Gut möglich, dass sich im Posteingang des amerikanischen Flugzeugherstellers Boeing bald die Rechnungen sammeln werden – so wie jetzt schon die Flugzeuge in den Hangars. Nach dem Absturz einer Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines am Sonntag vergangener Woche dürfen Maschinen dieses Typs fast nirgendwo mehr auf der Welt abheben.

Zuerst sperrte die chinesische Flugaufsicht vorläufig den Luftraum für die Boeing 737 Max, später folgten die Europäer, schließlich empfahl das Unternehmen selbst, die Maschine am Boden zu lassen, und auch die US-Luftfahrtbehörde legte einen entsprechenden Erlass vor.

Das Grounding könnte den Konzern nach Ansicht von Branchenbeobachtern mehr als eine Milliarde Dollar kosten, weil die Airlines nun Flugzeuge chartern müssen, um die ausfallenden Maschinen zu ersetzen. "Das werden sie Boeing in Rechnung stellen", sagt Richard Aboulafia vom amerikanischen Analyse-Unternehmen Teal Group. Es könne auch noch teurer kommen, je nachdem, wie lange die Jets am Boden bleiben müssen. Ehe die Behörden darüber entscheiden, ob die 737 Max wieder abheben darf, wollen sie wissen, was zu dem Absturz in Äthiopien geführt hat – und was mit der Bordtechnik möglicherweise nicht stimmt.

Bereits Ende Oktober vergangenen Jahres war eine fabrikneue Boeing 737 Max der asiatischen Billiglinie Lion Air kurz nach dem Start bei Jakarta in Indonesien ins Meer gestürzt. Damals war das sogenannte Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS) mitverantwortlich für den Absturz. 189 Menschen kamen dabei ums Leben.

Der Absturz in Äthiopien, bei dem am Sonntag vergangener Woche 157 Menschen starben, wird gegenwärtig von der französischen Behörde für Flugunfälle untersucht. In den USA ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob die amerikanische Flugaufsichtsbehörde und Boeing geschlampt haben.

Die Zweifel an der technischen Reife des Jets belasten den Hersteller. Die 737 Max ist eines der bestverkauften Produkte von Boeing. Rund 5.000 Maschinen dieses Typs haben die Airlines bei dem Hersteller geordert, bis Ende Februar dieses Jahres hatte er 376 Maschinen ausgeliefert – und fast alle parken derzeit an irgendeinem Flughafen dieser Welt.

Die ausfallenden Maschinen müssen die Manager der Fluglinien nun eilig ersetzen. In Deutschland trifft es die Fluggesellschaft des Reisekonzerns TUI. Vier 737 Max hat sie bestellt, die erste, auf den Namen Mallorca getaufte Maschine sollte am 13. April zum ersten Mal nach Las Palmas fliegen. Stattdessen steht sie nun fertig lackiert in Seattle bei Boeing.

Bei TUI jedoch gibt man sich gelassen. Man werde jene älteren Flugzeuge, die durch die 737 Max ersetzt werden sollten, einfach länger fliegen und bestehende Verträge verlängern. "Zu mehreren Leasingpartnern haben wir langfristige Beziehungen, und daher gibt es grundsätzlich keine Probleme, die notwendigen Kapazitäten zu akquirieren", sagt Marek Andryszak, Vorsitzender der Geschäftsführung von TUI Deutschland.