Im Kapitalismus, der dem Geld alles unterordnet, ist auch die Sprache nur eine Ware, die sich auf dem Markt behaupten muss. Im Kommunismus hingegen ist die Sprache das alles beherrschende Medium. Durch sie wurde die Herrschaft der Politik über die Herrschaft der Ökonomie durchgesetzt. Die grausamen Philosophenstaaten des Ostens – allesamt Kopfgeburten, es gab so gut wie keinen Parteienführer ohne dialektisches Werk – bewachten die Sprache ihrer Bürger akribisch. Jeder Satz war von Gewicht, ganz anders als im Westen, wo zwar die Freiheit des Wortes gewährleistet war, aber um den Preis weitgehender Machtlosigkeit von Literatur und Philosophie. Gerade weil die Sprache im Osten so potent war und es immer um die richtige, gültige, wahre Auslegung des Materialismus ging, wurde sie kontrolliert und verfolgt.

Diese linguistischen Überlegungen machte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks der Kunst- und Medientheoretiker Boris Groys. Sie erklären recht gut, weshalb viele Schriftsteller des Ostens die Segnungen der freien Welt, in die sie geraten waren, in der Regel keineswegs zu feiern bereit waren. Während zuvor eine Minimalabweichung von der Doktrin in einem Roman zum bebenden Staatsskandal führen konnte, war jetzt zwar fast alles sagbar, aber es verpuffte ziemlich wirkungslos. Nichts machte ihnen die Machtlosigkeit ihrer Sprache klarer als die Tatsache, dass sich die neuen Machthaber nicht mehr um sie scherten. Man kann im Westen die kapitalistische Ausbeutung in einem Roman beklagen und erhält von den Amtsträgern des Systems zum Hohn noch einen schönen und belanglosen Preis in die Hand gedrückt – statt, wie es doch folgerichtig wäre, zumindest argwöhnisch beäugt zu werden. Es gab Schriftsteller wie Heiner Müller, als Zyniker unbestechlich, die lebhaft beklagten, dass sie zum Schreiben den Systemkonflikt, die Unterdrückung benötigten, die ihnen der Westen frech vorenthielt. Das Ausmaß des staatlichen Widerstands gegen ein Werk zeigt seinen gesellschaftlichen Wert an.

Nun hat Christoph Hein, einer der bedeutendsten Schriftsteller des untergegangenen Ostens, ein dünnes, wunderbar lakonisches Buch mit Lebenserinnerungen veröffentlicht. Es handelt sich um 28 Anekdoten, die genregemäß mit wenig Schmuck um deutsch-deutsche Pointen kreisen. Jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall wirkt es während der Lektüre regelrecht kurios, dass es noch vor Kurzem einen deutschen Staat gegeben haben soll, der nicht etwa nur aufrührerische Pamphlete, sondern bereits die schöne Literatur fürchtete und ihr damit eine Bedeutsamkeit zusprach, die sie heute nicht im Ansatz hat.

Beständig geht es dem Schriftsteller Hein darum, einen bedenklichen Roman, einen bedenklichen Vortrag gegen den Widerstand der Zensur an die Zuhörer oder Leser zu bringen. Derartige Veröffentlichungsstrategien entfalten wie von selbst humoristische Kraft. Zu einem Höhepunkt des Bandes zählt die Anekdote "Absicherung der Linie Schriftsteller". Sie handelt von Heins berühmtem Vortrag während des zehnten Kongresses des Schriftstellerverbandes der DDR, auf dem er die Zensur im Sozialismus beklagte. Er war nur möglich gewesen, weil Hein den Bitten der Sekretäre, das Manuskript vorab einzusehen, bloß unvollständig nachkam. Er ließ mitteilen, er werde die Rede weitgehend frei halten, und schickte lediglich harmlose Stichpunkte. So konnte er eine Stunde lang über die staatliche Literaturaufsicht referieren, über die Verhöhnung der Meinungsfreiheit im Sozialismus. Hein erzählt, wie gleich nach der Rede der Verbandspräsident Hermann Kant aufsprang und sagte: Er, Hein, habe die Verleger des ganzen Landes beleidigt, das könne er nicht zulassen! Aber er habe, erwiderte Hein ihm verwundert unter vier Augen, doch das genaue Gegenteil gesagt – woraufhin der Verbandspräsident auf sein Hörgerät klopfte: "Da hat mir dieses verfluchte Gerät einen Streich gespielt."

Der Präsident musste sich aus Selbstschutz verhört haben, um sich vor seinen Vorgesetzten verteidigen zu können. Er protestierte gegen etwas, das gar nicht gesagt worden war. Gegen den Vorwurf der Zensur hätte er auch schlecht protestieren können, denn das hätte die Berechtigung des Gesagten nur bestätigt. Im Philosophenstaat erschafft nun einmal die Sprache die Wirklichkeit (es formt sie nicht das Geld). Was nicht gesagt werden durfte, war eben nie gesagt worden. Die Zensur war aus der Sicht der Partei ja auch keine Zensur, sondern legitimes Hilfsmittel zur dialektischen Wahrheitsfindung. Wer etwas Neues zur eigentümlichen Logik der Sprache als totales Herrschaftsinstrument in der DDR wissen will, muss zu Heins Anekdotenband greifen.

Wer hingegen Allzumenschliches, Indiskretes oder Anrührendes erfahren möchte, wird von dem Buch enttäuscht sein. Christoph Heins biografisches Schreiben wahrt eine kühle, fast dokumentarische Distanz zu sich selbst. Das Geschehene wird seziert, nicht empathisch nachempfunden. Er erzählt von der Freundschaft zum Schriftstellerkollegen Thomas Brasch, die zerbrach, weil dessen Vater, ein hoher Kulturfunktionär der DDR, die beiden Autoren trickreich gegeneinander aufbrachte. Hein erzählt von Eisenacher Grenzoffizieren, die Mitte der Achtzigerjahre sein selten gespieltes staatskritisches Stück Cromwell sehen und ihm hinterher vertraulich und bewegt erklären, dass ihr Dienst an der Waffe sinnlos und dieser Staat nicht der Verteidigung wert sei. Hein berichtet von illegal gedruckten Büchern und von Verlegern, die bis zum Äußersten gingen, um sich gegen die Zensur durchzusetzen. Immer wieder geht es um den fintenreichen Kleinkrieg, etwas zu veröffentlichen, das nicht der sozialistisch behaupteten Wahrheit entsprach, um Spionage und um Gegenspionage, um das beständige, manisch betriebene Ringen um das Wort.

Die Entwertung der Sprache setzte gleich nach 1989 an. Dass nicht mehr um sie erbittert gestritten wurde, sondern um das Geld, machte Hein ziemlich zu schaffen. Er war für eine Weile als Intendant des Deutschen Theaters in Berlin im Gespräch und verhandelte erfolglos um einen ordentlichen Etat. Das Gerangel um Posten, Fördertöpfe und Haushaltsentwürfe hat doch etwas weniger Glanz als das Aufbäumen im Kampf gegen die Zensur. Der neue Staat kennt eben keine Helden mehr. Christoph Hein ist uneitel genug, dies nicht zu betrauern.

Christoph Hein: Gegenlauschangriff – Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019; 122 S., 14,– €, als E-Book 11,99 €