Auf einmal will es niemand gewesen sein. Nicht einmal Jörg Kukies, der Staatssekretär von Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Kaum haben Commerzbank und Deutsche Bank endlich offiziell bestätigt, dass sie miteinander über eine mögliche Fusion verhandeln, wird Kukies am vergangenen Montag bei einer Konferenz in Frankfurt dazu gefragt, und er sagt nur: "Wir nehmen die Entscheidung der Vorstände zur Kenntnis. Wir stehen mit beiden Seiten in Kontakt."

Diese Antwort grenzt an eine Beleidigung der Intelligenz seines Publikums. Jörg Kukies hat vor seinem Wechsel nach Berlin jahrelang als Investmentbanker gearbeitet. Er geht in den Frankfurter Banktürmen bis heute ein und aus. Er hat – das geht aus einem amtlichen Schreiben des Ministeriums an den Haushaltsausschuss hervor – im Auftrag der Bundesregierung hochrangige Vertreter beider Institute in den vergangenen Monaten fast zwei Dutzend Mal getroffen, um "strategische Optionen" zu besprechen. Wenn irgendjemand weiß, was die Banken vorhaben und was davon zu halten ist, dann ist es Jörg Kukies. Und wenn irgendjemand weiß, dass es hier nicht nur um die Entscheidung von Vorständen geht, sondern um eine politisch gewollte Fusion, dann ist es auch er.

Kukies darf das aber offenbar nicht sagen. So wie überhaupt von Berliner Spitzenpolitikern auf einmal erstaunlich wenig zu hören ist – und zwar genau seit Ankündigung der Fusionsgespräche am Sonntag, an deren Zustandekommen die Bundesregierung maßgeblich beteiligt war.

Die Kanzlerin? Erklärt die Sache zu einer "privatwirtschaftlichen" Angelegenheit.

Der Wirtschaftsminister? Möchte die Entscheidungen "den Betroffenen selbst" überlassen.

Der Finanzminister? Erwähnt die Fusion nicht einmal, als er am Montagnachmittag in Berlin eine Rede hält.

Offenbar hat die Regierung erkannt: Ihr Fusionswunsch kann politisch teuer werden

So viel Zurückhaltung und geradezu lehrbuchgemäßes Vertrauen in den Markt ist neu in der Sache. Bislang war es ganz anders. Olaf Scholz war kaum im Amt, als er im vergangenen Jahr verkündete, Deutschland brauche ein "starkes, weltweit agierendes Geldinstitut", um international mithalten zu können. Er sprach sich mehrfach für eine "Industriepolitik" auch für Banken aus. Und Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat die Deutsche Bank in seinem nur wenige Wochen jungen industriepolitischen Grundsatzpapier sogar explizit als schützenswerten nationalen "Champion" erwähnt.

Woher kommt die plötzliche Zurückhaltung?

Offenbar haben die Minister erkannt, dass unangenehme politische Konsequenzen haben kann, was sie da seit Monaten vorantreiben. Denn schon gibt es laute Gegenwehr: wegen der Arbeitsplätze, die verloren gehen würden; wegen möglicher Kosten, auch für den Staat als Anteilseigner der Commerzbank. Und dann ist da noch die Systemfrage: Ist eine größere Bank nicht auch eine Gefahr für den Staat? Schließlich kann sie ihn im Krisenfall leichter zwingen, sie zu retten. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie erpressbar die Politik dann ist – und genau das wollte sie danach unterbinden.

Die Lage der Banken in Deutschland ist nicht gut

Doch nun geht die Fusion voran. In den Banktürmen trifft man sich seit Sonntag täglich – in kleinem Kreis, schließlich soll nicht zu viel an die Öffentlichkeit dringen bei diesen jetzt ungewöhnlich öffentlichen Verhandlungen. Trotzdem ist längst nicht mehr nur der Vorstand dabei. Jetzt braucht es Fachleute, um Knackpunkte zu identifizieren, Zahlenwerke zu wälzen. Schon in zwei bis drei Wochen – idealerweise aber vor der Europawahl – soll die Entscheidung fallen, ob die Sache ernst wird und beide Seiten sich gegenseitig die Bücher zeigen.

Dass die Gespräche vorangehen, obwohl keiner der Beteiligten richtig von der Sache überzeugt scheint, hat einen Grund: Die Lage der Banken in Deutschland ist nicht gut. Wenn man bedenkt, dass es der deutschen Wirtschaft zuletzt jahrelang bestens ging, was normalerweise auf die Banken abfärbt, dann ist die Lage sogar miserabel. Das lässt sich am Aktienkurs von Commerzbank und Deutscher Bank ablesen. Der Kurs der Commerzbank ist im Vergleich zum Stand vor fünf Jahren um 42 Prozent gefallen, derjenige der Deutschen Bank sogar um 71 Prozent. Und das, obwohl die Fusionsgespräche die Kurse zuletzt steigen ließen. Die Anleger haben offenbar nicht mehr viel Hoffnung, dass diese Banken bald wieder richtig Geld verdienen.

Die Deutsche Bank hat ihre Probleme lange Zeit nicht gelöst

Wenig überraschend, dass Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing lieber etwas gewartet und die Bank gestärkt hätte, bevor er eine Fusion beginnt. Aus einer Position der Stärke wäre es leichter, bei den Verhandlungen mit der Commerzbank die Oberhand zu behalten. Stattdessen aber wurde ihm die Fusion von Berlin in einem Moment größter Schwäche auf dem Silbertablett präsentiert. Ende 2018 schlug eine Großdurchsuchung durch die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts der Geldwäsche hohe Wellen. Kurz sah es so aus, als hätte die Politik die Bank aufgegeben, ihre Finanzierungskosten stiegen enorm. Selbst ein stolzer Bankchef begrüßt in so einer Lage die Unterstützung des Finanzministers und schlägt Fusionsideen nicht einfach in den Wind.

Dass man ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt loslegte, zeigt: Die Fusion ist keine Traumhochzeit, kein Superdeal mit dem Ziel, einen Champion zu kreieren. Sie ist eher der Versuch, die deutsche Bankenwelt irgendwie zu retten. Banker und Politiker wollen die Fehler, die sie vor und in der Finanzkrise machten, nachträglich korrigieren.

Martin Hellwig kann die Fehler von damals gut erklären. Der Bankenexperte und emeritierte Direktor des Bonner Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern blickt dafür bis in die Neunzigerjahre zurück. Damals begann ein Strukturwandel in der Bankenbranche: Mehr Wettbewerb und sinkende Zinsen machten den Geldhäusern zu schaffen. Sie reagierten sehr unterschiedlich darauf. "Die Deutsche Bank hat sich in das Investmentbanking eingekauft, um dem Strukturwandel in den Märkten zu begegnen", sagt Hellwig. "Dabei hat sie sich von den Investmentbankern ausplündern lassen." Die Investmentbanker sorgten zunächst für glänzende Gewinne und goldene Jahre unter dem langjährigen Vorstandschef Josef Ackermann. Doch sie waren auch schuld daran, dass die Deutsche Bank in der Finanzkrise nicht nur dabei war, sondern mittendrin. Sie finanzierte sogar die Immobiliengeschäfte von Donald Trump, als alle anderen Banken einen Bogen um ihn machten.

Wirklich erheblich war aber, was dann folgte. Zum einen brach in der Bank mit Heftigkeit der Krieg zwischen den Investmentbankern und dem deutschen Kern über die Macht im Haus neu aus. Er wurde nicht recht entschieden, trug stattdessen zu diversen Chefwechseln bei. Der aktuelle Chef Christian Sewing hat das Investmentbanking zwar gestutzt. Doch bis heute versteht niemand genau, wer die Oberhand hat. Zum anderen hat die Politik Fehler gemacht. Insbesondere wenn es um die Deutsche Bank ging, war die Regierung in der Krise arg vorsichtig und übermäßig respektvoll. Man zwang die Bank nicht für eine Zeit unter staatliche Fuchtel, wie es etwa die Amerikaner mit großen Instituten machten. Man hätte sie auf diese Weise ordentlich durchrütteln können samt Boni-Kürzungen und schonungsloser Aufklärung. Stattdessen ließ man sie stolz die Staatshilfe ausschlagen – und weiterwurschteln. Dabei hätte die Bank ohne die Einlagengarantie der Bundesregierung und die Rettung anderer Banken nicht überlebt. So hat die Bank Risiken jahrelang verschleppt und versteckt, musste eine Strafe nach der anderen zahlen, manchmal kam Pech hinzu. Immer wenn die Banker dachten, jetzt gehe es nicht mehr schlimmer, kam es noch schlimmer. Die Politik aber hielt sich fern.

Solide Banken sind wichtiger als bombastische

Erst jetzt, zehn Jahre nach der Finanzkrise, gibt es Einsicht auf beiden Seiten: in der Politik und in der Bank. Erst jetzt nähern sie sich an, wollen Fehler korrigieren. Dummerweise könnte dabei der nächste Fehler passieren. Denn die geplante Fusion wird entweder teuer für den Staat, oder sie wird die Banken eben nicht sicherer machen, ist zumindest Bankenexperte Hellwig überzeugt.

Zwar ist so eine Fusion möglich. Sie wird aber keinen Champion zaubern aus zwei älteren, gebrechlichen Sportsfreunden, die, während sie dahinwatscheln, vom Sprinten nur noch träumen. Ein seltsamer Champion wäre das. Dazu könnte er sogar gefährlich sein, glaubt Hellwig: "Wir können uns keine Banken leisten, die wir nicht ohne großen Schaden für das Finanzsystem abwickeln können", sagt er. Ein wirklicher Champion, der nicht nur groß, sondern auch stark ist, könnte – so fürchten viele Experten – wohl nur entstehen, wenn der Steuerzahler nachhilft, Garantien gibt, Kosten trägt. Die Bank würde Geld verdienen, aber im Krisenfall müsste der Steuerzahler für eine umso größere Summe haften. Kaum vorstellbar, dass Scholz sich damit bei Wählern beliebt macht.

Der Finanzminister hat wohl auch deshalb mittlerweile einen öffentlichen Rückzug hingelegt. Die Entscheidung, ob fusioniert wird, wolle er nicht treffen, heißt es scheinbar heldenhaft zurückhaltend in seinem Umfeld. Aber er wolle eine Fusion unterstützen, sofern sich die Bankenchefs dafür aussprechen, heißt es weiter.

Er hat dafür noch ein weiteres Motiv jenseits der Fehlerkorrektur: Er will, dass die großen deutschen Banken deutsch bleiben, angesichts der Renationalisierung der Welt. Nach Ansicht von Scholz wäre es riskant, wenn sich Deutschland in dieser Lage auf ausländische Großbanken verlassen müsste.

Den Bankenexperten Hellwig kann er damit nicht überzeugen. "Stellen Sie sich vor, E.on würde erklären: Wir wollen ein globaler Champion in der Stromwirtschaft werden, dazu brauchen wir Atomenergie und das auf dem Sicherheitsstandard von Bratislava", sagt er. "Unsere Gesellschaft würde sagen: So einen Champion brauchen wir nicht!" Ebenso sei es bei den Banken. Sicherheit geht Hellwig vor Größe. Solide Banken sind ihm wichtiger als bombastische und globale.

Für den Finanzminister kommt diese Erkenntnis zu spät. Die Gespräche laufen. Und sollte die Sache schiefgehen, wird es ihm wenig nützen, dass er nun in Deckung geht. Auf der Suche nach Verantwortlichen für den Schlamassel wird man vor allem einen finden: Olaf Scholz.