Die Befehlskette: unerbittlich, die Herrschaft: total. Bekleidungen, sogar Frisuren werden vorgeschrieben, Telefongespräche abgehört, E-Mails mitgelesen. Unterhaltungen am Arbeitsplatz müssen kontrollierbar sein, weshalb man sie nicht in fremden Sprachen führen darf. Es herrschen Zustände, die man zumindest im Westen keinem Staat durchgehen ließe. Das Szenario eines dystopischen Romans? Elizabeth Anderson ist literarischer Ambitionen völlig unverdächtig. Ihr Essay Private Regierung geht von einer Arbeitswelt aus, die in den Augen dieser für politische Philosophie zuständigen Professorin von der University of Michigan längst zum Normalzustand geworden ist, zumindest in den USA.

Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen (und warum wir nicht darüber reden) lautet der Buchuntertitel, an dem der eingeklammerte Teil vielleicht der interessantere ist. Denn die Wirklichkeit ahnte man ja bereits: Apple zwingt seine Filialenangestellten, täglich eine halbe Stunde unbezahlt Schlange zu stehen, damit Taschen inspiziert werden; der Supermarkt-Konzern Walmart kriminalisiert flüchtige Bemerkungen unter Beschäftigten als "Zeitdiebstahl"; beim Geflügelfabrikanten Tyson ist der Toilettenbesuch während der Schicht verboten, weshalb sich Arbeiter unter dem Spott ihrer Aufseher in die Hose machen oder Windeln tragen.

Und warum reden wir nicht darüber? Um das Allgegenwärtige zu beschreiben, klagt Anderson, fehle es am diskursiven Besteck: "Wir haben die Sprache der Fairness und der Verteilungsgerechtigkeit, um über Niedriglöhne und unzureichende Sozialleistungen zu diskutieren. Wir verstehen es, über die Kampagne 'Fight for $15' zu sprechen, gleichgültig, auf welcher Seite wir bei dieser Frage stehen. Aber wenn es darum geht, auf welche Weise die Chefs das Leben ihrer Untergebenen beherrschen, fehlen uns die richtigen Worte." Ein blinder Fleck also, den die Autorin aber nicht als Nebenwiderspruch übergehen will.

Um den Grund der Unterbelichtung zu klären, greift Anderson weit in die Ideengeschichte der Ökonomie zurück und stellt dabei überraschende Zusammenhänge her. Dass noch immer so geredet werde, als ob Arbeitnehmer bei ihrer Arbeit frei seien und die individuelle Freiheit vor allem von staatlicher Intervention bedroht sei, will die Autorin nicht einfach neoliberaler Selbsterhaltungspropaganda ankreiden. Anderson sieht eine historische Pervertierung am Werk. Auch wenn sich aus der Ideologie des freien Marktes das Herrschaftsmodell der "privaten Regierung" entwickelt habe, sei der freie Markt vielmehr eine emanzipatorische Idee gewesen, gerichtet auf die Befreiung der Arbeiter.

Anderson erinnert an die Levellers, eine aus dem Englischen Bürgerkrieg erwachsene Bewegung des 17. Jahrhunderts. Ihr Ziel war der Abbau sozialer Hierarchien durch den Aufbau freier Märkte, die damals als Voraussetzung einer freien Gesellschaft von Gleichen erschienen. Die Levellers kämpften für Deregulierung, Privatbesitz und Freihandel. Zwingend zu bedenken sind nach Anderson dabei die historischen Umstände, also die hierarchischen Zwänge, die im frühneuzeitlichen England nahezu alle Lebensbereiche im Klammergriff hielten: "Die Lords regierten ihre Pächter und Gefolgsleute, Herren ihre Dienstboten, Bischöfe ihre Priester, die Priester ihre Gemeindemitglieder, Kapitäne ihre Matrosen, Gilden ihre Mitglieder, männliche Haushaltsvorstände ihre Frauen, Kinder, Mägde und Knechte." Überall Regierung also, delegiert an Akteure, die mit den Institutionen eines modernen Staats nichts gemein hatten. Die Aufhebung von Leibeigenschaft und Zöllen sowie die Auflösung monopolistischer Gilden waren die Eckpfeiler des Befreiungsprojekts, dem noch Abraham Lincolns amerikanischer Traum einer universellen Selbstständigkeit nachhing. Die Ideologie der freien Marktgesellschaft, so befindet Anderson, war, zumindest in ihren Ursprüngen, eine linke Ideologie. Wie und wann ist das gekippt? Und warum konnte das libertäre Projekt, wenn es im Grunde ein egalitäres war, Arbeitsbedingungen erschaffen, die ebendenen ähneln, gegen die die Egalitaristen des 17. Jahrhunderts rebelliert hatten?

Es ist die industrielle Revolution, die Anderson für eine Schieflage verantwortlich macht, welche zwischen der plötzlich radikal veränderten Arbeitsrealität und ihrem davon weitgehend unberührt gebliebenen ideologischen Überbau entstanden war. Wenn Adam Smith von freien Männern auf freien Märkten geschrieben habe, habe er eben noch seine berühmte Nadelfabrik im Kopf gehabt, in der nur zehn Arbeiter tätig waren, und nicht die maschinelle Sphäre der Produktion, die Karl Marx vor Augen stand. So gravierend, wie gemeinhin angenommen, unterscheide sich das Denken der Begründer von Nationalökonomie und Kommunismus gar nicht; nur sei bei beiden aufgrund der historischen Realitäten etwas anderes gemeint, wenn sie in bester Absicht von der Freiheit des Arbeiters sprächen.

Offenbar verdankt sich die bis heute beklagenswert unreflektierte Macht der privaten Regierung dem hartnäckigen Triumph eines ideologischen Modells über den historischen Realismus. Dass Liebe blind macht, war bekannt. Dass die Liebe zur Freiheit ein besonders schlimmer Fall ist, weil unter der gefeierten Flagge der Liberalität noch die übelsten Zwangsverhältnisse mitsegeln, das lernen wir von Elizabeth Anderson.

Elizabeth Anderson: Private Regierung
Suhrkamp, Berlin 2019; 259 S., 28,– €, als E-Book 23,99 €

Lesen Sie hier ein Interview mit Elizabeth Anderson