Dieser Skandal hat in den USA einen Nerv getroffen: Reiche Bürger haben ihren Kindern Studienplätze an Elite-Colleges verschafft, durch Bestechung und gefälschte Prüfungsergebnisse. Ein Vater legte rund 1,2 Millionen Dollar auf den Tisch, um seine Tochter auf die Yale University zu bringen. Insgesamt flossen von den nun aufgeflogenen 50 Beschuldigten 25 Millionen Dollar, so die Ermittler des FBI. Damit wurden unter anderem offizielle Prüfer bestochen, um die Testnoten der Kinder aufzupolieren. Auch Trainer der College-Sportteams wie Yales Frauenfußball-Trainer und Stanfords Segel-Coach erhielten Hunderttausende Dollar. Weil sportlicher Erfolg für den Ruf der Universitäten so wichtig ist, gibt es Plätze für herausragende Sportler, unabhängig von ihren schulischen Leistungen. Die Eltern der angeblichen Supertalente gingen sogar so weit, Fotos von echten Sportlern zu manipulieren, sodass darauf die Gesichter ihrer Kinder zu sehen waren.

Seit dies nun bekannt wurde, sind die sozialen Medien voll mit bissigen Kommentaren. Allein am vergangenen Wochenende veröffentlichte die New York Times sechs Artikel zum Thema. Und im Fernsehen ziehen Comedians allabendlich über die Unternehmer und Hollywoodstars her, die akademische Weihen kaufen wollten wie eine Jacht.

Die Aufregung ist auch deshalb so groß, weil der Skandal ein amerikanisches Versprechen zum Teil als Illusion entlarvt hat. Bildung gilt in dem Land, in dem die soziale Ungleichheit seit Jahren extremer wird, als eine Möglichkeit, dank der eigenen Leistung erfolgreich zu sein. Während die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Amerikaner ohne College-Abschluss immer geringer geworden sind, garantiert der Besuch einer der sogenannten Ivy-League-Universitäten – zu den acht Elite-Instituten gehören Harvard, Princeton und Yale – den Zugang zu den Top-Jobs in fast jeder Branche. Entsprechend begehrt sind die Studienplätze.

Dabei konkurrieren die einheimischen Bewerber auch mit ausländischen Studenten. Für die privaten Hochschulen sind diese nämlich eine lukrative Einnahmequelle. Nach wie vor ist die Mehrheit der Ivy-League-Studenten zwar weiß und wohlhabend. Doch die Institutionen stehen zunehmend unter Druck, sich für Minderheiten und die Kinder von Geringverdienern zu öffnen. Das hat die ohnehin schon harte Konkurrenz verschärft. In Harvard etwa gab es im vergangenen Studienjahr für die rund 2.000 Studienplätze 42.749 Bewerber.

Was für Eltern und ihre Kinder Stress bedeutet, ist für andere ein wachsender Markt. Es gibt inzwischen sogar das Berufsbild des College-Aufnahme-Beraters. Solche Berater versprechen, ihre Kunden so fit zu machen, dass sie es trotz aller Hürden auf die Wunsch-Uni schaffen. Die Palette der Angebote reicht vom Beratungsgespräch für 300 Dollar bis zur jahrelangen Vorbereitung, die 100.000 Dollar und mehr kosten kann. Firmen wie die New Yorker Agentur IvyWise werben mit ehemaligen Klienten, die sich auf der Website für die erfolgreiche "Aufnahme beim MIT" bedanken.

William Rick Singer, der Drahtzieher des nun aufgeflogenen Betruges, hatte den Bedarf schon in den Neunzigerjahren erkannt. Er gründete die Beratungsfirma College Source in Kalifornien. Als ehemaliger Highschool-Basketballtrainer kannte er sich mit den Aufnahmeverfahren für Sportler aus. Irgendwann wurde aus dem legalen Hilfsangebot für Eltern eine kriminelle Organisation. Er habe seinen Kunden eine "Seitentür" in die begehrten Institutionen geöffnet, verteidigte er seine Machenschaften gegenüber den Strafverfolgern.

Für die Eltern mag das als Rechtfertigung genügt haben. Schließlich nutzten reiche Amerikaner schon immer ihr Vermögen, um den Weg für ihre Kinder zu ebnen. So spendete Charlie Kushner 1998 der Harvard University 2,5 Millionen Dollar. Später studierte sein Sohn Jared, heute Schwiegersohn von Präsident Donald Trump, dort. Die Kushners bestreiten einen Zusammenhang zwischen der Spende und dem Studienplatz. Heute würden 2,5 Millionen Dollar kaum noch ausreichen. Nicht einmal eine Zehn-Millionen-Spende, so fand die New York Times heraus, garantiere derzeit noch die Aufnahme. So könnte Singers illegales Angebot für die Eltern wie ein günstiger Deal ausgesehen haben.