Was hat der Papst wann über den Holocaust gewusst – und was hat er dagegen unternommen? Diese großen Fragen der jüngeren Weltgeschichte schweben dräuend über dem Pontifikat Pius’ XII. Seit Jahrzehnten fragen sich Historiker – katholische und jüdische –, wie die Rolle des italienischen Pius-Papstes im Nationalsozialismus einzuschätzen sei. An dieser Rolle hängt die Frage: Wie schuldig hat sich die katholische Kirche gemacht?

Bald wird es auf diese Fragen hoffentlich Antworten geben, denn Papst Franziskus hat kürzlich verkündet, dass die vatikanischen Archive für die Jahre 1939 bis 1958 geöffnet werden sollen – und zwar ab März 2020. Ein mutiger Schritt: Denn was die Kirche so an Transparenz gewinnt, das kann sie an moralischem Kredit verspielen. Wenn nämlich herauskommt, dass Pius XII. sehenden Auges und hörenden Ohres wenig bis gar nichts getan hat, um dem Zivilisationsbruch unter den Nazis entgegenzutreten.

Bisher war für Forscher im Jahr 1939 Schluss, und vieles, was über Pius XII. geschrieben wurde, stützt sich deshalb nur auf eine dünne Quellenlage. Vorwürfe gibt es viele: Pius habe gegenüber der Nazi-Elite gekuscht und geschwiegen. Er habe aus Angst vor dem Stalinismus die Nazis nicht hinreichend bekämpft. Er habe aufständische Bischöfe wie Clemens August Graf von Galen allein gelassen. Er habe gegen die Deportation der Juden im Allgemeinen und der römischen Juden im Speziellen zu wenig getan. Er habe flüchtige Nazis, die über die sogenannten Rattenlinien Richtung Lateinamerika unterwegs waren, gedeckt oder gar unterstützt. Das alles und noch mehr wird Pius vorgeworfen. Doch was wissen wir?

Bevor er Papst wurde, war Eugenio Pacelli päpstlicher Nuntius in Deutschland, erst in München, dann in Berlin. Er hat den Aufstieg der Nazis aus der Nähe miterlebt und früh vor ihnen gewarnt, nannte sie eine große Häresie. Später, als er Kardinalstaatssekretär und damit die Nummer zwei im Vatikan hinter Pius XI. war, hat er den heißblütigen Papst jedoch gebremst, hat ihm sogar Dokumente, die Nazi-Verbrechen belegen, vorenthalten. Pacelli war andererseits aber Mitautor der humanistischen, berühmten antifaschistischen Enzyklika Mit brennender Sorge aus dem Jahr 1937, die sogar auf Deutsch verfasst ist. Eine letzte unvollendete, den Antisemitismus thematisierende Enzyklika Pius’ XI. hat Pacelli nach dessen Tod wiederum vernichtet und verschwiegen.

Warum schwieg er? Weil er, so viel wissen wir, erstens der Meinung war, dass man sich in die inneren Angelegenheiten der Staaten nicht einzumischen hatte. Und zweitens: weil er fürchtete, dass es weder den Juden noch den Katholiken im Deutschen Reich besser gehen würde, wenn die Kirchenführung ihre Stimme öffentlich erhöbe.

Diesem Grundsatz blieb er auch während seines Pontifikats treu. Es ist keine flammende Rede wider den Genozid erhalten. Vielleicht aber viele kleine Kabinettstückchen? Das wird die historische Forschung klären. Bis die Dokumente – es sind Hunderttausende – gesichtet und interpretiert worden sind, plädiert der gerade in Sachen Pius XII. profilierte Kirchenhistoriker Hubert Wolf dafür, das Seligsprechungsverfahren für den Pacelli-Papst auszusetzen. Man wisse einfach nicht, wie der Papst sich in Bezug auf den Holocaust verhalten habe, und bis man es wisse, könne man ihn nicht seligsprechen, sagte Wolf dem Domradio.

Für die Beatifikation fehlt Pacelli noch das obligatorische Wunder. Vielleicht findet es sich in den geheimen Akten? Vielleicht hat Pacelli durch päpstlich angewiesene Klosteröffnungen wirklich viele Menschen vor dem Tod gerettet? Dafür spricht einiges. Es könnte aber auch sein, dass Pius XII. viel mehr hätte tun können und müssen, als er getan hat. Mit der Öffnung der Archive ist nun jedenfalls der Weg geebnet: Wie hat sich die Elite der moralisch so hochfliegenden Institution im Angesicht des größten denkbaren Unrechts verhalten? Ab März 2020 wird geforscht.