Wenn gefühlt alles den Bach heruntergeht, wenn immer weniger Deutsche wissen, wozu es Gewerkschaften gibt, Parteien, Parlamentarismus, Demokratie – und wenn von der SPD über den Katholizismus bis zur Automobilindustrie alle Großinstitutionen Vertrauen verlieren und so richtig keiner mehr weiß, was Deutschland im Innersten zusammenhält –, dann muss man die Deutschen einfach einmal daran erinnern, was gut läuft in Deutschland. Wo und wann sie eine Gemeinschaft sind, ein Volk. Und dass sie nicht nur eine Ansammlung von Insel-Existenzen darstellen.

Dieses Erinnern nennt man deutsche Identitätspolitik. Ihr Grundgedanke lautet: Es reicht nicht, das Land zu regieren, es geht auch ums Regieren des deutschen Gemüts. Der Deutsche, so die Annahme, sehne sich schließlich nach Heimat. In stürmischen Zeiten wie diesen wolle er mehr denn je Gewissheit, nicht schutzlos den politisch-wirtschaftlichen Gezeiten ausgesetzt zu sein. Ansonsten werde er womöglich zum Wechselwähler. Oder komme der Demokratie gleich ganz abhanden. Kurz: Pragmatismus allein reicht dem Identitätspolitiker nicht. Er will Gewissheit schaffen und das Leben anreichern mit Sinn. So, wie die Kirchen es früher getan haben. Oder der Sozialismus. Nur: Wie soll das gehen?

Wie Identitätspolitik praktisch funktioniert, lässt sich in Leipzig studieren. Das Zeitgeschichtliche Forum zeigt eine Ausstellung mit dem identitätspolitisch genialen Titel: Mein Verein. Bevor man die Ausstellungsfläche betreten, ja, überhaupt einen Fuß in das Zeitgeschichtliche Forum gesetzt hat, schafft im Stadtbild das Possessivpronomen auf dem Ausstellungsplakat bereits Gemeinschaft.

Dann der Ausstellungsort: Er hätte identitätspolitisch nicht besser gewählt werden können. Als Appendix des Bonner Hauses der Geschichte lautet der inoffizielle Arbeitsauftrag des Forums, eine Positivgeschichte der Bundesrepublik zu schreiben. Der Bundesbürger solle sich wohlfühlen mit seiner Demokratie, sich mit ihr identifizieren. Zumindest hatte sich Helmut Kohl das so gedacht, als er, der damalige Bundeskanzler, Haus und Forum ins Leben rief. Eine Geschichte, wie sie dem Kanzler der Einheit gefallen hätte, schreibt Mein Verein tatsächlich.

Die Kurzfassung dieser Geschichte lautet: Der deutschen Demokratie geht es prächtig. Kein Grund, sich Gedanken zu machen! Die Aussteller machen das an einem der wichtigsten Indikatoren für den Gesundheitszustand einer Zivilgesellschaft fest: dem Vereinswesen. 600.000 Vereine gibt es heute in Deutschland, so viele wie nie. Fast jeder zweite Deutsche ist Mitglied in (mindestens) einem, engagiert sich ehrenamtlich und geht, wie es blumig in einem Bundestagspapier über die "Bedeutung der Vereine für die demokratische Grundordnung" heißt, regelmäßig in diese "Schule der Demokratie". Denn hier im Verein mit seinen Vorstands- und Schatzmeisterwahlen, seinen Satzungen und Sitzungsprotokollen, würden "Verfahrensweisen demokratischer Politik eingeübt und trainiert".

Das war aus Sicht des jüngst verstorbenen Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde in einer Demokratie auch dringend nötig. Der freiheitlich-demokratische Staat brauche, so Böckenförde, "ein verbindendes Ethos, eine Art Gemeinsinn bei denen, die in diesem Staat leben". Nur könne dieses Ethos in der Demokratie nicht von oben verordnet werden. Es speise sich aus Aufklärung, Christentum und gelebter Kultur. Und zu Letzterer gehört eben auch der Schrebergarten-, Schützen- oder Rasenballsportverein.

Dass der demokratische Staat den Gemeinsinn nicht verordnen kann, heißt jedoch nicht, dass Politiker nicht gerne versuchen, genau das zu tun. Bundespräsidenten sind, wie ein Medley der schönsten Neujahrsansprachen in der Heimat-Ausstellung belegt, besonders gefährdet. Da wird Jahr für Jahr und von Präsident zu Präsident aufs Neue das Loblied des bürgerschaftlichen Engagements, der Zivilgesellschaft und des deutschen Vereins gesungen. So, als gäbe es im Kleingedruckten des bundespräsidialen Amtseids eigens eine Redeanweisung für den feierlichen Anlass: Bitte nur den Teil der Zivilgesellschaft erwähnen und in den demokratischen Himmel loben, der irgendetwas mit Klimaschutz, Integration oder Generationengerechtigkeit macht. So knufft der Bundespräsident alle Couchkartoffeln auf der anderen Bildschirmseite rhetorisch in die Seite: Engagiert euch! Und wenn ihr’s macht, macht’s gefälligst richtig!