Zwei Stunden bevor sich die Bilder des einsamen Wolfs in die Köpfe der Kinder brennen, ist die Stadt Christchurch erfüllt von jugendlicher Hoffnung. Am vergangenen Freitagmittag versammeln sich Tausende Schüler auf einem Platz im Zentrum, sie halten selbst gebastelte Transparente in die Höhe, auf einem steht: I’d be in School if the earth was cool, "Ich wäre in der Schule, wenn die Erde kühler wäre". Die Jugendlichen demonstrieren für den Klimaschutz, wie so viele andere Schüler überall auf der Welt an diesem Tag. Für Christchurch ist es der erste "Fridays for Future"-Protest überhaupt.

Die Stimmung unter den jungen Demonstranten ist euphorisch. Von einem Podium aus ruft jemand die Namen der einzelnen Schulen der Stadt in die Menge: "Christchurch Boys’ High School, seid ihr da?" Die Schüler der Christchurch Boys’ High School antworten mit einem schallenden: "Jaaaa!"

Doch auf einmal bricht der Redner ab. Ordner schieben sich durch das Gewimmel. Freundlich bitten sie die Kinder, den Platz zu räumen. Einen Grund nennen sie nicht. Die Demonstration löst sich auf. Kein Alarm, keine Panik.

Einige Jungen der Christchurch Boys’ High School machen sich auf den Weg zurück zu ihrer Schule. Sie gehen, so wird es später eine ihrer Lehrerinnen erzählen, durch den Hagley-Park, der gleich gegenüber der Al-Noor-Moschee liegt. Die Schüler sehen Polizeiwagen vor dem Gebäude stehen, Krankenwagen. Irgendetwas muss passiert sein.

Als sie an der Schule ankommen, schauen die Kinder auf ihre Handys. So wie sie in ihrem Alltag ständig auf ihre Handys schauen, weil da immer wieder neue Nachrichten von Freunden sind, fröhliche Fotos von Verwandten, Filme von YouTube-Helden aus allen Ecken der Welt.

Jetzt aber ist da plötzlich ein Video aus Christchurch. Es zeigt das Gesicht eines Mannes, es zeigt ein Gewehr, das er in der Hand hält. Es zeigt ein Gebäude, auf das er zugeht.

Und dann sehen die Kinder, wie dieser Mann die Al-Noor-Moschee betritt und Menschen erschießt. Sie hören die Schreie, die Schüsse. Sie sehen das Video des einsamen Wolfs.

Es ist ein Begriff, der ursprünglich ein Phänomen aus der Biologie bezeichnet: einen Wolf, männlich oder weiblich, der von seinem Rudel verstoßen wurde und nun, notgedrungen, allein lebt. Nicht selten ein bedauernswertes Wesen, das für manche Beutetiere weit weniger gefährlich ist als ein ganzes Wolfsrudel.

Lange Zeit war "der einsame Wolf" ein Ausdruck, der über das Tierreich hinaus keine sonderliche Bedeutung hatte, jedenfalls nicht für Fragen des Terrorismus und der öffentlichen Sicherheit.

Mitte der Neunzigerjahre aber veröffentlichte der US-amerikanische Rechtsradikale Tom Metzger zwei Essays, in denen er das Ideal eines Terroristen beschrieb, der keinen Anführer hat. Er empfängt keine Befehle, muss niemandem Rechenschaft ablegen über seine Vorhaben, gehört keiner hierarchisch aufgebauten Organisation an. Er plant allein, probt allein, tötet allein. Er ist, so Metzger, ein "einsamer Wolf".

Die Pläne eines solchen Einzelkämpfers, das war Metzgers Überlegung, sind für Polizei und Geheimdienste kaum zu durchkreuzen. Es gibt keine konspirativen Treffen, die Verdacht erregen, keine Mitwisser, die ihn verraten könnten. Das macht ihn so gefährlich, mitunter gefährlicher als eine ganze Terrorgruppe.

Gleich nach der Tat aber endet die Einsamkeit des Einzelkämpfers. Das zumindest ist das Kalkül bei dieser Form des Terrorismus. Es ist die Hoffnung des Täters. Eben noch unternahm er alles, um unsichtbar zu bleiben. Jetzt will er gesehen werden.

Um 13.28 Uhr am vergangenen Freitag kündigt der Attentäter von Christchurch im rechtsradikalen Internetforum 8chan seinen Anschlag an. Er postet einen Link zu seiner Facebook-Seite. Wer ihn anklickt, für den beginnt dort wenige Minuten später das Video, live gestreamt von der GoPro-Kamera, die der Attentäter an seinem Helm befestigt hat. Unter den Link hat er geschrieben: "Bitte tragt euren Teil dazu bei, indem ihr meine Botschaft verbreitet."

Möglichst viele Menschen sollen von ihm und seiner Tat erfahren, sollen sein Denken in die Welt tragen, sollen sich ihm anschließen, sollen ihm folgen, ihn nachahmen. Der einsame Wolf will selbst zum Leitwolf werden. Das ist sein Ziel.

Am Montag, dem ersten Schultag nach dem Massaker, hängt am Tor der Christchurch Boys’ High School die neuseeländische Flagge auf halbmast, es ist ruhig, ein leichter Wind weht über die Wiese vor dem großen Backsteingebäude.

Die Schule gilt als eine der besten Schulen des Landes, sie wurde 1881 gegründet, 1400 Jungen mit 50 unterschiedlichen Nationalitäten lernen hier von der neunten bis zur 13. Klasse. Jedes Jahr kommen Gastschüler aus aller Welt dazu, Christen, Juden, Muslime, Buddhisten.

Nic Hill ist Anfang vierzig und seit sechs Jahren Direktor der Schule. Er läuft in Anzug und Krawatte durch die Eingangshalle, vorbei an einer Vitrine mit Sportpokalen, eine Wendeltreppe führt hinauf zu den Klassenzimmern.

Hill bittet in einen Besprechungsraum. Er holt sein Handy aus der Tasche und zeigt ein Foto von sich selbst und einem etwa 18-jährigen Jungen. Der Junge auf dem Bild hat schwarze Haare, er schaut Hill freundlich in die Augen, beide lächeln. "Das ist Talha Naeem", sagt Hill. "Er ging hier früher zur Schule."

Talha Naeem wurde 21 Jahre alt. Er besuchte am Freitagmittag mit seinem Vater Rashid die Al-Noor-Moschee. Sie waren gerade am Beten, als die ersten Schüsse fielen. Auf dem Video ist zu sehen, wie Rashid versucht, dem Attentäter das Gewehr zu entreißen. Der Mörder tötete sie beide, Vater und Sohn.

Auch Atta Elayyan ging einst auf die Christchurch Boys’ High School. Elayyan war ein Sportstar, Torwart der neuseeländischen Futsal-Nationalmannschaft; Futsal ist eine Variante des Hallenfußballs. 2014 war er zum besten Spieler des Landes gewählt worden. Kommende Woche wollte er an seine alte Schule zurückkehren, um das dortige Futsal-Team auf ein Turnier vorzubereiten.

Wie Talha Naeem betete auch Atta Elayyan in der Al-Noor-Moschee. Wie Talha wurde er von dem Attentäter ermordet.

Bevor an diesem Montagmorgen der Unterricht wieder begann, haben sie sich alle in der Aula der Highschool versammelt, die Schüler, die Lehrer und Nic Hill, der Schulleiter. Sie sprachen über ihre Trauer, ihren Schmerz und ihre Angst. Sie sprachen auch über das Video des Attentäters. "Ich habe den Jungs gesagt, dass sie sich von den sozialen Medien fernhalten sollen", sagt Nic Hill. Seine Schüler waren da schon weiter als er. Nur Stunden nach dem Anschlag hatten sie dazu aufgerufen, das Video nicht weiterzuverbreiten. Sie hatten begriffen, dass das Morden vorüber war, das Attentat aber in Wahrheit noch weiterging.