"Scientists for Future" – unter diesem Namen haben bislang mehr als 12.000 Wissenschaftler das Anliegen der Jugend unterstützt. Zu den Erstunterzeichnern dieser Stellungnahme gehören die Meeresbiologin Antje Boetius, der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, der Politologe Claus Leggewie, die March-for-Science-Organisatorin Tanja Gabriele Baudson und der Mediziner Eckart von Hirschhausen. Der vollständige Text steht unter www.scientists4future.org – wir drucken einen Auszug:

Zurzeit demonstrieren regelmäßig viele junge Menschen für Klimaschutz und den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären wir auf Grundlage gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse: Diese Anliegen sind berechtigt und gut begründet. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei Weitem nicht aus.

Das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 verpflichtet die Staaten völkerrechtlich verbindlich, die globale Erwärmung deutlich unter 2 Grad Celsius zu halten. Darüber hinaus haben alle Länder Anstrengungen versprochen, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Es kommt nun darauf an, die Netto-Emissionen von CO₂ und anderen Treibhausgasen schnell abzusenken und weltweit spätestens zwischen 2040 und 2050 auf null zu reduzieren. Eine schnellere Absenkung erhöht hierbei die Wahrscheinlichkeit, 1,5 Grad zu erreichen. Die Verbrennung von Kohle sollte bereits 2030 fast vollständig beendet sein, die Verbrennung von Erdöl und Erdgas gleichzeitig reduziert werden, bis alle fossilen Energieträger durch klimaneutrale Energiequellen ersetzt worden sind. [...]

Ohne tiefgreifenden und konsequenten Wandel ist ihre Zukunft in Gefahr. Dieser Wandel bedeutet unter anderem: Wir führen mit neuem Mut und mit der notwendigen Geschwindigkeit erneuerbare Energiequellen ein. Wir setzen Energiesparmaßnahmen konsequent um. Und wir verändern unsere Ernährungs-, Mobilitäts- und Konsummuster grundlegend.

Vor allem die Politik steht in der Verantwortung, zeitnah die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Insbesondere muss klimafreundliches und nachhaltiges Handeln einfach und kostengünstig werden, klimaschädigendes Handeln hingegen unattraktiv und teuer (zum Beispiel durch wirksame CO₂-Preise, Einstellung von Subventionen für klimaschädliche Handlungen und Produkte, Effizienzvorschriften und soziale Innovationen). Eine sozial ausgewogene Verteilung von Kosten und Nutzen des Wandels ist dabei unerlässlich. [...]

Nur wenn wir rasch und konsequent handeln, können wir die Erderwärmung begrenzen, das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten aufhalten, die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren und eine lebenswerte Zukunft für derzeit lebende und kommende Generationen gewinnen. Genau das möchten die jungen Menschen von "Fridays for Future" erreichen. Ihnen gebührt unsere Achtung und unsere volle Unterstützung.

"Wir leben in Widersprüchen. Auch ich selbst"

Von Ranga Yogeshwar

Schüler haben einen Vorteil: Sie können klarer, extremer und unbequemer in ihren Forderungen sein. Junge Menschen haben ein hohes Maß an Mut und Glaubwürdigkeit – gerade weil sie noch kein Geld verdienen und nicht in politischen oder ökonomischen Abhängigkeiten stecken. Also nehmen wir ihre Sorgen ernst! Politiker betonen in ihren Reden gerne, dass Kinder unsere Zukunft seien. Wir sind aber dabei, dieser Generation genau diese Zukunft zu verbauen. Die westliche Welt muss lernen, nachhaltiger zu leben und unsere umweltschädlichen Gewohnheiten zu ändern.

"Wissenschaftler sollten politisch sein"

Natürlich, wir leben in Widersprüchen. Auch ich selbst. Ich reise viel, zum Beispiel wenn ich beruflich an einer Fernseh-Dokumentation arbeite und weltweit unterwegs bin. Mein eigener ökologischer Fußabdruck ist wahrscheinlich eine Katastrophe. Untätig bleiben sollten wir deswegen aber nicht, und es gibt mehr zu tun denn je. Wieso handeln wir alle nicht so entschlossen, wie wir müssten – angesichts der Dramatik vieler Naturkatastrophen, der steigenden Temperaturen und dem schon jetzt erhöhten Meeresspiegel?

Klimapolitik ist eine globale Aufgabe. Genau dieses Argument aber wird gerne genutzt, untätig zu bleiben: Solange alle anderen Länder nicht mitziehen, fühlen sich viele Regierungen nicht verantwortlich. Man stelle sich vor, Wissenschaftler fänden heraus, es gäbe einen gigantischen Meteoriten, der in dreißig Jahren diesen Planeten zerstören würde. Was würden wir tun? Ich denke, wir würden nationenübergreifend nach Lösungen suchen. Beim Klima ist das Problem: Es gibt keinen großen Knall. Der Wandel geschieht schleichend. Wir merken nicht, wie hoch der Preis ist, den wir alle längst bezahlen.

Hunderte Forscherinnen und Forscher, darunter Koryphäen, haben die Petition "Scientists for Future" unterschrieben. Ich selbst habe sie auch unterzeichnet. Die Ergebnisse der Wissenschaft sollten die Basis einer besseren Politik sein, in der Erkenntnisse nicht je nach Partei oder nationalstaatlichem Eigeninteresse relativiert werden. Die Politiker müssen die Fakten anerkennen – und dementsprechend handeln.

Die Politik aber tut so, als hätten wir noch viel Zeit. Als müssten wir den Klimawandel erst noch detaillierter verstehen, bevor wir anfangen können, politische Maßnahmen umzusetzen. Ich vergleiche das gerne mit einem brennenden Haus. Wir müssten die Feuerwehr rufen! Stattdessen diskutieren wir: In wie vielen Zimmern brennt es? Wie heiß ist es überhaupt? Wie genau setzen sich die Rauchgase zusammen? Das Haus brennt ab, bevor die Feuerwehr angerückt ist. Wir müssen jetzt anfangen zu löschen.

"Wissenschaftler sollten politisch sein"

Von Sven Plöger

Diese Generation von Jugendlichen schien lange sehr unpolitisch. Nun merkt sie aber: Wir sind diejenigen, die in dieser durch den Klimawandel stark veränderten Welt leben müssen. Die jungen Menschen stehen jetzt für etwas ein. Und ihre Handys, an denen sie immer hängen – die nutzen sie, um Demonstrationen zu planen und sich zu vernetzen. Wäre ich heute 16 Jahre alt, ich wäre auch mit dabei! Allerdings wundere ich mich, wie emotional diese Debatte geführt wird und wie aggressiv manche auf die Schüler reagieren. Es ist nicht fair, ihnen bewusstes Schulschwänzen zu unterstellen. Wenn Arbeitnehmer in den Streik gehen, tun sie das ja auch nicht in ihrer Freizeit.

Es geht jetzt um den nächsten Schritt. Jugendliche und Wissenschaftler müssen sich zusammentun, um die Inhalte in die Bevölkerung zu tragen. Ich habe deswegen bei der Bewegung "Scientists for Future" unterzeichnet. Wir wollen Haltung zeigen, und zwar generationsübergreifend. Vor allem Klimaforscher müssen sich noch stärker positionieren, statt den Populisten mit wenig Sachkenntnis das Feld zu überlassen.

Ich reise viel durch das Land und bin erstaunt, wie wenig manche Entscheidungsträger über das Klima wissen. Wissenschaftler sollten politisch sein und sich beratend am öffentlichen Diskurs beteiligen – nicht ideologisch, sondern fachlich motiviert.