Das Problem bei guten Geschichten ist, dass sich die Wirklichkeit für gewöhnlich nicht in Gestalt von Geschichten zeigt, sondern ohne sonderliches Interesse an der eigenen Erzählbarkeit einfach so geschieht. Nur ganz selten verhält es sich umgekehrt. Da drängt sich die Wirklichkeit in einer Weise literarisch auf, dass es schon fast verdächtig ist. So etwa im Fall Sahra Wagenknecht. Tragödie, Schicksal, Historie, Leib-Seele-Problematik, Titaninnenkampf, Heldinnenepos, Wort und Macht – scheint alles dabei zu sein.

Zufall oder Schicksal

Dass Sahra Wagenknecht ihren Rückzug von der Fraktionsspitze ausgerechnet an dem Tag verkündet, da sich der noch viel spektakulärere Rücktritt ihres Mannes, Oskar Lafontaines, von der SPD-Spitze und vom Amt des Finanzministers zum zwanzigsten Mal jährt, kann eigentlich kein Zufall sein. Schließt sich da nicht geradezu ein Kreis der Vergeblichkeit? Ereilt nicht sie nun das Schicksal, das schon ihn verschlang, vollzieht sich an dem Paar nun das ewige politische Naturgesetz, dass es links von der SPD nur Vergeblichkeit und Verdammnis gibt? Also Frau Wagenknecht, das war doch Schicksal, oder? Nein, sagt sie am Telefon, es war bloß ein blöder Zufall. Als ihr Mann sie auf die Koinzidenz hinwies, da war es schon zu spät.

Tragödie oder Farce

Sahra Wagenknecht, die einzige leidlich bekannte lebende deutsche Sozialistin, lässt ihre Rolle ausgerechnet in dem Moment fahren, da sich in den westlichen Demokratien fast überall der Sozialismus rührt, jedenfalls mehr als in all den Jahren zuvor, in denen Wagenknecht tapfer die rote Fahne hochhielt. Sogar in den USA wetteifern gleich mehrere Frauen der Demokratischen Partei darum, den modernsten, frischesten und radikalsten Sozialismus zu vertreten. In Großbritannien hält sich bei der Labour Party seit einigen Jahren ein etwas ältlicher Sozialismus, getragen allerdings von sehr vielen jungen Leuten. Und sogar die bravste der Parteien, die SPD, hat kürzlich eine kurze, kühne Bewegung nach links vollzogen. Eine Bewegung, auf die Sahra Wagenknecht so lange und vergeblich gewartet hat. Jetzt also, da es losgehen könnte mit dem Bündnis zwischen Linkspartei und linker SPD, zieht sich Sahra Wagenknecht in die zweite Reihe zurück. Am Telefon wirkt sie übrigens gar nicht so tragisch, eher erleichtert. Dennoch bleibt die Frage: Warum um Himmels willen jetzt?

Leib und Seele

In der Öffentlichkeit wirkte wahrscheinlich niemand so ungerührt und unberührbar wie Sahra Wagenknecht, stets im selben Stil gekleidet, immer diese Ohrringe, die meist das Beweglichste an ihrem Erscheinungsbild waren, der unbeirrbare Sprachstil. Wer etwas preisgibt, macht sich angreifbar, das war ihre Erfahrung, darum gab sie so wenig wie möglich preis – das galt weniger für ihre Biografie, über die doch sehr viel bekannt geworden ist, es galt vor allem für ihre Gefühle. Ihr selbst gingen Angriffe unter die Haut, das, was sie als öffentliches Zerfleddern empfand. Wobei ihr die Angriffe der etatmäßigen politischen Gegner wenig ausgemacht hätten, sagt sie, die der Parteifreunde und mehr noch die der Parteifreundinnen hingegen schon. Im Laufe des vergangenen Jahres wurde Sahra Wagenknecht immer öfter krank, musste Auftritte und Sitzungen absagen. Mehr und mehr litt sie auch darunter, dass sie nicht mehr genug von ihrem eigentlichen Lebenselixier bekam, das für sie nicht die Macht ist, sondern der Geist, das Lesen und das Schreiben. Wagenknecht spricht darüber wie eine Bildungshungernde. Zu Beginn dieses Jahres zog der Körper dann die Reißleine, machte klar: So geht es nicht weiter. Daher der Zeitpunkt.

Eine letzte Hoffnung

Im Frühsommer 2018 suchte Sahra Wagenknecht den Ausweg aus der innerparteilichen Blockade der Linken wie auch aus der wachsenden Machtferne des "linken Lagers". Rot-Rot-Grün schien sich von einer Mehrheit immer weiter zu entfernen, anstatt sich dieser Stück für Stück anzunähern. Darum gründete sie mit anderen die Bewegung "Aufstehen", was sie schon damals als ihren letzten Versuch interpretierte. Die Voraussetzungen schienen so schlecht nicht. Schließlich war die Zustimmung zu linken Forderungen in der Bevölkerung größer als die für die linken Parteien. Auch war mit Händen zu greifen, dass die (ehemaligen) Volksparteien die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung nicht mehr kanalisieren konnten. Da musste doch etwas gehen. Zunächst ließ sich die Sache sogar ganz gut an, mehr als 100.000 Menschen unterstützen den Aufruf der Bewegung und beförderten so bei Sahra Wagenknecht und ihren Mitstreitern das Missverständnis, sie wollten sich auch bewegen. Das jedoch, so sieht sie es heute, war nur bei einer Minderheit der Fall. Die meisten Unterstützer und Unterstützerinnen wollten keine Bewegung, sondern eine politische Heimat, und der Rest der parteiförmigen Linken gab sich unbeeindruckt. Wohl zu Recht.

Revolution oder Affirmation

In einer Republik, der Ausgleich und Pragmatismus tief in den Genen stecken, verströmte Sahra Wagenknecht die sublimierte Sehnsucht nach Radikalität. Mochten alle anderen doch ihre Versprechen unter den Kompromissen begraben, Wagenknecht blieb prinzipienfest. Sie ließ sich nicht korrumpieren – auch weil sie zur echten Macht so viel Abstand hielt, dass sie ihr selbst nicht gefährlich werden konnte. Insofern war sie ein Teil des Systems, das sie bekämpfte. Ihr Sozialismus war so etwas wie die Standardabweichung vom bundesrepublikanischen Konsens. Mindestlohn rauf, Spitzensteuersatz auch, dazu weniger Rüstung und am besten kein Krieg. Es war ein konformer Nonkonformismus, überzeugungsfest und überraschungsfrei. Sie konnte strahlen, weil sich die SPD verleugnete, im ständigen Ensemble der Berliner Republik spielte sie die Rolle der Kritikerin. Verlässlich warf sie der SPD vor, dass sie nicht so sei wie die Linke, woraufhin die SPD routiniert retournierte, dass Wagenknecht selbst ja auch nicht so sei wie Dietmar Bartsch. Doch als der politische Raum von den gewohnten Koordinaten immer stärker abwich, als sich Veränderungen ankündigten, wie sie die zufriedene BRD lange, vielleicht nie erlebt hat, da erwischte dieser Wind des Wechsels ausgerechnet die routinierte Rebellin. Erstaunlich?