Rockstar müsste man gewesen sein, früher. Sicher eine interessante Erfahrung, wegen Drogen und Sex und so, ja klar, aber vor allem könnte man dann, wenn der Lebensabschnitt mit den Drogen und dem Sex und so ohne größere Blessuren (schlechte Leberwerte, Unterhaltsklagen, Tod) durchschritten werden konnte, eine Biografie schreiben oder halt schreiben lassen.

So wie nun eben Roger Daltrey, der Sänger und Gitarrist von The Who, der mittlerweile ungefähr doppelt so alt sein dürfte wie jene Eltern, die ihre Kinder in den Sechzigern vor so Bands wie halt The Who noch warnen mussten. Vor diesen Mod-Rüpeln und Rock-Rowdys, die quasi das Instrumente-Kaputtschlagen auf der Bühne erfunden, aber sich leider nicht patentieren lassen haben, weshalb wir, das sollte kurz erwähnt werden, bis heute Heerscharen an Testo-Trottelbands kennenlernen mussten, die es auf der Bühne auch Jahrzehnte nach The Who noch für besonders originell hielten, ihre Gitarre in den Verstärker zu donnern.

Zum Glück für Daltrey jedenfalls hatten The Who mit My Generation ja sogar einen ikonischen Hit, dessen Titel sich perfekt für eine Biografie eignet und quasi schon alles abruft, was im kollektiven Gedächtnis gespeichert ist über die sogenannten Swingin’ Sixties, also Sex, Drogen und irgendwas mit langhaarigen Studenten und Stromgitarren.

Und was für tolle Sätze kann man nun in diesem Buch lesen! "Ich war bereit, die Lead Vocals zu übernehmen. Oder vielmehr waren die Lead Vocals bereit, mich zu übernehmen." Und als sein Bandkollege Pete Townshend das erste Mal zur gemeinsamen Probe aufschlug, rannte Daltreys damalige Freundin wütend aus dem Haus, und natürlich schrie sie dabei: "Entweder ich oder die blöde Gitarre!"

Aus diesem Stoff und in diesem Stil sind Rockstar-Memoiren handelsüberlicherweise gemacht, und zwar ausnahmslos alle. Aber niemand soll sagen, man lerne nichts dabei. Daltrey selbst hatte Eltern, so erfahren wir, Vater und Mutter, schwieriges Verhältnis, aber auch herzallerliebst; Daltrey ist irgendwann auch zur Schule gegangen, wo es Lehrer gab, aha, und mit denen gab es natürlich auch mal Stress wegen Noten und keinen Bock. Mal gab es Ärger auf dem Schulhof wegen Frauen, mal wegen irgendwas anderem, so genau wird das nicht klar, aber es erinnert uns daran, was für putzige Subkulturen damals durch das ein paar Jahre zuvor zerbombte London stratzten, etwa die Teds mit ihren Elvis-Tollen und Messern, die sie bevorzugt in die Herzkammer der Mods stechen wollten, als deren Hausband wiederum The Who irgendwann vermarktet wurden.

Das mag nun alles so öde wie erwartbar klingen, und doch bereiten die 384 Seiten gehörig Freude. Denn statt alte Rechnungen zu begleichen, eigene Mythen zu pflegen und banale Anekdoten zu Handlungen des Weltgeistes auszudeuten, onkelt Daltrey einfach vor sich hin. Er verfrachtet den Leser mit My Generation im Schneidersitz vor den Ohrensessel, in dem er ganz unprätentiös über sein Leben plaudert. Anekdote reiht sich an Anekdote, Prügelgeschichte an Geschwärme über handverlötete Soundanlagen, und wie es sich für gute Plaudereien im Ohrensessel gehört, folgt das alles keiner besonderen Chronologie oder höheren Sinnebene.

Wer nirgendwo mehr hinwill, der ist logischerweise am Ziel, und da, wo der genügsame Daltrey angekommen ist, scheint es schön zu sein und behaglich.

Roger Daltrey: My Generation
Die Autobiografie; Bertelsmann, München 2019; 384 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €