Früher hingen wir nicht die ganze Zeit am Handy. Früher wussten wir noch, wo unser Essen herkam. Früher hatten alle Zeit. Früher war alles besser. – Der französische Philosoph Michel Serres kann das nicht mehr hören und hat aus Wut ein Buch geschrieben über dieses Früher. "Ich war schließlich dabei", sagt Serres, der vor über 80 Jahren in Südwestfrankreich aufwuchs, und erinnert sich: Stimmt, man wusste, wo das Essen herkam, deshalb wusste Familie Serres auch, wessen Kautabak sie da in ihrem Brot fand. Einmal beschwerten sie sich. Aber der Bäcker winkte ab: Keime stürben im Ofen ab, "meinen Tripper werdet ihr euch nicht holen".

Früher war es wirklich nicht so toll, wie viele behaupten, meint Serres. Man hing zwar nicht am Handy, aber über Briefen, wie sie zwischen Serres, der als Matrose in einem somalischen Hafen saß, und seiner Verlobten in Bordeaux einen Monat unterwegs waren. Man versuchte, sie zu entschlüsseln – wovon war noch mal die Rede? –, und bemühte sich vergeblich, auf vier Wochen alte Gefühlslagen zu reagieren. Das soll besser gewesen sein?

Serres ist zwar Philosoph, aber um eine Fortschrittstheorie geht es hier nicht. Er rechnet die Errungenschaften der Moderne auch nicht vor wie zuletzt Steven Pinker in seinem Bestseller Aufklärung jetzt!. Sondern er beschreibt diese Errungenschaften ganz persönlich. Er erzählt in einem Strom von Anekdoten, was es bedeutet hat, dass die Züge so verdammt langsam waren, dass Hygiene noch keine verbreitete Idee war oder dass Ärzten vielleicht acht oder zehn wirksame Medikamente zur Verfügung standen: "Damals, als mangels Impfung viele meiner Freunde von den Folgen einer Kinderlähmung gezeichnet wurden, damals, als man sich über Behinderte lustig machte".

Es sind wahnsinnig dichte 80 Seiten geworden, jeder Absatz eine Pointe, seine Polemik macht Spaß. Serres wägt nicht ab, sondern treibt mit französischer colère und scharfem Witz den Lesern die Nostalgie aus: "Früher durften wir unbehelligt in frei verkäuflichen antisemitischen Blättern Juden karikieren und massiv beleidigen." Wir durften behaupten, "Lehrer und Arbeiter hätten es, faul, wie sie sind, bloß auf bezahlten Urlaub abgesehen". Katholiken, Sozialisten, Kapitalisten, Deutsche, erzählt Serres, "nicht zu vergessen Adlige, Freimaurer, Einwanderer, Banlieuebewohner ... – alle waren sie, wie man sich denken kann, höllisch gefährliche Leute, und es gab gar keine soziale Gruppe, die kein Komplott gegen uns schmiedete".

Serres sagt nicht, dass es heute keinen Rassismus mehr gebe, so wie er überhaupt nicht behauptet, dass heute alles gut sei. Aber er sagt, dass es besser ist – und das ist ihm wichtig. Er will die Fiktion eines idyllischen Früher auch deshalb entzaubern, weil er glaubt, die Verherrlichung der Vergangenheit könnte gefährlich werden. Er will Populisten mit Regressionsfantasien den Wind aus den Segeln nehmen. Denn dass es heute besser ist als gestern, heißt nicht, dass es morgen nicht schlimmer werden kann.

Interessant ist, dass Serres, einmal in Fahrt, diejenigen, die dem Nationalismus hinterhertrauern, gleichzeitig abwatscht mit denjenigen, die für naturnahe Ernährungsgewohnheiten von früher schwärmen. Als hätte der Trump-Wähler etwas gemeinsam mit dem Großstadt-Hipster. Hat er? Für alle Lifestyle-Nostalgiker steckt in dieser Anekdotensammlung jedenfalls auch die zarte Erinnerung daran, die Pose nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Michel Serres: Was genau war früher besser? Ein optimistischer Wutanfall; a. d. Franz. v. Stefan Lorenzer; Suhrkamp, Berlin 2019; 80 S., 12,– €, als E-Book 11,99 €