Wenn alle dasselbe sagen, dann lohnt sich manchmal ein zweiter Blick. Das gilt auch für den geplanten Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank. Der ist ungefähr so populär wie drei Wochen Regen im August. Die Grünen warnen vor einem "instabilen Megakonstrukt", der FDP graut vor einer "Staatsbank", die Gewerkschaften befürchten den Verlust von Arbeitsplätzen, und einige Wirtschaftswissenschaftler fragen entsetzt, ob denn die Bundesregierung aus den teuren Rettungsaktionen für die Banken während der internationalen Finanzkrise überhaupt nichts gelernt habe.

Die Frage ist berechtigt, aber sie übersieht einen entscheidenden Punkt. Bei dieser Fusion geht es um weit mehr als um Finanzen. Sie ist Teil einer ökonomischen Überlebensstrategie in einer Welt, in der nichts mehr sicher ist.

Denn es ist ja so: Die Deutschen bauen tolle Autos und wunderbare Maschinen, aber mit den Banken ging zuletzt fast alles schief. Die Deutsche Bank und die Commerzbank sind die beiden letzten Privatinstitute von internationalem Gewicht – und selbst sie sind nach diversen Skandalen und Fehlspekulationen in einem so beklagenswerten Zustand, dass sie wahrscheinlich früher oder später von einem ausländischen Kreditinstitut geschluckt werden würden. Die viertgrößte Industrienation der Welt hätte dann keine eigenständige große Bank mehr.

Und wenn schon, sagen die Gegner der Fusion. Es gibt schließlich auf der Welt genug große Banken – in den USA, in Frankreich, in Italien. Warum also sollten sich deutsche Konzerne ihre Großprojekte nicht von amerikanischen, französischen oder italienischen Banken finanzieren lassen? So wie die Amerikaner, die Franzosen und die Italiener deutsche Autos kaufen?

Was ist, wenn eine amerikanische Bank Volkswagen den Kredit sperrt?

Vor fünf oder zehn Jahren wäre das tatsächlich ein überzeugendes Argument gewesen, heute ist es das nicht mehr. Es setzt nämlich voraus, dass die Staaten der westlichen Welt einander im Prinzip wohlgesinnt sind. Das allerdings ist nach den Umwälzungen der jüngeren Vergangenheit keine Selbstverständlichkeit mehr. Konkret: Was ist, wenn eine amerikanische Bank Volkswagen den Kredit sperrt, weil Donald Trump etwas gegen Autos aus Wolfsburg hat? Wenn in Frankreich doch noch Marine Le Pen an die Macht kommt und Italien die Währungsunion verlässt?

Der Streit um das Atomabkommen mit dem Iran zeigt doch, in welchem Maße heute schon mit Banken Politik gemacht wird. Denn nachdem die amerikanische Regierung deutschen Kreditinstituten mit Sanktionen gedroht hat, mussten diese sich aus dem Land zurückziehen – und mit ihnen die deutschen Unternehmen, denen plötzlich die Finanzierungskanäle fehlten. Man kann sich leicht ausmalen, was geschehen würde, wenn Deutschland nicht einmal mehr über eine eigene Großbank verfügte: Die deutsche Wirtschaft würde zum Spielball der strategischen Ambitionen fremder Mächte.

Nun wäre es keine gute Idee, als Reaktion auf Trump selbst den Trump zu geben. Aber die veränderte Weltlage einfach zu ignorieren wäre auch keine Lösung. Es ist deshalb durchaus ratsam, ein wenig genauer hinzuschauen, wenn ein chinesischer Technologiekonzern deutsche Mobilfunkmasten nachrüsten will, wenn deutsche Stromnetze zum Verkauf stehen – oder wenn die Zukunft der größten Bank verhandelt wird.

Das bedeutet: keine staatliche Zwangsfusion, denn das geht selten gut – aber eine engagierte staatliche Begleitung der Verhandlungen. Und wenn die Regierung zum Beispiel durch vereinfachte Genehmigungsverfahren den einen oder anderen Stein aus dem Weg räumt, dann schadet das sicher nicht. Das Bundesverfassungsgericht hat den Begriff der wehrhaften Demokratie geprägt. Es wollte damit zum Ausdruck bringen, dass eine Demokratie in der Lage sein muss, sich gegen ihre Feinde zur Wehr zu setzen. In diesem Sinne geht es nicht um Staatskapitalismus, sondern um eine wehrhafte Marktwirtschaft.

Womit wir beim letzten Punkt wären: Ist das alles nicht wahnsinnig riskant? Natürlich ist es das. Aber so wie bisher kann es auch nicht weitergehen. Ein Zusammenschluss wäre vielleicht die Gelegenheit, bei den beiden Banken endlich einmal aufzuräumen. Wenn das gelänge, dann könnte die Gefahr, dass sie mit Steuergeldern gerettet werden müssen, sinken – und nicht steigen. Die fusionierte Bank wäre übrigens immer noch kleiner als die zweitgrößte französische Bank. Und das trauen wir uns nicht zu?