Unsere Gesellschaft steht vor großen Umbrüchen. Die Folgen von demografischem Wandel, Digitalisierung und Klimawandel spüren wir bereits. Ähnlich schwere Folgen sind durch künstliche Intelligenz, Roboter und die Manipulation des menschlichen Erbguts zu erwarten. Ob wir die Chancen dieser Entwicklungen nutzen und ihre Herausforderungen meistern, hängt vor allem davon ab, wie anpassungsfähig unsere gesellschaftlichen Systeme sind.

Sozialunternehmer können bei diesen Transformationen einen wichtigen Beitrag leisten. Beispiel Brustkrebs: Das gemeinnützige Sozialunternehmen Discovering Hands hat herausgefunden, dass speziell ausgebildete, blinde Frauen in der Lage sind, auch sehr kleine Tumore zu entdecken. Das steigert die Überlebenswahrscheinlichkeit der Patientinnen und senkt die Behandlungskosten. Mehr als 20 Krankenkassen übernehmen diese Leistung bereits. Das Sozialunternehmen hat nicht nur die Behandlungsmethode entdeckt, sondern mit den "Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen" auch gleich einen neuen Beruf geschaffen.

Je schneller wir solche Innovationen nutzen, um unser Gesundheitssystem auf Prävention auszurichten, desto besser können wir auf die medizinischen Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft eingehen. Dasselbe Prinzip gilt auch für andere Bereiche: Je schneller wir zu einer Wirtschaft kommen, in der alle Abfälle wiederverwendet werden, desto weniger schlimm wird der Klimawandel. Und je schneller wir ein Bildungssystem schaffen, das junge Menschen zu aktiven Gestaltern der Gesellschaft macht, desto weniger Menschen werden durch die Digitalisierung arbeitslos.

Sozialunternehmen wie Discovering Hands schaffen gesellschaftlichen Mehrwert, etwa in Form einer höheren Lebenserwartung. Der Ansatz ist aber auch volkswirtschaftlich interessant. Zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey haben wir dazu gerade eine Studie veröffentlicht. Demnach könnten wir mit der Brustkrebsvorsorge nach dem Vorbild von Discovering Hands jährlich 80 bis 160 Millionen Euro Behandlungskosten sparen. Ähnliche Beispiele gibt es auch im Bildungssystem: Standardisierte Prozesse und eine bessere Koordination zwischen Schulen und Jugendämtern könnten mehr Schulverweigerer in die Schule zurückführen.

Es fehlt an Geld, um Netzwerke aufzubauen

Wenn selbst kleine systemische Veränderungen viel bewirken, warum sind sie dann so schwierig? Zunächst die Selbstkritik: Viele Sozialunternehmer haben nicht die richtige Strategie, um etwa erfolgreich mit Krankenkassen oder Jugendämtern zu arbeiten. Auch das Selbstbild als heroischer Weltretter ist hinderlich: Wer meint, ein soziales System quasi im Alleingang verändern zu können, wird kaum Verbündete finden.

Daneben sind es auch häufig die Strukturen und Entscheidungsträger in Politik, Verwaltung, im Stiftungswesen, in Krankenkassen, Jugendämter und Hochschulen, die es System-Tüftlern unnötig schwer machen. Ein Problem: die starre Förderkultur. Aktuell fördern Stiftungen und öffentliche Geldgeber vor allem die direkte Arbeit mit Menschen, die von einem Problem betroffen sind. Wer etwas verändern will, braucht aber häufig auch Geld, um Netzwerke aufzubauen, das eigene Wissen mit anderen zu teilen oder um politische Entscheidungen mitzugestalten.

Das Sozialunternehmen Irrsinnig Menschlich etwa bietet Veranstaltungen für Schulklassen an, in denen Schüler dazu angeregt werden, sich bei psychischen Problemen frühzeitig Hilfe zu suchen. Aktuell erreicht es jedes Jahr rund 20.000 Schüler. Das Potenzial für Deutschland ist riesig: Laut unserer Studie ist jeder Prozentpunkt an erkrankten Schülern, die sich in frühzeitige Behandlung begeben, allein finanziell jedes Jahr 80 Millionen Euro wert. Um solche Präventionsarbeit in Bildungssystemen zu verankern, müssen jedoch verschiedene Beteiligte überzeugt werden und sich koordinieren, darunter Krankenkassen sowie Kultus-, Sozial- und Gesundheitsministerien auf Länderebene. Irrsinnig Menschlich könnte diesen Prozess mitgestalten und vielleicht beschleunigen. Im Gegensatz zu der Arbeit in den Klassenzimmern ist es jedoch schwer, für diese Netzwerk-Arbeit eine Förderung zu bekommen.

Neben Geld fehlt es auch häufig an Experimentierfreude. Ministerien, Jugendämter und viele weitere Akteure müssen häufig langwierige Verfahren durchlaufen, bevor soziale Innovationen in einem institutionellen Rahmen auch nur getestet werden können. Manchmal ist eine Zusammenarbeit sogar rechtlich nicht möglich, etwa wenn ein Sozialunternehmen nicht gemeinnützig ist. Hier wären Budgets für Experimente hilfreich.

Bei Gesetzgebungsprozessen sollten wir dem Beispiel Finnlands folgen. Dort können neue Ideen für Gesetze und Verordnungen dank einer Verfassungsänderung sogar auf nationaler Ebene schnell getestet und in kleinen Schritten eingeführt werden. Ohne diese verbesserten Rahmenbedingungen stecken soziale Innovationen zu oft in Nischen fest.

Bei einigen Barrieren gibt es mittlerweile Fortschritte. Die Bundesregierung etwa verspricht im Koalitionsvertrag, die Rahmenbedingungen für Sozialunternehmertum in Deutschland zu verbessern. Und auch die großen Wohlfahrtsverbände haben in einer gemeinsamen Erklärung angekündigt, soziale Innovationen stärker zu fördern und in die Breite zu tragen.

Um das Potenzial von sozialen Innovationen für die Gesellschaft zu heben, müssen sie institutionalisiert werden. Sie müssen in Gesetze einfließen, in die Leistungskataloge von Krankenkassen und in die Kurse für Lehramtsstudenten an Universitäten. Dafür braucht es eine flexiblere Förderung und mehr Experimentierfreude. Die Investition lohnt sich: Zusammen mit Sozialunternehmen können Politik, Verwaltung und Stiftungen jedes Jahr Milliarden an Mehrwert generieren. Und die gesellschaftlichen Systeme an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen.