Es ist ein seltsames Paar, das da in einem kleinen, langsamen tschechischen Provinzzug sitzt, der wankt wie ein aufgegebenes Schiff auf hoher See. Winterberg ist ein gesprächiger 99-jähriger Deutscher. Jan, der Ich-Erzähler von Jaroslav Rudiš neuem Roman Winterbergs letzte Reise, ist Winterbergs Pfleger und Sterbebegleiter. Ein um Jahrzehnte jüngerer Tscheche, der mit dem alten Mann auf Reisen geht und dessen ausufernde Reden im Zugabteil geduldig erträgt. Nur ab und zu meldet er sich mürrisch zu Wort: "›Nein, das ist noch nicht Sadová, das ist keine Zuckerfabrik, das ist ein Umspannwerk‹, sagte ich, doch Winterberg hörte nicht zu und zitterte, wie so oft bei seinen historischen Anfällen."

In seiner verfilmten großartigen Graphic Novel Alois Nebel, die Jaroslav Rudiš gemeinsam mit dem Zeichner Jaromir Švejdík gestaltet hat, erinnerte er an die Vertreibung, die den schweigsamen Stationsvorsteher eines ehemals sudetendeutschen Orts in seinen Träumen heimsucht. Jetzt hat Rudiš die Perspektive gewechselt: Im ersten Roman, den der gelernte Germanist auf Deutsch geschrieben hat, geht es um deutsche Verdrängungen und ihre Vorgeschichte.

"›Die Schlacht von Königgrätz geht durch mein Herz‹, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges." So lautet der erste Satz des Romans, und der alte Mann legt rhythmisch nach: "Die Schlacht von Königgrätz ist der Anfang von allen meinen Katastrophen, der Anfang von allen unseren Katastrophen, wenn man im Zeichen der Schlacht von Königgrätz geboren wurde, ist man für immer verloren."

Winterberg braucht Publikum. Begeistert liest er seinem Pfleger aus dem K.-u.-k.-Baedeker von 1913 vor. Winterbergs "historische Anfälle" sind skurrile Tiraden, die er stoßweise von sich gibt, wie ein irrer, in die Vergangenheit gewandter Seher, der keine Einzelheit auslassen kann.

Der Roman müsste nicht unbedingt 500 Seiten lang sein, etwas weniger Baedeker hätte gereicht. Aber es ist gerade der Überschuss der Begeisterung, der Winterbergs Wahnsinn eine eigene Prägung gibt und dazu beiträgt, dass man sich an seiner Seite in die Vergangenheit treiben lässt.

Die Schlacht bei Königgrätz, genauer Sadová, im Sommer 1866, auf die der Alte immer wieder zurückkommt, war eine der größten des 19. Jahrhunderts. Auf vierzig Quadratkilometern bekämpften sich vierhunderttausend Soldaten, an einem Tag starben siebzehntausend. Und tatsächlich hatte die Schlacht, in der Preußen Österreich besiegte, massive Auswirkungen: Österreich verließ den Deutschen Bund unabhängiger Staaten, so konnte Bismarck die Einheit seines kleineren Reichs vorantreiben. Hitler ist ohne Königgrätz nicht zu denken. Es brachte ihn dazu, die (Wieder-)Vereinigung anzustreben.

Winterberg hat Hitler, wie er Jan gesteht, bejubelt, genau wie seine Mutter. Winterbergs Vater aber, war "der letzte Republikaner von Reichenberg". Ihm wurde von einem Deutschen im Ratskeller der Schädel eingeschlagen. Davor war er Leiter der "Feuerhalle" der Stadt, die als erste im Habsburgerreich die fortschrittliche Möglichkeit der Einäscherung bot, und er war bekannt für seine Witze über Strang- und andere "unschöne" Leichen.

Winterbergs Begeisterung für Feuerhallen, Verbrennungsöfen und Züge gibt seinen k.-u.-k-trunkenen Erinnerungen einen makabren Unterton. Mitteleuropa war Schoah-Land. Nur kurz spricht Winterberg das an, aber es verleiht dem Parlando des Romans einen grausigen doppelten Boden.

Auch der Anlass der Reise hat, wie allmählich klar wird, mit dem Gift der Vergangenheit zu tun. Winterberg hatte eine jüdische Freundin, die geflüchtet ist. Er sollte ihr nachfahren, was er nie tat. Wegen Lenka will er jetzt bis Sarajevo, wo sich ihre Spur verlor. Als könne er den Verrat nachträglich wiedergutmachen.

Aber auch Jan hat eine verborgene Vorgeschichte. Er gehörte zu einer Gruppe junger Tschechen, die 1972 ein kleines tschechisches Flugzeug kaperten und in der Oberpfalz zur Landung zwangen, weil sie nach dem russischen Einmarsch aus der Tschechoslowakei fliehen wollten. Jan und seine Verbündeten kamen ins Gefängnis, was, wie man heute weiß, ein abgekarteter Justizirrtum war: Der tschechische Geheimdienst und die bayerische Staatsanwaltschaft hatten sich gegen "die Langhaarigen" verbündet.

Leider reizt Rudiš diesen wenig bekannten thematischen Sprengstoff nicht aus und belässt es bei vagen Andeutungen. Dabei hätte Jans ausformulierte Problematik dieser komisch-unheimlichen deutsch-tschechischen Erinnerungsfahrt quer durch Mitteleuropa und seine ehemaligen Schlachtfelder nicht geschadet. Wie Winterberg nach seinem Verrat hat Jan nach der Flucht nie ganz in ein neues Leben gefunden. Beide werden die Schlacken ihrer Geschichte nicht los.

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise
Roman; Luchterhand 2019; 541 S., 24,– €, als E-Book 18,99 €