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Als die Nachricht von dem Massaker in Neuseeland kam, dachte ich sofort an den Film 22. Juli. Darin geht es um den furchtbaren Anschlag in Norwegen, bei dem der Rechtsextremist Anders Breivik 77 unschuldige Menschen ermordet hatte. In der Schlussszene sagt der Anwalt: "Du hast verloren", Breivik entgegnet: "Es wird andere geben, die zu Ende führen, was ich begonnen habe."

Der 28-jährige Brenton Tarrant, der jetzt das Blutbad in Neuseeland angerichtet hat, ist einer dieser "anderen". In seinem Manifest nannte er sich von Breivik inspiriert. Als hätte er eine blutige Hassfahne von Norwegen übernommen und ans andere Ende der Welt getragen.

Die beiden haben vieles gemein: Sie sind Rassisten, Ausländerfeinde, Waffennarren, lehnen kulturelle Vielfalt ab, haben die Paranoia einer Übernahme Europas durch den Islam, aber kein menschliches Gefühl, beide konnten zeigen, dass Hass selbst in friedlichsten Weltgegenden wurzelt, und träumen von einer auf Rasse gegründeten Dystopie.

Dieser rassistische Hass schürt Gegen-Hass. Fanatiker des Religionskriegs radikalisieren sich beim Kämpfen, wie aneinander geschliffene Messer sich schärfen. Breivik drohte in seinem Manifest, Türken zu töten, wenn sie "über den Bosporus nach Westen" kämen. Regierungspolitiker griffen sogleich nach dem Manifest, als käme es als Blut für den Wahlkampf wie gerufen. Bei Kundgebungen wurde das Video der Anschläge gezeigt. Das Manifest "Wir bringen die Türken um" traf auf die Paranoia "Die Kreuzritter kommen".

Den Ausweg aus diesem Strudel weisen die Neuseeländer, die zum Kondolieren in die Moschee eilten und sich rassistischer Aggression und Hassrhetorik entgegenstellten. Um aus diesem finsteren Tunnel herauszukommen, müssen Muslime auf Charlie Hebdo und die Zwillingstürme, Christen auf Bottrop, Essen, Quebec mit derselben Entschlossenheit und gemeinsam reagieren. Vor Gewalt strotzende Computerspiele, vor Hass sprühende Fernsehnachrichten/-serien, die selbstherrliche Rüstungslobby müssen unter Aufsicht gestellt werden.

Die Politik muss davon abgebracht werden, mit ausgrenzender Sprache Wähler zu gewinnen. Den in der neuen Weltordnung von Identitätspolitiken vergifteten Menschen, die soziale Sicherheit und Schutz einbüßten, aus Angst vor Jobverlust in Fremdenfeindlichkeit abgleiten und einen starken Führer wollen, der Flüchtlinge – wie auch immer – fortschafft, muss man die hybride Weltrealität vermitteln und mit sozialpolitischen Maßnahmen, Empathie-Erziehung und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten die Ängste nehmen.

Die verbindende Sprache von Kultur, Literatur, Sport und Musik ist gefragt. Die Stimme des Friedens muss mindestens so stark sein wie die des Krieges. Wir haben einen gewaltigen, schroffen Berg zu überwinden. Doch bewältigen wir diesen Hassberg nicht, schluckt er uns alle.

Hoffnung macht uns das von einem 17-Jährigen auf dem Kopf eines Rassisten zerschlagene Ei. Die eingangs erwähnte Filmszene geht mit der Replik des Anwalts auf Breivik weiter: "Wir werden euch besiegen! Meine Kinder, deren Kinder ... Wir werden euch besiegen!" Das ist unsere Utopie.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe