Liebe Ella,

darf ich meinen Sparkassendirektor einen Bankster, also quasi Bank-Gangster, nennen, weil ich schamlos über den Tisch gezogen worden bin?

Es gehört zu den Gepflogenheiten meiner Bank, den Kundenstamm dahingehend abzuklopfen, wo Provisionen zu machen sind. Auch mir wurde ein Zertifikat mit "gut aufgestellten Firmen" und einer Laufzeit von einem Jahr empfohlen, für das ich dann meine 30.000 Euro zur Verfügung gestellt habe. Nach einem Jahr waren nur noch 7000 Euro übrig, und ich war plötzlich Porsche-Aktionärin. Als Umweltschützerin, die seit 20 Jahren nicht mehr geflogen ist und vor allem Fahrrad fährt, hätte ich dieses Papier ohnehin ablehnen müssen, und ich mache mir Vorwürfe, dass ich darauf hereingefallen bin.

Nach zehn Jahren standen die Aktien immer noch bei 7000, und die Dividende ist von den Depotgebühren aufgefressen worden. Ich habe erfolglos geklagt und durfte auch noch den Anwalt zahlen. Ganz bestimmt bin ich nicht die Einzige, der man solch ein Papier angedreht hat. Man schämt sich in der Regel und bleibt stumm.

Sie werden nicht glauben, wie mich das alles verändert hat, und was ich an mir feststelle, gefällt mir überhaupt nicht. Meine Gutgläubigkeit Fremden gegenüber ist in Misstrauen umgeschlagen. Ich gehe jetzt am liebsten alleine wandern. Und als ehemalige Klosterschülerin und recht friedliche Person bin ich inzwischen zur Gelbwesten-Sympathisantin geworden. Mit meinen 76 Jahren habe ich letzte Woche eine Wald-Urnengrabstätte gekauft – und darauf geachtet, dass kein Bankster neben mir zur Ruhe kommen kann.

Ihr Lieschen Loserin

Liebes Lieschen Loserin,

Ihre Frage ist schnell beantwortet: Na klar dürfen Sie Ihren Sparkassendirektor als Bankster bezeichnen. Sie dürfen das auch auf ein Plakat schreiben, sich damit vor die Sparkassenfiliale stellen und mit Eiern werfen, ich wär dabei. Bevor wir zur Tat schreiten, würde ich nur vielleicht ganz kurz mit einem Juristen sprechen. Sie haben jedenfalls alles Recht der Welt, sehr, sehr wütend zu sein. Und enttäuscht. Aber übertragen Sie dieses Gefühl nicht auf die gesamte Menschheit. Lieber weiter schön finster und konzentriert an den Sparkassendirektor denken, das gewissenlose Arschtörtchen (alternative Plakatidee). Werfen Sie ihm aber nicht zu viel wertvolle Kraft und Zeit hinterher, dafür ist das Leben zu kurz. Das Geld ist sowieso weg.

Als ich Ihren Brief las, musste ich an meine Mutter denken. Sie ist genauso alt wie Sie, hat früher als Beamtin gearbeitet und ihre Kinder allein großgezogen. Damals, als der Aktienkauf zum Volkssport wurde, stand meine Mutter mittags immer in der Küche und notierte beim Kochen die Börsenkurse aus dem Radio. Sie zitierte manchmal ihren Großvater, der immer gesagt hat: Lieber mit dem kleinen Finger gehandelt als mit der ganzen Hand geschafft. Hat er natürlich trotzdem gemacht, mit der ganzen Hand schaffen, genauso wie meine durch und durch anständige Mutter, die jetzt also an der Börse durchstarten wollte. Sie hat im Laufe der Jahre ziemlich viel Geld verloren.

Mir war irgendwie klar, dass es so kommen würde. Das Prinzip, dass irgendwer mehr Geld bekommt, bloß weil er schon welches hat, ist mir zutiefst suspekt. Wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich es sogar unanständig. Allerdings hab ich leicht reden. Ich kann nicht mit Geld umgehen, und bisher hat sich noch kein Sparkassenkasper getraut, mir über den tiefen Graben meines Dispokredits hinweg irgendwelche Avancen zu machen.

Sie schreiben, dass Sie sich schämen, auf das faule Angebot Ihrer Sparkasse hereingefallen zu sein. Lassen Sie das. Sollen die sich erst mal schämen. Das Einzige, was Sie sich vorzuwerfen haben, ist vielleicht, sehr viel Geld für etwas bezahlt zu haben, ohne genau zu wissen, ob und wie es funktioniert. Das ist ärgerlich, aber es kommt vor.

Sie sind Ihr Leben lang viel Rad gefahren, vermutlich haben Sie sich auch ganz gesund ernährt. Deshalb tun Sie mir bitte einen großen Gefallen und lassen Sie Ihr Urnengrab einfach noch sehr lange einen Flecken Erde sein. Genießen Sie das gute Gefühl, dass Ihnen morgens im Spiegel kein skrupelloser Wicht begegnet. Und wenn Sie möchten, frage ich mal meine Mutter, ob sie Lust hat, Sie im Frühjahr beim Wandern zu begleiten. Sie findet die Gelbwesten auch ganz gut.

Ihre Ella