Es fing an mit einem Lavendelfeld und einem Café, wunderschön gelegen am eisblauen Erhai-See in den Bergen. Die Touristen kamen in Horden – aber nicht, um Kuchen zu essen oder Lavendelkissen zu kaufen. "Sie machten Fotos und hinterließen zertrampelte Blüten", sagt Yang Mingquan, 32, und blinzelt in die Höhensonne. Am Horizont glitzern Schneegipfel, Wölkchen spiegeln sich im Wasser.

Yangs Chefin hat hier, nahe der historischen Kaiserstadt Dali in der Provinz Yunnan, einen Hektar Erde gepachtet – ursprünglich, um Duftkerzen und andere Lavendelsouvenirs herzustellen und im Café zu verkaufen. Gegen die Fotomeute hätte sie Zäune mit Stacheldraht hochziehen können, klar. Doch ihr fiel etwas Besseres ein: Sie ließ Gärtner Rosen anpflanzen, Orchideen und Ringelblumen. Ein auf Vintage gemachtes Hollandrad wurde aufgestellt, kugelfömige Schaukeln, die vier Meter hohen Buchstaben L-O-V-E und fluoreszierende Leuchthasen. Am Eingang steht nun ein Tickethäuschen, wo Besucher einen QR-Code einscannen, um per App 2,50 Euro Eintritt zu zahlen. Anschließend stapfen sie mit Selfie-Stativen und Profi-Equipment im Garten umher, der jetzt "Duftendes Gras" heißt.

Der Durchschnittsangestellte in China hat im Jahr zehn Tage frei, die Zeit ist knapp, Erholung zweitrangig. Wichtiger ist das perfekte Urlaubsbild – als Statussymbol: Reisen ist für viele ein Luxus, den sie sich bisher nicht leisten konnten. Dem Zufall überlässt man da lieber nichts. Welcher Ort eignet sich als beste Fotokulisse? Wann fällt wo das Licht am gnädigsten? Yue Yue, 26, hat im Internet genau recherchiert. "Ich habe ein Selfie gesehen, das eine bekannte Influencerin in diesem Garten aufgenommen hat", sagt Yue, Verkäuferin in einer Modeboutique in Shanghai. Das Bild inspirierte sie, nach Dali zu fliegen, um hier Urlaub zu machen und das gleiche Foto zu schießen.

Unter den Posierenden an diesem Vormittag ist "Entenschnute im Blumenmeer" das beliebteste Motiv, dicht gefolgt von "Nachdenkliche Unschuld auf verwittertem Baumstumpf" und "Grazien am windigen Seeufer". Die Abgelichteten sind fast ausschließlich weiblich, ihre männlichen Begleiter, falls vorhanden, nur zum Auslöser-Drücken da.

Bis zu tausend zahlende Besucher zählt Geschäftsführer Yang Mingquan jeden Tag. Und "Duftendes Gras" ist längst nicht mehr der einzige Selfie-Garten der Region. Es gibt an die 40 ähnliche Foto-Anlagen hier, sie heißen "Wolkenmeer", "Wasserrose" oder "Sprache der Blumen". Die extravaganteren haben besonders teure Blumensorten, riesige Comicfiguren oder Wohnwagen zum Übernachten.

Die Betreiber sind oft einheimische Bauern, die umgeschult haben zum Gärtner. Wo einst Bohnen und Mais wuchsen, sprießen jetzt Sonnenblumen und Plastikwindräder. Früher sehnten sich die Bauern nach Regen und fürchteten die brennende Sonne. Heute ist es umgekehrt: Gutes Wetter bedeutet eine üppige Selfie-Ernte.