ZEIT: Sie vergleichen jenen Moment, wenn die Menschheit zum ersten Mal mit Überlichtgeschwindigkeit durchs All reist, mit dem 20. Jahrhundert, als das Flugzeug die Erdbevölkerung wieder zusammenbrachte.

Kaku: Vor 100.000 Jahren begann die Diaspora der Menschheit, als sie von Afrika aus die ganze Welt besiedelte und sich in verschiedene Ethnien teilte. Bis vor 100 Jahren war der Kontakt sehr begrenzt, den die Menschen auf den verschiedenen Kontinenten zueinander hatten. Dann kam das Flugzeug, und jeder konnte jeden auf dem ganzen Planeten treffen. Ich stelle mir vor, dass das ganz ähnlich sein wird, wenn wir das Universum besiedeln. Wir werden mit Unterlichtgeschwindigkeit die Galaxie erkunden, die Menschheit wird sich verzweigen, Ableger werden sich in vielen Winkeln der Galaxie entwickeln. Menschliche Zivilisationen, die autark sind, für Tausende von Jahren. Sobald wir aber schneller als das Licht reisen, wird die Technik uns wieder alle miteinander verbinden, all die Ableger der Menschheit – so wie das Flugzeug uns wieder zusammenbrachte.

ZEIT: Aber in mehreren Milliarden Jahren wird die Sonne sich aufblähen und die Erde zerstören. Was passiert mit uns Menschen?

Kaku: Nichts. Nichts, was den Gesetzen der Physik gehorcht, kann eine Zivilisation auslöschen, die einmal die Schwelle zum Typ 2 überschritten hat. Wir sind dann als Menschheit unsterblich. Der Philosoph Bertrand Russell hat einen der traurigsten Sätze in der Geschichte der englischen Sprache geschrieben: "Alle Hingabe, Inspiration, alle mittägliche Helle des menschlichen Genies sind im weiten Tod der Sonnensysteme zum Untergang verurteilt." Dabei gab es gar keinen Grund für solche Traurigkeit! Ja, die Sonne stirbt. Na und? Das dauert noch vier oder fünf Milliarden Jahre. Bis dahin sind wir längst in einem anderen Sternensystem. Der Tod unserer Sonne betrifft uns dann nicht mehr.

ZEIT: Aber selbst wenn wir all diesen Widrigkeiten entkommen sind, wartet noch die letzte Katastrophe auf uns: Irgendwann wird unser Universum sterben. Das wird das Ende sein!

Kaku: Das Universum beschleunigt seine Ausdehnung, glauben Wissenschaftler heute. Und wenn das so weitergeht, dann werden wir irgendwann den Weltuntergang erleben – den big freeze, das große Einfrieren. Die Temperaturen werden nahe dem absoluten Nullpunkt liegen, die Sterne werden erlöschen, das All wird nur noch aus toten Neutronensternen und Schwarzen Löchern bestehen. Aber ...

ZEIT: ... Sie kennen auch dann noch einen Ausweg?!

Kaku: Aber das wird in Billionen von Jahren passieren. Vielleicht werden wir dann schon eine Zivilisation vom Typ 4 sein und nicht nur die gewöhnliche Energie unserer Galaxie beherrschen, sondern auch die sogenannte dunkle Energie. Das könnte uns ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Womöglich könnten wir einen begrenzten Raum schaffen, der sich nicht ausdehnt, ein Rettungsboot sozusagen. Und wenn die String-Theorie richtig ist, dann ist unser Universum nur eines von vielen Universen in unserem Multiversum. Als Zivilisation vom Typ 4 könnten wir vielleicht in ein anderes dieser Universen entkommen. Das würde natürlich eine neue Physik notwendig machen, weil wir solche Ideen heute noch nicht ansatzweise verstanden haben. Aber wenn sich so eine Möglichkeit auftäte, dann müssten wir nicht mit unserem Universum sterben!

ZEIT: Einige Ihrer Kollegen halten solche Spekulationen für unwissenschaftlich. Die String-Theorie, die von zehndimensionalen Räumen ausgeht, sei keine Grundlagenphysik mehr, sie gleiche viel mehr einer Metaphysik.

Kaku: Natürlich ist das Spekulation, aber die String-Theorie ist Wissenschaft und kein fantastischer Unsinn, wie ihre Kritiker behaupten. Und Metaphysik ist sie nur in einem anderen Sinne des Wortes: In einem Multiversum hat jedes einzelne Universum seine eigene Physik. So gesehen wäre die String-Theorie tatsächlich eine Metaphysik, wenn damit eine Wissenschaft gemeint ist, die jede einzelne dieser Physiken beschreibt.

ZEIT: Nehmen wir einmal an, Sie haben recht und in Billionen von Jahren springen wir Menschen tatsächlich in ein anderes Universum. Sind wir dann überhaupt noch Menschen? Oder sind wir ganz etwas anderes geworden?

Kaku: Das kommt darauf an, was Sie unter dem Menschen verstehen. Wir werden anders aussehen, möglicherweise werden wir keine materiellen Wesen mehr sein; aber wir werden die gleichen Träume, Hoffnungen, Wünsche haben wie heute.

Michio Kaku: "Abschied von der Erde. Die Zukunft der Menschheit"; Rowohlt, Hamburg 2019; 416 S., 25,– €, als E-Book 19,99 €