Alle mal sauber machen

Was hatte Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, zu Beginn der Frühjahrsvollversammlung in Lingen nicht alles versprochen: eine "Reinigung" der Kirche, ein neues Konzept für den Umgang mit Missbrauchsfällen einschließlich einheitlicher Vorgaben für Anerkennungszahlungen an die Opfer, eine offene Diskussion über die katholische Sexualmoral, den Klerikalismus, sogar den Zölibat. "Wir sehen und hören Sie", hatte Marx sich beinahe flehentlich an all jene gewandt, die von der Kirche Veränderung und Reformen erwarten – die überhaupt noch etwas erwarten von einer Institution, die sich seit Monaten in Selbstauflösung zu befinden scheint. "Ich sage Ihnen aufrichtig", so Marx: "Wir haben verstanden."

Nach der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz jedoch muss das mit dem Verständnis ernsthaft bezweifelt werden. Zwar einigten sich die Bischöfe auf einen "verbindlichen synodalen Weg" zur Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche. Doch wie dieser Weg aussehen soll, wer ihn beschreiten darf und wie er sich von dem "Gesprächsprozess" unterscheidet, den Marx’ Amtsvoränger Robert Zollitsch nach den Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg im Jahr 2011 ins Leben gerufen hatte, ist unklar. Allein die komplizierte und kirchenrechtlich verschwurbelte Bezeichnung zeigt, wie umstritten und unbeliebt der "Weg" in Teilen der Bischofskonferenz ist.

Bereits vor einigen Wochen hatte, wie Christ&Welt berichtete, eine Gruppe um den Mainzer Bischof Peter Kohlgraf und den Passauer Stefan Oster einen ähnlichen Vorschlag im Ständigen Rat der Bischofskonferenz zur Diskussion gestellt. Der Vorschlag scheiterte damals am Widerstand einiger Bischöfe, darunter angeblich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer. "Ich glaube", sagte Kohlgraf rückblickend im Christ&Welt-Interview, "dass der Begriff 'Synode' einfach ein wenig zu groß für manche war." Kurz darauf distanzierte sich sogar Bischof Oster aus Passau in der Tagespost von seinem eigenen Vorschlag: Es habe sich lediglich um eine "Tischvorlage" gehandelt, nicht der Rede wert. Was ist zwischen damals und heute geschehen? Welche magische Kraft machte eine "Tischvorlage" zum wichtigsten Reformvorhaben der deutschen Bischöfe in Sachen Missbrauch?

Einige Indizien gibt es. So verständigten sich die Bischöfe in Lingen erst in allerletzter Minute auf den "synodalen Weg". Das spricht dafür: Die Bischöfe standen unter Druck. Wahrscheinlich glaubten sie, liefern zu müssen – egal was. Denn dass sie zum Abschluss der Vollversammlung weder das vorab versprochene neue Missbrauchskonzept noch die Vereinheitlichung der je nach Bistum unterschiedlichen gehandhabten Anerkennungsleistungen präsentieren konnten, war spätestens nach einem Pressegespräch mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann, dem Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz, am Mittwoch vor der Abschlusspressekonferenz klar. Da saß Bischof Ackermann, fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut und musste präsentieren, was man selbst mit viel Wohlwollen höchstens als Ankündigung eines Reförmchens bezeichnen kann.

Zuvor hatten sich die deutschen Bischöfe lediglich darauf geeinigt, zusammen mit Johannes-Wilhelm Rörig, dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, einen Leitfaden für die unabhängige Aufarbeitung in den Diözesen zu erstellen. Statt eines konkreten Entschädigungsmodells gab es nichts weiter als den frommen Wunsch, ein Gutachten in Auftrag zu geben. Es soll nun die kirchlichen Anerkennungszahlungen überprüfen. Das konkreteste Ergebnis des Pressegesprächs war da noch das Versprechen Ackermanns, allgemeingültige Standards für die Führung von Personalakten zu erstellen. Wann sie kommen, wie sie aussehen: unklar.

Diese reichlich mageren Ergebnisse der internen Beratungen sind, das wissen die meisten Bischöfe wohl, nicht in der Lage, die Kritiker aus Politik und Gesellschaft sowie die Laien- und Opferverbände zu befrieden. Seit der Vorstellung der von der DBK in Auftrag gegebenen MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch beim letzten Treffen der Bischöfe in Fulda reißen die Forderungen nach Reformen nicht ab.

Und dann gab es im Vorfeld der Vollversammlung auch noch aus Rom Gegenwind in Orkanstärke. Papst Franziskus hatte Ende Februar alle Vorsitzenden der weltweiten katholischen Bischofskonferenzen nach Rom geladen zu einer, wie es hieß, "synodalen Veranstaltung" zum Thema Missbrauch. So wollte der Papst der Welt demonstrieren: Die katholische Kirche nimmt die Opfer ernst. Unglücklicherweise waren Opfervertreter zu Konferenz nicht geladen.

Die Verwaltung des Stillstands im katholischen Klerikalismus

Zusätzlich verließ Papst Franziskus im vielleicht wichtigsten Moment seines Pontifikats das rhetorische Feingefühl. In einer weithin rezipierten wie kritisierten Rede verglich er den sexuellen Missbrauch von Kindern mit rituellen Menschenopfern und relativierte die Verantwortung der Institution Kirche, indem er lang und breit über den Teufel, andere schuldig gewordene Institutionen sowie den internationalen Sextourismus sprach. Konkrete Reformen: Fehlanzeige! Selbst der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing, der im Auftrag der deutschen Bischöfe die MHG-Studie erstellt hatte, kritisierte daraufhin, dass den vollmundigen Ankündigungen des Papstes "eigentlich nichts gefolgt" sei.

Dasselbe gilt nun für die vollmundigen Ankündigungen von Reinhard Kardinal Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.

Dass Marx und einige andere Bischöfe durchaus den Ernst der Lage erkannt haben und ihre Kirche verändern wollen, ist dabei möglich, sogar wahrscheinlich. So stellte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode bereits im Januar ein Antimissbrauchskonzept für sein Bistum vor. Darin enthalten: Gehaltskürzungen für Missbrauchstäter. Sein Mitbruder Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart, forderte kurz darauf sogar einen unabhängigen Gerichtshof für alle deutschen Bistümer. Gute Idee eigentlich, nur griff sie in Lingen keiner auf.

Das Problem dabei war nicht der gute Wille Einzelner, sondern die Renitenz der Entschlossenen. Ein, zwei Bremser reichen nämlich aus, um die Bischofskonferenz lahmzulegen und ihren Vorsitzenden mit seinen Versprechungen wie einen Schwätzer wirken zu lassen vor der Welt. Der Grund dafür ist simpel: In der katholischen Kirche kann ein Bischof – und sei es der Vorsitzende der Bischofskonferenz – einem anderen Bischof nicht vorschreiben, was der in seinem Bistum zu tun oder zu lassen hat. Nur der Papst kann das, und der ist weit weg und meist beschäftigt.

Hierarchie und Anarchie gehen so in der Kirche Hand in Hand, bedingen sich, durchdringen sich und zwingen zu einer Einigkeit, die in kontroversen Fragen oft nicht herzustellen ist. Das Ergebnis ist der kleinste gemeinsame Nenner, die Ankündigung eines Gutachtens hier, ein Arbeitsgrüppchen dort. Kurz: die Verwaltung des Stillstands im katholischen Klerikalismus.

Und damit nicht auffällt, dass man handlungs-, weil beschlussunfähig ist, versucht man mit dem größtmöglichen rhetorischen Aufwand die prinzipielle Reformwilligkeit zu bekunden. So gewinnt man Zeit, vertröstet die Ungeduldigen und Enttäuschten und schreibt einen ungedeckten Reform-Scheck nach dem anderen aus. In höchster Not kann man sich mit einem gut platzierten Ablenkungsmanöver zusätzlich Luft verschaffen. Etwa indem man sich selbst, wie in Lingen geschehen, in der Verwaltung eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent verschreibt. Quoten sind ja gerade modern und klingen nach Reformbereitschaft. Sklavisch daran halten muss man sich als Bischof nicht, wenn man nicht mag.

Außerdem tut die Ankündigung einer Quote den mächtigen Männern nicht mal in der Theorie wirklich weh. Frauen bleiben ja weiterhin von der Priester- und Bischofsweihe ausgeschlossen. Wem’s nicht gefällt, der soll bitte bei Johannes Paul II. nachschlagen. Der hat in den Augen der selbst ernannten Reform-Bischöfe schließlich alles Nötige dazu gesagt: Geht nicht, gibt’s nicht! Doch während Bischöfe wie Dyba oder Meisner früher dieses "Gibt’s nicht!" ohne den Anflug eines Selbstzweifels wie eine Monstranz vor sich hertrugen, schüttelt der moderne Bischof von heute nur traurig den Kopf und bedauert. Dann spricht er von Scham, entschuldigt sich im Namen der Kirche für die eigene Macht- und Ahnungslosigkeit und verspricht weiter die Reinigung der Kirche. Die komme sicher, heißt es dann gerne, ja sie habe bereits begonnen, sei überhaupt nicht mehr aufzuhalten. Woher die Bischöfe von heute das wissen? Ist doch klar: "Wir haben verstanden."

So wird das Großreinemachen im Katholizismus zur unendlichen Geschichte – und zur Übung in Demut für alle, die den Glauben ans Reförmchen noch nicht verloren haben. Bis sie ihn schließlich doch verlieren.