Joachim Scherber (Name geändert) ist noch nicht bereit, seinem Arzt zu begegnen, dem er so lange vertraut hat. Was Anfang Februar im Sitzungssaal 124 entschieden wird, verfolgt er nur aus der Ferne. Sein Arzt muss sich vor dem Berliner Landgericht verantworten. Der Vorwurf einer Patientin: Er habe eine Diagnose erfunden, um die Kosten der folgenden Behandlung abrechnen zu können. Deswegen soll er Schmerzensgeld zahlen. Es ist das erste Verfahren, dem weitere folgen werden. Inzwischen sind mehr als ein Dutzend Betroffene bekannt, die sich auch wehren wollen. Einer von ihnen ist Scherber.

Im Jahr 2009 geht Scherber zum ersten Mal in die Praxis von Dr. Karl Ziegler, einem Facharzt für Innere Medizin. Sie liegt im Westen Berlins, in einem Viertel aus renovierten Altbauten. Ziegler behandelt viele Privatpatienten. Auch Scherber ist privat versichert. Seine Mutter hat ihm die Praxis empfohlen. Sie wird von Ziegler wegen Darmkrebs behandelt. Weil Darmkrebs erblich ist, will sich Joachim Scherber absichern und einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen. Damals ist er Mitte 40.

Für Scherber sind Ärzte eine Institution. Hoch angesehen, beinahe Götter in Weiß. Er sieht keinerlei Grund, ihre Autorität anzuzweifeln. Er hat auch bei seiner Mutter erlebt, wie wichtig gerade bei schweren Krankheiten eine enge Beziehung zwischen Arzt und Patient ist. Der Patient ist abhängig von den Fähigkeiten des Arztes. So sieht es Scherber, und daher vertraut er Karl Ziegler, seinem Arzt, der bei ihm eine sogenannte Barrett-Schleimhaut diagnostiziert. Eine krankhafte Gewebeveränderung zwischen Magen und Speiseröhre, die zum Krebs mutieren kann. Ein Schock für Scherber. Ist er doch jemand, der in seinem Leben kaum krank gewesen ist, nie eine Erkältung hatte. Und nun diese Diagnose.

Nur zwei Tage später liegt Scherber narkotisiert auf einer Bahre in Zieglers Praxis. Ziegler lasert die betroffene Stelle, so erklärt er es hinterher seinem Patienten. Und das mit Erfolg – der behandelte Bereich sei nun fürs Erste nicht mehr gefährlich. Dr. Ziegler bittet Scherber, einmal im Jahr zur Kontrolle zu kommen.

Damit beginnt für Scherber ein Ritual, das sich Jahr für Jahr wiederholt: Drei Monate vor dem nächsten Kontrolltermin beginnt in ihm die Unruhe zu beben, es könnte schlimmer geworden sein. In der Praxis wird dann sein Magen unter Kurznarkose gespiegelt. Jedes Mal erklärt ihm Ziegler nach dem Aufwachen, dass die Barrett-Schleimhaut zurückgekommen sei und er wieder gelasert habe. In neun Jahren bekommt Scherber acht Narkosen. Achtmal wird angeblich seine Schleimhaut verbrannt, damit neues, gesundes Gewebe wachsen kann. Achtmal fährt Scherber danach zu seinem Lieblingsfeinkostladen bei ihm um die Ecke, kauft Schinken-Krabben-Salat und frühstückt ausgiebig. Ein Schmaus auf das Leben. Immer wieder Erleichterung.

Nach den ersten Jahren fragt sich Scherber, ob er diese Abläufe bis zum Ende seines Lebens durchlaufen müsse. Ob es eine Chance auf Heilung gebe. Er bittet Dr. Ziegler um seine Einschätzung, der ihm deutlich sagt, in seinem Fall gebe es keine Hoffnung. Auf die Frage, ob man die Behandlungsabstände vergrößern könne, erzählt Dr. Ziegler ihm von einem Taxifahrer, 15 Jahre jünger als Scherber selbst. Dieser habe mit der Behandlung gezögert, weswegen Dr. Ziegler ihm am Ende nicht mehr habe helfen können. Es scheint, als wolle Dr. Ziegler sicherstellen, dass Scherber regelmäßig zu den Kontrollen kommt. Der Tod als Drohkulisse.

Die Ärzte im Krankenhaus sagten: Warum gehen Sie denn zu diesem Betrüger?

Mit dem drohenden Krebs zu leben raubt Scherber seine Leichtigkeit und ein Stück Lebensfreude. Doch er zerbricht nicht daran, sagt er heute. Seine Berliner Galerie, für die er seit über 20 Jahren Ausstellungen organisiert, gibt ihm Halt. Er fliegt zu Kunstmessen im Ausland, gewinnt neue Maler, wird unverhofft zum ersten Mal Vater. Mit kaum jemandem, schon gar nicht mit seinem Sohn, spricht er darüber, dass er bald nicht mehr da sein könnte.

Scherber beschreibt Dr. Ziegler als einen ausgesprochen angenehmen Mann. Mit seinem runden Gesicht und seiner freundlichen Art gleiche er einem Teddybären. Gleichzeitig verkaufte sich Ziegler in den kurzen Arztgesprächen immer wieder als Koryphäe, erinnert sich Scherber. So habe er Sätze gesagt wie: Viele seiner Kollegen könnten so ein Barrett nicht einmal erkennen. Er selbst mache das schon seit 40 Jahren. Und auch Zieglers Außenwerbung ist alles andere als zurückhaltend: Vor der Praxis steht an der goldenen Namenstafel vor seinem Doktortitel noch Privatdozent. Auf seiner Website schrieb er, dass er an der Humboldt-Universität lehrt – vor Monaten nahm er diese Info von seiner Seite. Laut Humboldt-Universität hat er dort nie als Privatdozent gelehrt. Und auch die Position "Leiter der interventionellen Endoskopie Freie Universität Berlin, Klinikum Steglitz", die er noch immer angibt, ist fraglich. Das Klinikum Steglitz gehört seit 2003 zur Charité und heißt inzwischen Campus Benjamin Franklin. Die Charité erklärt gegenüber der ZEIT, dass Dr. Ziegler nie für sie gearbeitet habe.