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Als der neue Star-Wars-Film Die letzten Jedi in die Kinos kam, haben sich die Filmemacher etwas ausgedacht, was die spektakulären Bilder locker überbot: Es gibt eine Szene, nur 15 Sekunden, in der die Tonspur ausfällt. Die Filmemacher wollten das Augenmerk auf die Bilder lenken. Der Überraschungseffekt führte so oft zu Beschwerden bei den Kinobetreibern wegen vermeintlich defekter Technik, dass Warnhinweise an den Kinotüren angebracht wurden. In einer Kirche würde es solche Warnhinweise nicht geben müssen. Schließlich ist "Stille" ein Schlagwort in kirchlicher Kommunikation. Es gibt stille Zeiten am Morgen, und Veranstaltungsplakate kombinieren das Wort gerne mit "Sehnsucht". Das Bild dahinter zeigt, der Jahreszeit entsprechend, entweder irgendwas mit Wolken oder eine Kerze im Dunkeln.

Wie fühlt sich geteilte Stille an, mitten in einem Gottesdienst? Die Gemeinde ist vorbereitet. "Fünf Minuten Stille" steht im Zettel mit dem Ablauf, da, wo regelmäßige Gottesdienstbesucher die Fürbitten erwarten. Vorher ist alles wie immer. Singen, lesen, beten, predigen. Viel Musik. Die liturgische Dramaturgie läuft reibungslos. Immer Action. Immer ist was zu tun. Liederzettel aufschlagen. Aufstehen. Hinsetzen. Singen. Beten. Im Altarraum ist ein Kommen und Gehen wie an unsichtbaren Schnürchen, ruhig, routiniert, aber pausenlos. Eine Pause hieße: Irgendwer hat seinen Einsatz verpasst, das auffordernde Nicken der Pastorin übersehen. Dann kommt es. Das NICHTS. Fünf Minuten Stille. Keine meditative Untermalung mit Orgel oder E-Piano. Nicht mal ein Bild, das es zu betrachten gibt. Denn über dem Passionsbild über dem Altar hängt ein großes Tuch. In der ersten Minute gibt es noch die Geräusche, die Menschenansammlungen machen. Zettelknistern und leises Kichern in der letzten Reihe, ein strenges Psssssst. Eine Handtasche rutscht von der Bank. Irgendwer räuspert sich.

Die Stille dauert an. Und verändert sich. Bei Minute zwei ist die Stille am lautesten. Stoffknistern, Körperpositionen wechseln, der verstohlene Blick zur Uhr. Fünf Minuten sind lang, wenn man sie so verbringt. Ein Zwölftel einer Stunde, das ist im Alltag nichts. Doch diese fünf Minuten haben es in sich. Gedankenbilder ohne Tonspur. Christchurch und der Ärger über eine Mail, in öffentlichen Gebeten fein säuberlich getrennt, im Kopf schamlos übereinandergelegt. Jemand steht auf und geht. Die Tür fällt knarrend ins Schloss. Stille kann eine Zumutung sein. Irgendwann bei Minute vier passiert etwas Seltsames. Mein Nebenmann und ich atmen im gleichen Rhythmus. Die Stille wird zu einem riesigen, weichen Kissen, auf dem eine ganze Gemeinde Platz hat.

Vielleicht schläft der eine oder die andere kurz ein. Die Stimme der Pastorin schreckt alle auf. "Wir beten mit den Worten, die Christus uns gelehrt hat." "Das war der intensivste Gottesdienst seit vielen Jahren", sagen am Ausgang viele und lächeln verschwörerisch, als hätten sie ein Geheimnis aus der Kirche getragen.