Zuerst wird sie im Internet beschimpft. Einer wünscht ihr, sie möge an ihrem Tofu ersticken; dann kommen die Angriffe auch per Mail, Post und am Telefon. Ein anonymer Anrufer reißt sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf und bestellt 50 Kilo Fleisch. Eine Frau ruft öffentlich dazu auf, die Spielgruppenleiterin zu entlassen oder wenigstens ein Disziplinarverfahren gegen sie zu eröffnen. "Was S. Hirt treibt, ist höchst verwerflich!"

Was ist passiert?

Sabina Hirt, 30, hat sich vor einem halben Jahr einen Traum erfüllt. Sie hat ihren Job bei einer Versicherung aufgegeben, sich selbstständig gemacht und in Meisterschwanden, einem beschaulichen 2940-Seelen-Dorf am Hallwilersee, eine Waldspielgruppe gegründet. Jeden Mittwochmorgen kommen seither Kinder zwischen zwei und fünf Jahren in den Waldchind Fuchstreff. Manchmal sind es nur drei, manchmal ein paar mehr. Zweieinhalb Stunden lang erkunden sie die Natur, bauen Hütten, machen Feuer – und essen ein Znüni. Und zwar ein veganes. Statt Milchdrink und Cervelat trägt Sabina Hirt Äpfel und Rüebli in die Lichtung im Flurenwald und sucht mit den Knirpsen nach Essbarem: Buchnüssen und Brennnesseln, wildem Spargel, Spitzwegerich oder Beeren.

Seit die Aargauer Zeitung im Januar über die "erste vegane Spielgruppe von Meisterschwanden" berichtet hat und diverse Medien die Geschichte weitererzählt haben, muss Sabina Hirt bösartige Attacken und sexistische Witze über sich ergehen und sich als Fanatikerin beschimpfen lassen, die die Gesundheit von Schweizer Kindern aufs Spiel setze, weil sie ihnen einmal in der Woche eine tierfreie Zwischenmahlzeit zumutet. "Ich war schon etwas überrascht", sagt Hirt, "wie extrem die Reaktionen waren."

Der große Lärm um die vielleicht kleinste Spielgruppe der Schweiz zeigt: Die Schweiz ist noch immer ein Bauernstaat – und vor allem: ein Milchland.

Im Jahr 2017 veröffentlichte der Bundesrat seinen Bericht "Perspektiven der Milchwirtschaft". Er sinniert darin über die Möglichkeiten, wie die Bevölkerung dazu gebracht werden könnte, mehr Milch zu trinken, und umschreibt dies als "Vision für das Milchland Schweiz". Als ob die milchbasierte Volksernährung oberste Staatsaufgabe wäre. Und wenn die Regierung dabei zur Kenntnis nimmt, dass die Menschen immer häufiger Lust auf pflanzliche Milchalternativen aus Soja, Reis, Hafer, Quinoa oder Mandeln haben, konstatiert sie zwar, dass diese pflanzlichen Substitute nicht nur kalorienärmer sind, sondern auch eine "vielfach bessere" Ökobilanz gegenüber den tierischen Produkten aufweisen. Doch sie sieht darin keine Chance, sondern: ein Problem.

Dabei ist die Furcht umsonst. Denn der Milchverbrauch ist seit bald zehn Jahren konstant und liegt bei weltrekordverdächtigen 250 Kilogramm Vollmilchäquivalent pro Person. Das ist die Menge, die sich ergibt, wenn man jeden Milchshake, jedes Käsestück, jeden Quarkbecher und jedes Joghurt, alle Milchprodukte, die die Schweizerinnen und Schweizer pro Jahr essen, auf die Vollmilch herunterrechnet, aus der sie einst hervorgegangen sind.

Das ist unglaublich viel. Aber doch zu wenig für die mächtige Milchlobby.

Im Bundesrat sorgen sich drei Bauernsöhne, von denen einer beim Agroriesen Fenaco Karriere gemacht hat, um das Wohl der Landwirtschaft. Dazu kommen 33 National- und Ständeräte, die dem Agrarsektor nahestehen.

Gemeinsam mit einem Heer von Lobbyisten pflegen sie einen Wirtschaftszweig, der, lässt man seine identitätsstiftende Bedeutung einmal beiseite, als marginal bezeichnet werden müsste. Auf den rund 50.000 Höfen wurden 2015 gerade mal 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Schweiz erwirtschaftet.