Mit voller Wucht – Seite 1

Der perfekte Tag, um das Klima zu retten, ist natürlich immer heute. Manche Tage aber sind noch besser.

Ende Februar, hell und warm scheint die Sonne über der Place de la République in Paris, keine Wolke ist am Himmel. Am Fuß des Monuments in der Mitte des langen Platzes stehen, von 60 Journalisten und mehreren Fernsehteams umlagert, die 16-jährige Greta Thunberg und weitere Heldinnen der europäischen Klimastreik-Bewegung #Fridays4Future.

Da sind Adelaïde Charlier, Kyra Gantois und Anuna de Wever, die in Brüssel am Vortag 10.000 Jugendliche auf die Straße gebracht haben. Da ist Romaric Thurel von der französischen Nichtregierungsorganisation Youth for Climate, der die heutige Demo durch das 9. Arrondissement angemeldet hat. Und da ist die 22-jährige Luisa Neubauer. Dunkel gekleidet, blaue Bluse, Jeans, Stiefel.

Luisa Neubauer ist in Deutschland das bekannteste Gesicht der Klimastreiks. Wenn das Morgenmagazin jemanden braucht, der für die protestierenden Schülerinnen und Schüler spricht, wird sie eingeladen. Wenn jemand bei einem Fernsehtalk dem Wirtschaftsminister Contra geben soll, kommt sie. Neubauer ist Moderatorin, Anführerin, Koordinatorin der Streiks in Berlin. Und an sie wenden sich auch die Belgierinnen und Franzosen, wenn sie wissen wollen, wie es in Deutschland weitergeht. Es ist kein Job, auf den sie sich beworben hat – sondern die Folge jahrelangen Engagements.

Müde blinzelt sie in die Sonne. Sechs Streiks in Berlin, gestern in Brüssel, abends ein unangenehmes Fernsehinterview, bei dem Neubauer über hasserfüllte Kommentare aus dem Internet reden sollte, es zehrt an ihr. Außerdem ist es zu warm für Ende Februar. 18 Grad werden es im Laufe des Tages.

Dafür, dass diese globale Bewegung noch so jung ist, hat sie Beachtliches geleistet: 600 Veranstaltungen in 60 Ländern, von Honolulu bis Mauritius, vom Süden Argentiniens bis Nuuk in Grönland, sind unter der Flagge von #Fridays4Future aktuell geplant, 60 davon in Deutschland.

Die Stimmung an der Place de la République ist leicht nervös. Die drei Belgierinnen, Thunberg, Neubauer, ihr Mitstreiter Louis Motaal sowie die latent auf Krawall gebürsteten jungen Franzosen müssen sich zumindest auf ein paar Regeln einigen. Keine Journalisten im Tross; kurze Statements für Kameras ja, aber bitte keine ausführlichen Interviews während der Demonstration. Sie brauchen ein Minimum an Koordination und einige Kernforderungen. Genau jetzt, genau hier. Und erst recht, wenn der 15. März 2019 als globaler Protesttag gegen die Klimakrise gelingen soll.

Das scheint, bei allem Optimismus, ein Ding der Unmöglichkeit: Eine europäische, wenn nicht globale Jugendbewegung aufzubauen, die bis heute im Grunde weder organisiert noch koordiniert ist, dabei die unterschiedlichen Länder, Kulturen und Diskussionsstände aufzugreifen, das schaffen noch nicht einmal die europäischen Parteien. Wie sollen das ein paar Anfang 20-Jährige bewerkstelligen? Während gleichzeitig die ganze Zeit die Kameras laufen und jeder Schritt, jede Aussage, jedes erschöpfte Durchatmen dokumentiert wird? Die Straßen in Paris sind voll. Die Aufmerksamkeit ist da. Es muss funktionieren.

Ich engagiere mich nicht erst seit gestern und weiß, wie schwer es ist, gehört zu werden
Lusia Neubauer, 22

Auf den Stufen an der Place de l’Opéra haben sich einige Hundert Schülerinnen und Schüler versammelt, aus den U-Bahnen und umliegenden Straßen strömen immer mehr zusammen, bis die Polizei den Platz abriegeln muss. Dann setzt sich die Demonstration in Bewegung. Luisa Neubauer trottet mit. " Et un, et deux, et trois degrés! C’est un crime contre l’humanité", rufen die Franzosen. Drei Grad Klimaerwärmung, ein Verbrechen an der Menschheit.

Eine Woche zuvor, in Berlin, steht Neubauer mit ein paar Hundert Schülern zwischen dem Wirtschaftsministerium, der Charité und einer vierspurigen Durchfahrtsstraße in Berlin-Mitte. Aus den Boxen auf dem Lastenfahrrad am Rande der Demo klingelt aufmüpfiger Pop – Hurra, die Welt geht unter von K.I.Z., irgendein Lied über Schuld von der Band Die Ärzte, das schon 16 Jahre alt ist.

Eine Influencerin für das Klima

"Heute ist Klimastreik Nummer sechs!", ruft Neubauer in eines der Funkmikrofone, kündigt fix den "Artspace" der BUND-Jugend und "noch so eine Mediengeschichte" an. Dann dirigiert sie den Demonstrationszug zum Regierungsviertel. Neubauer sorgt für die richtigen Perspektiven für die Fernsehnachrichten, hält den Zug am Bundestag kurz an, damit die Fotografen ihre Bilder machen können. Überhaupt managt Neubauer den Protest so professionell, dass man sie nicht für eine junge Geografiestudentin, sondern für eine Berufsaktivistin halten könnte, samt Popstar-Qualitäten der Ära YouTube.

Und vielleicht ist sie genau das: eine Influencerin für das Klima. Einerseits. Andererseits ist Neubauer auch der perfekt ausgebildete Nachwuchsstar eines Systems, das sich in den vergangenen zehn Jahren massiv professionalisiert hat.

"Ich engagiere mich nicht erst seit gestern und weiß, wie schwer es ist, gehört zu werden", sagt Neubauer beim Protest in Paris. "Ich kann das alles nur so machen, weil ich Erfahrungen gesammelt habe." Immer wieder treten Journalisten an sie heran, aus London, aus Berlin, Menschen mit Kameras, Mikrofonen und Fragen. Für Neubauer und die anderen ist die Aufmerksamkeit dieser Tage erkennbar eine Last. Vor allem aber eine Chance. Der Moment, auf den Neubauer gewartet hat.

So wie der deutsche Fußball durch seine professionalisierte Ausbildung eine Zeit lang ein Talent nach dem anderen hervorgebracht hat, zahlt sich für die Klimabewegung nun aus, was vor grob zehn Jahren begonnen wurde: Umweltschutzorganisationen haben Kinder und Jugendliche angesprochen, sie mobilisiert. Und in Teamleitung, Lobbying und Kampagnenarbeit geschult. Das ist der erste Grund, warum die Klimastreiks so erfolgreich sind: Sie werden von jungen Profis angetrieben. Luisa Neubauer ist eine von ihnen.

Neubauer stammt aus Hamburg, wuchs im bürgerlichen Elbvorort Iserbrook auf, besuchte das Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese. Ihre erste Demo, erzählt sie, war 2004, als der Senat unter Ole von Beust ihre Grundschule schließen wollte. Über Jahre hat sie sich in der globalen Klimaschutzorganisation 350.org engagiert. Sie war Jugendbotschafterin der entwicklungspolitischen Kampagnenorganisation "One", und sie fuhr zu Gesprächen bei Treffen der G7, als der Name Luisa Neubauer den meisten noch nichts sagte.

Neubauer weiß daher auch, dass die Streiks an sich kein Ziel sind. Und auch kein Mittel, um Politik direkt zu beeinflussen – der Bundestag werde nicht plötzlich die Klimaziele von Paris umsetzen, weil ein paar Zehntausend Schüler streiken. Viel wichtiger, sagt Neubauer, sei die Arbeit im Hintergrund: "Was wir machen, ist wahnsinnig nachhaltig. Wir binden Menschen in Strukturen ein, wir versuchen die Veranstaltung so zu gestalten, dass man etwas lernen kann. Und wir führen Grundsatzdebatten über das, was wir uns unter Klimaschutz vorstellen."

Das ist der zweite Grund, warum die Klimastreiks wichtig bleiben könnten: "Wir bauen eine riesige Bewegung auf", sagt Neubauer. "Wir machen etwas, was es so vorher noch nicht gab." Es ist eine moderne politische Bewegung ohne detailliertes Programm und Mitgliedschaft. 250 Ortsgruppen sind so in Deutschland bereits entstanden. Für Neubauer ist das die große Stärke: "Du musst nirgends eintreten, nichts unterschreiben. Man braucht nicht mehr als ein Handy und den Zugangslink zu einer WhatsApp-Gruppe. Niedrigschwelliger geht es nicht." Der Weg zum deutschen Atomausstieg hat gezeigt: Wer es schafft, ein Thema langfristig sowohl inhaltlich als auch emotional zu besetzen und so wichtig zu machen, dass es über Wahlen entscheiden kann, hat eine reelle Chance.

Der dritte und wichtigste Grund aber ist: Was die Schülerinnen und Schüler auf die Straße treibt, ist mehr als Mitleid mit Eisbären auf schmelzenden Eisschollen, mehr als Mitleid mit verarmten Bauern in Entwicklungsländern, die von Dürren heimgesucht werden, mehr als Mitleid mit den Einwohnern der Südseeinsel Tuvalu, deren Dörfer in wenigen Jahren vermutlich vom Meer geschluckt werden. Die Klimastreiks sind keine Stellvertreterempörung. Sondern politische Selbstverteidigung: Da geht eine Generation auf die Straße, die weiß, dass die Klimakrise sie selbst treffen und ihr Leben entscheidend prägen wird. Eine Generation, die sich von ihren Eltern und Großeltern im Stich gelassen fühlt. Das macht die Wut so groß. Und die Wucht.

Später, als die Sonne am Ende eines viel zu warmen Tages in der Seine versinkt, tritt Neubauer aus den Fernsehstudios des französischen Medienhauses Lagardère im 15. Arrondissement. Sie hat sich Thunbergs Tross angeschlossen, die Jugendlichen wurden gerade noch schnell fürs französische Fernsehen interviewt. Nun aber wartet der vielleicht wichtigste Termin des Tages auf sie: ein Gespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Ob sie nervös sei? Neubauer zuckt entnervt mit den Achseln. Interview im Fernsehen, ja, da müsse sie sich vorbereiten, um ihre Kernbotschaft parat zu haben. Aber ein Gespräch mit dem französischen Präsidenten? Dem fühle sie sich auch so gewachsen. "Wir wollen dafür sorgen, dass Parteien, die auf die Klimakrise keine Antwort haben, keine Wahlen mehr gewinnen", sagt sie. Nicht Neubauer muss Angst haben. Sondern Macron.