Es ist überhaupt nicht lustig, aber man darf es natürlich trotzdem urkomisch finden, dass der böse König Nabucco mit roter Krawatte und blauem Anzug als US-Präsident verkleidet ist und über die Newsticker an der Wand verkündet, er wolle sein Volk great again machen.

Natürlich darf man es auch für widersinnig und übertrieben halten, dass die Handlung von Nabucco ins Hauptquartier des UN-Sicherheitsrats verlegt wird und der Sitzungssaal, in dem es sich predigen und flehen lässt wie in Salomons Tempel, perfekt auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper nachgebaut ist.

Und selbstredend darf man auch die Fernsehbilder und die Laufschrift störend und ablenkend finden, die von globaler Erwärmung künden, von wachsenden Grenzmauern, im Mittelmeer ertrunkenen Migranten. Zeichen an der Wand, die nichts Gutes verheißen und die zugleich unmissverständlich klarmachen: Niemand hat die Absicht, die Wirklichkeit aus diesem Opernabend herauszuhalten. Die Menschheit geht unentrinnbar zugrunde, so die Botschaft. Und das Publikum muss das eben aushalten. Denn es mag euch vielleicht nicht gefallen, aber wahr ist es dennoch – das ist die Haltung, mit der der russische Regisseur Kirill Serebrennikow bei Nabucco in Hamburg zu Werke geht.

Obwohl er, genau genommen, in Hamburg selbst gar nicht zu Werke gegangen ist, sitzt er doch seit 2017 in seiner Moskauer Wohnung in Hausarrest. Nur über seinen Anwalt darf er mit der Außenwelt kommunizieren, nach einer Così fan tutte in Zürich konnte er nun auch diese Arbeit in Hamburg nur mühsam mittels Videobotschaften fertigstellen.

Dass diese kapitale Einschränkung für das Gedeihen der Inszenierung gar nicht weiter ins Gewicht fiel, liegt nur daran, dass jeder im Ensemble alles daransetzte, daraus kein Problem zu machen. Das gilt auch für Serebrennikow selbst: Er inszeniert, als gäbe es niemanden, der ihm ganz genau auf die Finger schaut. Das Kräfteverhältnis ist im Übrigen von Anfang an klar: Das Philharmonische Staatsorchester unter Paolo Carignani setzt den präzise gefertigten Rahmen, das Ensemble (bemerkenswert vor allem Dimitri Platanias als Nabucco, Oksana Dyka als Abigaille und Alexander Winogradow als Zaccaria) steht stimmlich gut gerüstet parat, der große Auftritt gebührt allein dem abwesenden Regisseur.

Auf die Spitze treibt der seine Lust an der Widersprüchlichkeit mit einem klugen, aber auch gnadenlosen Kunstgriff: Er bricht die Oper an den Sollbruchstellen zwischen den Akten auf – und holt zwei syrische Musiker auf die Bühne, die zum Klang der Oud und zu eingeblendeten Fotos von Sergej Ponomarew den Verlust ihrer Heimat beklagen.

Beim sogenannten Gefangenenchor im dritten Akt schleichen um die Mitglieder des Staatsopernchors Komparsen herum, die selbst über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind, und stehen schließlich anklagend an der Rampe. Und im Anschluss an die Chorszene singen sie das berühmte Va pensiero noch einmal, als Reprise. So wackelig-rührend, dass ein paar Zuschauern die Tränen aus den Augenwinkeln rinnen, während andere mit galligen Worten und fliegenden Türen aus dem Saal stürmen.

Was bleibt, ist die Überforderung: Darf man das? Echte Flüchtlinge auf die Bühne holen, die sich selbst spielen, und ihnen einen Verdi-Schlager beibringen, zum Amüsement des Hamburger Premierenpublikums, haarscharf vorbei am Kitsch? Oder muss man das sogar – weil es schlicht inkonsequent und im Grunde sogar zynisch wäre, eine Flüchtlingsoper ohne Flüchtlinge zu zeigen, sondern nur mit Darstellern, die bloß so tun als ob?

Kirill Serebrennikow genießt es bis zum letzten Ton, seine Zuschauer mit dieser Frage alleinzulassen. Er hat das getan, was sein Auftrag war: Er zeigt die Flüchtlingsoper als Flüchtlingsoper.

Und er wird wissen: Es wird verteufelt schwer, zu widerlegen, dass er diese Inszenierung auf den Punkt gelandet hat.