. Es ist ein Auto, das wunderbar in jede Parklücke passen würde. Doch so richtig einparken musste Brohm schon lange nicht mehr. Er fährt Auto, wie man auf dem Dorf eben Auto fährt: Er schneidet Kurven, drückt das Gaspedal ziemlich oft durch und parkt, wo es ihm passt. Zwischendurch deutet er nach draußen: "Hier sehen Sie die alte Eisenverhüttung aus dem Jahr 1896, da vorne erstreckt sich der Schlossgarten, für den Kunstpavillon haben wir jetzt keine Zeit, aber der ist auch einen Besuch wert." Andreas Brohm ist parteiloser Bürgermeister der Einheitsgemeinde Tangerhütte im Norden Sachsen-Anhalts, eines Ortes mit nur 11.000 Einwohnern, aber der gleichen Fläche wie Frankfurt am Main. Die Altmark, diese Region zwischen Magdeburger Börde und Elbe, liegt nur 120 Kilometer von Berlin entfernt. Aber während Berlin boomt, wird die Altmark immer dann zitiert, wenn es um Probleme geht: Abwanderung, Arbeitslosigkeit, Überalterung.

Zuhause ist, was man draus macht © Tobias Kruse/Ostkreuz

Würde man einer neuen Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) folgen, sollte der Staat gar nicht mehr versuchen, die Probleme solcher Orte zu lösen. Denn die Studie, die in der vergangenen Woche vorgestellt wurde und für immenses Aufsehen sorgte – sie legt nahe, Gemeinden wie Tangerhütte abzuschreiben, zugunsten der großen Städte. Soll also kein Geld mehr nach Tangerhütte fließen, soll stattdessen alles nach Potsdam oder Dresden gehen? Die Forscher glauben das offenbar: Förderung mache nur dort Sinn, wo ein Boom zu erwarten sei. Die Zukunft des Ostens liege in Halle oder Leipzig. Nur: Würde eine solche Politik, ein Vernachlässigen ganzer Landstriche, nicht Polarisierung und Populismus den Weg bahnen, noch dazu im Wahljahr? Gleich drei Ministerpräsidenten – in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – lehnten sich auf gegen die Erkenntnisse des IWH. Die Studie sei "Wasser auf den Mühlen der AfD", sagt Bodo Ramelow, der Linke aus Thüringen, der ZEIT. Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt zweifelte die Methodik der Forscher an, der Sachse Michael Kretschmer sprach im Spiegel gar von "Gebrabbel", das diese von sich gäben. Der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband Sachsen-Anhalt klagt, die Studie widerspreche jeder unternehmerischen Erfahrung. Christian Hirte (CDU), Ostbeauftragter der Bundesregierung, sagte: "Ich halte die Idee, wirtschaftlich schwache Gebiete im Osten aufzugeben, für ökonomisch falsch und politisch völlig inakzeptabel." Und die SuperIllu ließ ihre Leser abstimmen: 83 Prozent von ihnen waren der Meinung, das IWH liege daneben.

Andreas Brohm, der Bürgermeister, äußert sich maßvoller, aber auch ihm hört man an, dass er die Vorschläge der Wirtschaftsforscher nicht gerade nützlich findet. Brohm weiß selbst, dass nicht jede Subvention sinnvoll ist. Er glaubt trotzdem an die Region, ihre Chancen. Und er arbeitet sich jeden Tag dafür ab. Er kämpft mit einer Kommission für bedarfsgerechte Lebensverhältnisse und ist auch am Wochenende unterwegs, um Tangerhütte strahlen zu lassen. Brohm ist 40 Jahre alt, wesentlich jünger als der durchschnittliche Einwohner seiner Einheitsgemeinde. Er stammt aus Tangerhütte, hat aber auch in Berlin, Zürich und Köln gelebt. Er weiß, dass es besondere Anreize braucht, um Menschen dazu zu bringen, in einen Ort wie seinen zu ziehen. Grundstücke muss seine Einheitsgemeinde teilweise verschenken, damit sie überhaupt jemand unterhält – während gut Hundert Kilometer weiter, in Berlin eben, auch die letzte Brache noch für Millionensummen den Besitzer wechselt. Brohm sieht keinen Sinn darin, dass alles in die Stadt strebt: "Warum baut man für viel Geld Wohnungen in Berlin, wenn man hier vier Euro Kaltmiete pro Quadratmeter und ein riesiges Grundstück haben könnte?", fragt er. Er setzt auf das, was er "gesunde Selbstüberschätzung" nennt. Brohm glaubt, die Kommunen bräuchten mehr, nicht weniger Geld. Die verfallene rote Backsteinhalle von 1896 zum Beispiel, die sie in Tangerhütte hätten: In der könne er sich einen Festsaal, ein Gewerbezentrum, ein Hotel vorstellen. "Hier spielt die Musik, also müssen hier auch die besten Musiker spielen", schreibt Brohm in einem Artikel in der Lokalzeitung. Das ist Marketing, wie es in Frankfurt, München und Berlin funktioniert. Brohm versteht nicht, warum in Tangerhütte andere Regeln gelten sollten. Darf Heimat nicht überall sein?

Zuhause ist, was man draus macht © Tobias Kruse/Ostkreuz

Wer Reint Gropp danach fragen will, den Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung – jenen Mann, der verantwortlich ist für die Studie und die Diskussion –, der erfährt erst einmal von seiner Sekretärin, dass man sich hinten anstellen müsse. Fernsehsender, Zeitungsredaktionen, Radioreporter – alle wollen den Forscher sprechen.

Zwei Tage später hat er doch Zeit. Gropp – ein eher unauffälliger Mann in Hemd und Sakko – sieht aus, als habe er zuletzt wenig Schlaf bekommen. Er ist aufgebracht. Ein Bürgermeister, der ihm widerspricht, ist das eine. Aber gleich mehrere Ministerpräsidenten, die empört sind? Gropp seufzt. Ob er noch nie vom verfassungsrechtlichen Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse gehört habe, haben Politiker ihn gefragt. Ob er nicht wisse, dass die Menschen in den Regionen, die oft als "abgehängt" bezeichnet werden, frustriert seien – und in Frankreich seit Monaten Menschen in gelben Westen auf die Straße gingen? Von Pegida mal ganz abgesehen. Telefoniert man mit Bodo Ramelow über die Studie, wird der regelrecht wütend: "Ich lasse mir mein Bundesland nicht schlechtreden!", sagt er, und spricht, in Anspielung auf den Namen des Professors, von "gropp fahrlässiger, unseriöser Wissenschaft".

Reint Gropp sagt, er nehme das alles zur Kenntnis. Der Ton erschrecke ihn. "Fahrlässig und unseriös wäre es, empirische Fakten zu verschweigen. Die Polemik zeigt nur, dass einige Politiker Angst haben vor einer Sachdebatte." Gropp sieht sich als einen, der Ursachenforschung betreibt. Sein Team habe sich ergebnisoffen gefragt, wie es sein könne, dass 29 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch große Produktivitätsunterschiede zwischen Ost und West existieren. Und warum gerade die Städte im Westen so viel stärker sind als im Osten. Für Gropp lassen sich diese Unterschiede mit einer falschen Förderungspolitik erklären: Statt auf die profitablen, IT-gestützten Branchen der Zukunft zu setzen, habe man im Osten Industriearbeitsplätze auf dem Land subventioniert. Um wirklich aufzuholen, solle man sich von nun an auf die Dienstleistungsbranche konzentrieren. Also: an der Infrastruktur für Unternehmensberater, Informatiker und Start-ups arbeiten. Branchen, die in großen Städten angesiedelt sind. Bei der Infrastruktur auf dem Land sieht Gropp dagegen Sparpotenzial: "Wenn das heißt, dass nicht mehr jeder Ort einen Autobahnabschnitt hat, dann ist das eben so."

Ob man mit einer solchen Politik nicht Populisten die Fläche überlasse? Gropp nimmt einen großen Schluck Kaffee. "Wir fördern diese Regionen seit Jahrzehnten. Es hat die Menschen nicht davon abhalten, AfD zu wählen. Im Gegenteil." Gropp glaubt: Wenn seine Vorschläge umgesetzt würden, würde das zu Wohlstand führen – und der wiederum sei ein ziemlich gutes Mittel gegen Frustration.

Besonders "bedenklich" findet Gropp die Äußerungen von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff. Dieser hatte bei einem Besuch im IWH angemerkt, dass man von einem öffentlich subventionierten Institut schon erwarten könne, dass es "einen Beitrag" zu den Herausforderungen des Ostens leiste. Nicht wenige Mitarbeiter in Halle haben das als Drohung verstanden, als Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft. Haseloff weist das von sich. Der Ministerpräsident habe nur eine "ganz normale Erwartungshaltung" formuliert, heißt es aus seiner Staatskanzlei.

Gropp beteuert, er setze sich gar nicht nur für die Städte ein. Er wünsche sich Kommunen, die unternehmerisch agieren und auf die eigenen Stärken setzen. Etwa auf Tourismus, Natur und eine weltoffene Atmosphäre. Bürgermeister wie Andreas Brohm in Tangerhütte gefallen ihm eigentlich.

Brohm hat, am vergangenen Wochenende, als die ZEIT ihn begleitet, Besuch vom MDR: Die Sendung Mach dich ran ist zu Gast. Das Konzept des Formats: ein bisschen Glanz in die Dörfer Sachsens, Thüringens und Sachsen-Anhalts zu bringen, mit Spielen und Aktionen. Mit den Fernsehleuten fährt Brohm zum "Wildsaucup" der Bogenschützen, zum Kunstpavillon und zur Feuerwehr – er zeigt, was schön ist in seinem Ort. Und: Wer zugewandert ist.

Josefine Krohn zum Beispiel: Sie ist gelernte Zootierpflegerin, mit gerade 24 Jahren leitet sie seit Kurzem den Wildpark Weißewarte. Sie stammt aus Nordrhein-Westfalen. Am Anfang sei es nicht leicht gewesen, in eine Kleinstadt in Sachsen-Anhalt zu ziehen. "Aber wenn die Leute sehen, dass man arbeitet, bekommt man Respekt", sagt sie. Und Provinz, das ist sie gewohnt. Sie hat in den vergangenen Jahren unter anderem in einem Elefanten-Camp in Nepal gearbeitet. Im Dschungel.