Mit der Digitalisierung ist es wie beim Surfen: Wer die Welle reitet, hat eine gute Zeit, wird beneidet und bestaunt; wer von ihr überspült wird, muss sehen, wie er nach einem solchen Wipe-out nass und japsend wieder an die Wasseroberfläche und auf die Beine kommt. Und während im wilden Ozean der Wind und die Strömung, das Brett oder das Wachs als Erklärung herhalten müssen, wenn ein Turn schiefgeht, so kennen auch Unternehmer eine Vielzahl von Gründen für ihren Wipe-out in der Digitalisierungswelle: Zu viele schlecht qualifizierte Mitarbeiter, zu wenig Geld für Investitionen, der lästige Datenschutz oder auch der Wettbewerbsdruck der sogenannten GAFAs – Google, Amazon, Facebook und Apple. Kurzum: Schuld sind meistens die anderen.

Doch das ist womöglich nur die halbe Wahrheit: Oft mangelt es offenbar auch den Chefs selbst an notwendigen Erfahrungen, um die Digitalisierung zu meistern. Das zeigt eine aktuelle Studie der Managementforscher Julian Kawohl und Jonas Wieland von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, die in Kürze veröffentlicht wird und der ZEIT vorab vorliegt.

Kawohl und Wieland haben dafür die Lebensläufe fast aller Geschäftsführer der 80 größten deutschen Mittelständler untersucht, darunter Unternehmen wie Rewe, Bosch, Heraeus und Boehringer Ingelheim. Die Methode hat ihre Schwächen, weil sie nur Positionen auswertet und nicht berücksichtigt, dass Unternehmer sich auch weiterbilden oder in einzelnen Projekten Erfahrungen sammeln können. Dafür zeichnet die Methode ein Bild, das ziemlich eindeutig ist: Nur 22 der 285 betrachteten mittelständischen Geschäftsführer, also gerade mal acht Prozent, verfügen laut der Studie über nennenswerte Erfahrung mit der Digitalisierung, haben also ausweislich ihrer Lebensläufe zum Beispiel schon in einem Digitalunternehmen oder in einer Entwicklungsabteilung gearbeitet oder sich in einem Digitalverband engagiert.

Auch den Chefs der großen Unternehmen fehlt es an Erfahrung

Anders gesagt: 64 der 80 größten mittelständischen Unternehmen mangelt es in den Führungsetagen an Digitalerfahrung. Zu den Ausnahmen zählen zum Beispiel die Drogeriekette dm, der Autozulieferer Bosch und der Werkzeugmaschinen-Hersteller Trumpf.

Schwacher Trost für die Mittelständler: Die Digitalerfahrung ihrer Chefs ist ähnlich lückenhaft wie bei den Managern jener Konzerne, die in den Aktienindizes Dax und MDax gelistet sind. Auch in deren Vorstandsetagen liegt die Quote der digital Unerfahrenen laut einer älteren Studie von Kawohl bei 92 Prozent.

Schuld an der Misere ist aus Sicht des Forschers, dass viele Geschäftsführer in mittelständischen Unternehmen Eigengewächse sind, die nur das eine Unternehmen von innen gesehen haben, das sie derzeit leiten. Zudem seien die Chefs im Schnitt schon 54 Jahre alt, wurden also in Zeiten ausgebildet, in denen das Internet noch keine wichtige Rolle spielte; überhaupt seien nur etwa zwei Prozent von ihnen jünger als 40 Jahre, also mit der Digitalisierung aufgewachsen.

Digitale Talente einstellen

Was tun? Die Forscher raten den Unternehmen dazu, ihre Führungsteams zu verjüngen. Sie sollten gezielt "digitale Talente" einstellen, die sich beispielsweise in Digital-Start-ups bewährt haben, oder gleich solche jungen Unternehmen aufkaufen und deren Gründerteams in die Geschäftsführung holen. Kawohl und Wieland schlagen vor, dass Geschäftsführer Praktika in Digitalunternehmen absolvieren. Die Firmen sollten außerdem Beiräte aufbauen, in denen Digitalexperten sitzen. Und auch familiengeführte Unternehmen sollen nach Ansicht der Forscher den Mut aufbringen, externe Geschäftsführer mit Digitalerfahrung anzuheuern. Nur eins ist keine Option: sich ängstlich wegducken, in der Hoffnung, dass man damit irgendwie durchkommt.